Liechtenstein: Goldenes Los gezogen

Im Königreich Bhutan ist das Glück der Einwohner Aufgabe des Staates. Deren Erfüllung wird regelmässig über die Erhebung der Ausprägung des sogenannten Bruttonationalglücks eruiert. Was meint der Liechtensteiner Gesellschaftsminister dazu? Das Interview mit Mauro Pedrazzini.

Was halten Sie von einem solchen Ansatz?

Mauro Pedrazzini: Der Mensch spürt einen Zustand viel weniger stark als eine Veränderung. Je höher der Lebensstandard ist, desto stärker muss die Veränderung sein, um ein zumindest für einige Zeit anhaltendes Glücksgefühl zu erzeugen. In Ländern mit geringem Lebensstandard und fortschreitender wirtschaftlicher Entwicklung bedeutet es den Menschen viel, wenn sie Zugang zu medizinischer Versorgung bekommen oder sich einen Kühlschrank, ein Fahrrad oder ein Motorfahrzeug leisten können. Im Vergleich dazu ist der empfundene Zugewinn an Glück in einer Wohlstandsgesellschaft durch ein Zweitauto oder eine grössere Wohnung gering. Es braucht in einer Gesellschaft mit hohem Lebensstandard besondere Anstrengung, sein Glück nicht durch materielle Dinge zu definieren. Die Förderung und Messung eines positiven Lebensgefühls wäre auch in Liechtenstein ein interessantes Unterfangen.

Verringert die Zugehörigkeit zur Wohlstandsgesellschaft  die Fähigkeit, glücklich zu sein?

Ich denke nicht, dass es Menschen in Ländern mit hohem Lebensstandard prinzipiell schwerer fällt, Glück zu empfinden. Sie empfinden aber wahrscheinlich weniger Glück aufgrund materieller Veränderungen.

Der bhutanische König Wangchuck prägte in den 1970er-Jahren die Haltung, das Bruttonationalglück sei wichtiger als das Bruttoinlandsprodukt. Könnte ein solcher Ansatz in der materialistisch orientierten westlichen Welt überhaupt funktionieren?

Das Materielle muss man in unserer Gesellschaft meines Erachtens grösstenteils als Hygienefaktor begreifen. Das sind Dinge, deren Vorhandensein die Unzufriedenheit eher verhindert, aber nicht wirklich zur Zufriedenheit beiträgt. Die Befragungen, welche zur Messung des Bruttonationalglücks durchgeführt werden, enthalten daher auch nichtmaterielle Aspekte wie psychisches Wohlbefinden, die Beurteilung der eigenen Gesundheit oder kulturelle und gesellschaftliche Fragestellungen. Ich denke, dass es für das Glück der meisten Menschen eine Balance zwischen materiellen und immateriellen Werten braucht.

Hat der Staat für das Glück der Bevölkerung zu sorgen?

Wir leben in einer Demokratie. Jede Partei überlegt sich bei der Erarbeitung eines Parteiprogramms und bei dessen Umsetzung, was die Bedürfnisse der Wähler sind. Sie geht davon aus, dass die Befriedigung dieser Bedürfnisse die Wähler glücklicher macht. In diesem Sinne ist der Mechanismus auch bei uns implementiert und der Staat sorgt für die Bevölkerung. Leider erschöpfen sich die Dinge meist in materiellen Aspekten, denn ein einfaches und sichtbares Arbeitsinstrument besteht darin, für als wichtig empfundene Projekte Geld zur Verfügung zu stellen. Der Staat kann also vielleicht «Glück von oben» schaffen. Glück ohne individuelle Anstrengung ist aber meines Erachtens eher selten. Dinge, die man sich selbst erarbeitet hat, machen glücklich. Was einem in den Schoss fällt, wird selten sehr geschätzt. Auch eine positive innere Einstellung kann nicht von oben verordnet werden. Beispielsweise sind Genügsamkeit und Dankbarkeit oft ein Schlüssel zum Glück.

Der Staat sollte sich also zurückhalten, um die Eigenverantwortung seiner Bürger nicht zu unterminieren.

