• Portrait of a sad teenage girl looking thoughtful about troubles
    Die minderjährigen Mädchen werden von den «Loverboys» psychisch abhängig gemacht und sexuell ausgebeutet. Die Mädchen denken so funktioniert eine Beziehung. ISie sehen sich also nicht als Opfer und suchen keine Hilfe – hier ist das Umfeld gefragt.  (dragana991)

Von der Prinzessin zur Prostituierten

Die Masche der «Loverboys»: Sie schreiben minderjährigen Mädchen über die sozialen Medien, spielen ihnen Liebe vor und beuten sie in der Folge sexuell aus. In Liechtenstein wurde der Landespolizei ein Fall gemeldet – die Dunkelziffer könnte viel höher sein.
Vaduz. 


Ein 13-jähriges Mädchen ist ständig am Smartphone. Über Monate hinweg verändert sie sich. Sie kleidet sich anders, hat viele Absenzen in der Schule, spricht fast keinen Satz mehr mit der Mutter. Plötzlich will sie über das Wochenende mit ihrer Freundin wegfahren. Die Mutter ist einverstanden. Doch sie trifft sich nicht mit ihrer Freundin, sondern mit einem jungen Mann. 
Sie hat ihn vor Monaten in den sozialen Medien kennengelernt. Er hat den ersten Schritt gemacht und ihr geschrieben. Er ist 25 Jahre alt. Sätze, wie «du bist hübsch» und «meine Prinzessin», schreibt er ihr. Sie erhält Aufmerksamkeit. Seit sich ihre Eltern scheiden liessen und sie alleine mit ihrer Mutter wohnt, ist es schwierig geworden. Sie schreiben über Monate hinweg. Sie verliebt sich in ihn – zum ersten Mal in ihrem Leben ist sie verliebt. Sie treffen sich, sie hätte eigentlich Schule. Sie haben Sex. Er spricht schlecht über ihre Mutter und Freundinnen. Sie schottet sich von der Familie und Freunden ab. Sie wird abhängig von ihm. Während dem Sex würgt er sie, bis sie ohnmächtig wird. Das ist normal erklärt er ihr. Sie weiss es nicht besser. 
Sie treffen sich ein ganzes Wochenende lang, in einer Hütte in den Bergen. Er lädt Freunde zu sich ein. Sie feiern, trinken Alkohol. Am nächsten morgen wacht sie auf. Sie hat Unterleibsschmerzen und auf dem Leintuch sind Blutflecken. Die «Freunde» sind  keine Freunde sondern Freier; das weiss sie aber nicht, sie wurde verkauft! 
So oder so ähnlich funktioniert die Masche der sogenannten «Loverboys». «Moderne Zuhälter», beschreibt sie Irene Hirzel, Geschäftsführerin der Act212, dem Beratungs- und Schulungszentrum Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung aus der Schweiz. Die jungen Männer – oft noch unter 30 Jahre alt – machen minderjährige Mädchen psychisch von sich abhängig, nutzen ihre Gefühle aus und bringen sie dazu Sachen zu tun, die sie nie machen würden. Der Loverboy erklärt ihnen, diese Sachen sei normal. Und da die Mädchen nicht wissen, wie Liebe funktioniert, halten sie es auch für normal: Das macht doch jeder so?

In Liechtenstein wurde der Landespolizei ein solcher Fall gemeldet: «Im September ging ein aktueller Fall mit dem ‹modus operandi› Loverboy in Kombination mit Sextortion ein», sagt Sibylle Marxer, Mediensprecherin der Landespolizei Liechtenstein. Der Polizei ist die Masche also bekannt. In der Schweiz gingen bei der Beratungsstelle von ACT212 17 Fälle  ein. «Die Dunkelziffer ist aber sehr viel höher. Ich gehe auch davon aus, dass es in Liechtenstein mehr Opfer gibt», erklärt Hirzel. In der Schweiz sei es laut Hirzel für Behörden, die die Masche Loverboy nicht kennen,  schwierig Opfer zu identifizieren. Obwohl es diese Masche schon seit etlichen Jahren gibt. 

Doch wie kann es sein, dass Mädchen sich würgen lassen, Pornos drehen, mit verschiedenen Männern schlafen, stehlen undsoweiter? «Die Bindung zum Täter ist extrem stark, die Mädchen sind fast zu 100 Prozent abhängig von ihm. Zudem können sie den Unterschied zu einer richtigen Beziehung nicht abschätzen», sagt Hirzel. Die Täter hätten oft keine Arbeit, besässen aber Statussymbole wie teure Autos. «Sie sind hochgradig manipulativ.»
Es sei extrem wichtig, dass die Gesellschaft und die Behörden auf dieses Thema sensibilisiert werden. Denn oftmals werden die falschen vor Gericht gestellt. So seien auch schon die ausgebeuteten Mädchen wegen Diebstahls, zu dem sie gezwungen wurden, vor Gericht verurteilt worden. Oder es wurde ein Freier wegen Vergewaltigung hinter Gitter gesperrt; hier ist die Rechtslage extrem schwierig zu beurteilen. «Es ist wichtig, dass der wahre Täter zur Verantwortung gezogen wird», erklärt Hirzel. Verändert sich die Tochter, trägt plötzlich aufreizende Kleidung, ist oft am Handy, abwesend in der Schule, hat keine Freunde mehr, sollten Eltern, oder auch Geschwister, Lehrer und Sozialarbeiter genauer hinschauen. Denn es sind nicht die Opfer, die Hilfe suchen und sich bei der Polizei melden. Hirzel sagt: «Die jungen Mädchen sehen sich nicht als Opfer und wenn, dann schämen sie sich für das, was sie machen müssen.» Meist schaltet sich also das Umfeld ein. Wichtig sei es, die Polizei zu kontaktieren oder sich bei der Beratungsstelle zu melden. Sie würden die Betroffenen zu Opferstellen und dem Rechtsschutz weiterleiten. So hätte sich erst vor Kurzem eine Mutter bei der Beratungsstelle gemeldet.  «Es ist sehr wichtig, dass Eltern wachsam sind», so die Geschäftsführerin. Denn Handys und somit das Internet ist Tor und Türe für Täter. Und es sind keineswegs spezielle Chatrooms, in denen sich die Täter herumtreiben. Es sind die sozialen Medien, wie «Snapchat» und «Instagram» über welche sie in Kontakt mit den Minderjährigen gelangen. Schaltet sich das Umfeld ein, ist es wichtig den Opfern zu signalisieren, dass immer jemand für sie da sein wird und ihnen keine Vorwürfe macht. 

Auch sind nicht immer minderjährige Mädchen betroffen, es können auch Jungen sein. In der Schweiz sei bisher noch kein Fall mit einem männlichen Opfer gemeldet worden, sagt Hirzel. In den Niederlanden hingegen gibt es sogenannte «Lovergirls». Sie beuten die minderjährigen Jungen aber nicht sexuell aus, sondern stiften sie zum Stehlen an. (qus)

29. Sep 2018 / 08:23
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