• Gesprächsrunde, Vaduz
    In einem geschlossenen Kreis konnten die elf Schülerinnen und Schülern Daniel Seger ihre Fragen stellen.  (Tatjana Schnalzger)

«Liebe kennt kein Geschlecht»

Das Klassenzimmerstuck zum Thema sexuelle Orientierung des Jungen Theaters Liechtensteins gastierte in den Räumlichkeiten des 10. Schuljahrs in Vaduz. Der Landtagsabgeordnete Daniel Seger sprach anschliessend offen über sein Outing.

Etwas unsicher betreten die elf Schülerinnen und Schüler des 10. Schuljahrs das Klassenzimmer. Sie wissen nicht genau, was sie bei diesem interaktiven Theaterstück erwartet. In einer Ecke sitzt stillschweigend die Schauspielerin Susanna Hasenbach. Nachdem sich die Schüler hingesetzt haben, wird es ruhig. Es ist so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Die professionelle Schauspielerin erhebt sich im Einklang mit einem Musikstück, das eingespielt wird. Sie bewegt sich langsam durch den Raum, steigt auf einen Stuhl und dann auf ein Pult. «Ich wusste schon fruh, dass ich lesbisch bin, wusste es aber nicht in Worte zu fassen.» So beginnt die Geschichte einer jungen Frau und ihrer Furcht, Unsicherheit und Einsamkeit. Die Angst vor Abweisung. Das Gefühl des Andersseins. 
Immer wieder geht die Schauspielerin auf die Schüler zu, integriert die Jugendlichen in kurzen Szenen und gibt Fakten preis. «Sechs von zehn Homo– oder Bisexuellen Menschen haben sich schon einmal überlegt, sich das Leben zu nehmen.» Rein statistisch gesehen, könnte in jeder Schulklasse Liechtensteins ein Schüler schwul, oder eine Schülerin lesbisch sein. «Homosexualität ist angeboren und keine Wahl», erklärt Hasenbach in ihrer Rolle der Sabine. 

«Das ist doch voll in Ordnung»
Ziel des Stücks ist es, bei den Schülern in vertrauter Umgebung Hemmschwellen  abzubauen und den Lehrpersonen den Weg ins Theater und hin zu gesellschaftskritischen Themen zu erleichtern. Und: sie für Chancengleichheitsfragen zu sensibilisieren. Dies unterstützt auch der Rechtsanwalt und Landtagsabgeordnete Daniel Seger. Nach dem 40­– minütigen Klassenzimmerstuck «Erdbeere mit Schlagrahm» erhält die Schauspielerin Susanna Hasenbach tosenden Applaus von den Zuhörenden. Gemeinsam mit Daniel Seger bilden die Schüler mit ihren Stühlen einen Kreis. Seger stellt sich den interessierten Jugendlichen kurz vor. Er erklärt ihnen, dass er vor seinem Coming-Out panische Angst hatte. «Ich erzählte zuerst meinen besten drei Kollegen, dass ich schwul bin. Sie haben es alle gleich akzeptiert.» Auch sein Bruder habe extrem entspannt reagier. «Das ist doch voll in Ordnung», habe er gesagt. Durch diese Reaktion fiel Seger eine grosse Last von den Schultern. Nach seinem Outing wurde ihm rasch bewusst, dass er gar niemand anderes kannte, der auch schwul sei. 

Die «Lindenstrasse» hatte einst mit schwulen Handlungssträngen deutsche Fernsehgeschichte geschrieben: 1987 knutschte Carsten Flöter (Georg Uecker) seinen damaligen Freund Gerd Weinbauer (Günter Barton) – eine völlige Neuheit im biederen deutschen Vorabendprogramm. An diese Szene erinnert sich auch Seger und meint: «Heute ist das natürlich ganz anders. Viele Prominente, Schauspieler oder Musiker outen sich als schwul oder lesbisch. Aber früher war das anders».

Angst vor Abweisung von Freunden und Familie 
Seger fragt die elf Jugendlichen, ob sie jemanden kennen würden, der schwul, lesbisch oder bisexuell ist. Die Schüler erzählen ganz offen über ihre Erfahrungen. Es wird die Frage gestellt, ob Seger Erfahrungen mit Personen habe, die transsexuell sind. Er erzählt ihnen von seinem ehemaligen Chef, der sich als transsexuelle Person outete und heute als Frau lebt. «Sie ist eine gute Freundin von mir und gibt auch regelmässig Vorträge, um ihre Erfahrungen zu teilen», so Seger. 

Er persönlich habe durch seine sexuellen Orientierung keine schlechten Erfahrungen gemacht, er sei auf Verständnis gestossen. Er gehe regelmässig ins Fitnessstudio und dusche dort auch in der Männerkabine. Auch da sei nie eine dumme Bemerkung gefallen. Aber er kenne Geschichten von anderen Personen die nach ihrem Coming-Out Abweisung von Freunden und Familien einstecken mussten. «Man brach einfach den Kontakt mit ihnen ab». Ihm sei wichtig, den Schüler und Schülerinnen zu vermitteln, dass es egal sei, welches Geschlecht bevorzugt werde, «solange die Liebe im Mittelpunkt steht». (nb)

30. Mai 2019 / 14:32
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