Ich denke, die meisten Staaten haben das Selbstverständnis, das Glück und die Zufriedenheit ihrer Einwohner zu mehren, auch wenn sie das nicht so explizit betonen. Es gibt aber keinen «staatlichen Hauslieferdienst» für das Glück. Das Individuum muss danach streben, der Staat soll gedeihliche Rahmenbedingungen dafür bieten. Auch ist Glück sehr individuell. Der Staat muss also Vielfalt zulassen, damit jeder nach seiner eigenen Fasson selig werden kann.

Diese Seligkeit entspricht wohl dem Urinteresse eines jeden Gesellschaftsministers. Glück, sagte die Schweizer Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello schliesslich unlängst in einem Interview mit Radio SRF, ist essenziell für das Funktionieren einer Gesellschaft.

Da stimme ich zu. Ich denke, wir sollten in Liechtenstein ein positives Lebensgefühl, das meines Erachtens schon in unserer Gesellschaft steckt, wieder stärker betonen: Viel arbeiten und trotzdem locker bleiben, gleichzeitig das Leben geniessen, bei jeder Gelegenheit feiern und ausgiebig mit Freunden lachen, Humor haben und sich nicht zu ernst nehmen, das Leben in einer heiteren Gelassenheit verbringen, aber trotzdem mit vollem Einsatz Ziele verfolgen. 

Und der Staat soll «gedeihliche Rahmenbedingungen» bieten, um dorthin zu kommen. Wie stellen Sie sich das vor?

In der vor fast 250 Jahren geschriebenen amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ist als Menschenrecht das Recht auf Streben nach Glück aufgeführt. Nach meinem Empfinden muss der Staat den Menschen die Voraussetzungen bieten, dass sie einen Zustand des individuellen Glücks verfolgen können. Die wichtigsten Voraussetzungen dafür sind meines Erachtens der gute Zugang zu medizinischer Versorgung und zum Bildungssystem. Das ist bei uns erfüllt. Weitere wichtige Rahmenbedingungen sind ein gutes Sicherheitsgefühl sowohl bezüglich der Kriminalität als auch bezüglich wirtschaftlicher Aspekte. Auch eine geringe Arbeitslosigkeit wirkt sich positiv auf eine Gesellschaft aus. Dann wünsche ich mir das in der vorherigen Antwort beschriebene Lebensgefühl, aber das kann der Staat nicht verordnen.

Inwiefern sind auch sozialstaatliche Elemente von Bedeutung?

Ein Sozialsystem und ein Versicherungssystem, welches individuelles Unglück, wie es durch Krankheit, Unfall, Tod des Partners oder andere Schicksalsschläge auftritt, zumindest materiell gut abfedert, ist auch sehr wichtig für das Sicherheitsgefühl in einer Gesellschaft. Die formellen und informellen Sozialsysteme haben aber auch noch eine weitere wichtige gesellschaftliche Funktion: Sie helfen durch Gespräche und beraten. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt.

Was tut das Land Liechtenstein für das Glück seiner Einwohner?

Wenn man in Liechtenstein aufwächst, hat man das goldene Los gezogen. Aspekte wie Bildung, medizinische Versorgung, Sicherheit und Sozialsysteme sind bei uns hervorragend ausgebaut. Die Politik arbeitet seit Jahrzehnten an diesen Themen, und wir haben viel Geld dafür aufgewendet. Gegenüber anderen Staaten leisten wir uns oft einen Tick mehr, wir geben einen «liechtensteinischen Zuckerguss» darüber. Natürlich kann man immer noch etwas verbessern, und die Politik wird sich darum auch stets bemühen, aber im internationalen Vergleich stehen wir heute schon sehr gut da.

Wo orten Sie konkret noch «Luft nach oben»?

Man kann, wie eben erwähnt, überall noch etwas verbessern, aber wir befinden uns auf einem hohen Niveau, sodass diese Verbesserungen oft kaum mehr wahrgenommen werden. Wie gesagt, setzt Glück in der Regel auch individuelle Anstrengung voraus. In einer materiell bestversorgten Wohlstandsgesellschaft kann der Ansporn für diese Anstrengung verloren gehen, das ist ein bisschen meine Sorge. Auch der immer weitere Ausbau der Sozialsysteme birgt Gefahren. Mehr ist nicht immer besser.

Was meinen Sie, wie glücklich ist Liechtenstein?

Die Wahrnehmung ist selektiv und die Erzeugung von Nachrichten ist auf Sensation ausgerichtet. Das Schlechte verkauft sich in den Medien besser, und viele Gruppierungen wollen sich mit Alarmismus wichtigmachen. Daher muss man in der Wertung dessen, was man liest und hört, sehr kritisch sein. Ein kleines Beispiel: Wir wollten letztes Jahr die Situation im Bereich der Kinderbetreuung erheben und haben dazu eine Umfrage in Auftrag geben. Hierfür haben wir erstens den Kreis der Teilnehmer auf die direkt betroffenen Eltern eingeschränkt. Zweitens haben wir zwei Fragen nach der Zufriedenheit mit der eigenen konkreten Betreuungssituation und dem eigenen Arbeitspensum hinzugefügt. Rund 90 Prozent beantworteten diese beiden Fragen mit «sehr zufrieden» oder «eher zufrieden». Ich denke, die Menschen in Liechtenstein sind glücklicher als es bei der Lektüre der Leserbriefspalten den Anschein macht.

Nochmals zurück zum bhutanischen Weg: Wäre eine daran angelehnte Erhebung des «Liechtensteiner Glücks» und die Ableitung konkreter Massnahmen daraus eine denkbare Option für Sie?

Es gibt immer wieder Umfragen und Erhebungen, welche sich mit den Aspekten befassen, die im «Bruttonationalglück» enthalten sind. In einem demokratischen System mit regelmässigen Wahlen befassen sich die Parteien immer wieder mit konkreten Aspekten der Verbesserung. Eine Landtags- oder Gemeinderatswahl ist auch so etwas wie eine Umfrage. Und zwar eine ziemlich wirksame. Es wäre zwar interessant, eine explizite Umfrage zum Thema Glück durchzuführen, aber ich zweifle daran, dass dies zu besseren Ergebnissen führen würde. (Interview: Oliver Beck)

Hinweis

Das diesjährige Staatsfeiertags-Magazin des «Liechtensteiner Vaterlands» verschreibt sich dem Thema Glück. Erscheinungsdatum ist der 13. August.

 

Info Landesspital in Triesen

Gesellschaftsminister Mauro Pedrazzini: «Glück ohne individuelle Anstrengung ist meines Erachtens eher selten».

In Bhutan, einem gut 38 000 km2 grossen Königreich am östlichen Rand des Himalaya-Gebirges, geniesst das Glück der Einwohner einen Stellenwert wie sonst nirgendwo auf der Welt. Es ist Staatsaufgabe. «Wenn die Regierung die Bevölkerung nicht glücklich machen kann», ist bereits im bhutanesischen Rechtskodex des 18. Jahrhunderts unmissverständlich festgehalten, «dann hat sie auch keine Daseinsberechtigung.» Auch das Herrscherhaus ist ein Verfechter des Glücks. Gegenüber einem britischen Journalisten meinte der damalige König Jigme Singye Wangchuck Ende der 1970er-Jahre, dass das Bruttonationalglück (BNG) wichtiger sei als das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Mittlerweile hat sich der vom Monarch geprägte Begriff zum politischen Leitmotiv aufgeschwungen und ist ein in der Verfassung garantiertes Recht. Die staatliche «Gross National Happiness Commission» widmet sich der Förderung des BNG und misst mittels breit angelegter Umfragen wiederholt dessen Ausprägung. Im Wesentlichen basiert das bhutanische Bruttonationalglück auf vier Säulen. Dies sind die Förderung einer sozial gerechten Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung, die Wahrung und Förderung kultureller Werte, der Schutz der Umwelt sowie gute Regierungs- und Verwaltungsstrukturen. (bo)

 

12. Aug 2019 / 11:29
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