• «Im Vergleich zeigt sich, dass der Kokainkonsum in Liechtenstein in etwa dem von München oder Vorarlberg entspricht», sagt Amtspsychiater Roland Wölfle.  (iStock)

Kokain wird zur «Droge für jedermann»

Der Preis für das Rauschmittel ist in den vergangenen Jahren um rund ein Drittel gesunken – dadurch können sich mehr Leute das weisse Pulver leisten.

Gesellschaftliche Entwicklungen verändern den Drogenkonsum. Während Kokain früher als «High-Society-Droge» galt, ist das Betäubungsmittel durch einen Preisabfall zwischenzeitlich auch in anderen Gesellschaftskreisen en vogue. Der Bauarbeiter wie der Jugendli­che kann sich das weisse Pulver leisten, das mit 100 Schweizer Franken pro Gramm ungefähr ein Drittel so viel kostet wie zu früheren Zeiten. Der verminderte Preis lässt sich durch ein erhöhtes Angebot, bedingt durch eine grössere Nachfrage, erklären. Während der Schwarzmarktwert sank, ist gleichzeitig der Reinheitsgehalt der Droge gestiegen. Die Auswirkungen auf Individuum und Gesellschaft sind verheerend.

Der Preis hängt vom Distributionsweg ab
In den Medien scheinen bisweilen Spitzenlisten der europäischen Städte mit dem höchsten Kokainkonsum auf. Diese führen – neben Zürich – vor allem westeuropäische Hafenstädte wie Barcelona, London, Antwerpen oder Bristol an, in denen das Rauschmittel am günstigsten zu erhalten ist. Desto kürzer der Distributionsweg von den südamerikanischen Herkunftsländern, desto geringer ist der Preis und weniger «verschnitten» die Droge, wie sich herrausstellt. Gemessen wird das Konsumverhalten simpel durch Abwasseruntersuchungen in den Städten. «In Liechtenstein wurde diesbezüglich eine Abwasseruntersuchung 2016 vorgenommen», sagt der Amtspsychiater Roland Wölfle, Amt für Soziale Dienste. «Im Vergleich zeigt sich, dass der Kokainkonsum in Liechtenstein in etwa dem von München oder Vorarlberg entspricht.» Die Datenermittlung sei durch die Kleinheit und Offenheit Liechtensteins jedoch zusätzlich erschwert, denn viele Bürger konsumieren das Betäubungsmittel auch in der un­mittelbaren Umgebung wie in Buchs oder in anderen Orten der Schweiz wie Chur oder St. Gallen.

Auch wenn solche Unter­suchungen auf die Konsum­menge schliessen, können keine Aussagen über das Milieu getroffen werden. Wölfle verweist aber auf die ESPAD-Studie, bei der das Amt für Soziale Dienste beteiligt war: «Im Jahr 2015 wurden Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 bis 16 Jahren befragt. Daraus ergibt sich, dass nur zwei Prozent dieser Gruppe Erfahrungen mit LSD, Kokain, Ecstasy oder Amphetaminen haben. In dieser Altersgruppe gibt es nur Einzelfälle, die vielleicht irgendwann einmal Kokain konsumiert haben.» Darauf liesse sich schliessen, dass Kokain in Liechtenstein kein Thema für Jugendlichen sei. Doch seit 2015 ist der Drogenkonsum von Jugendlichen laut Kriminalstatistik stetig gestiegen: 2018 wurden bei den 14- bis 18-Jährigen rund 60 Vorfälle re­gistriert. Im Vorjahr waren es noch die Hälfte davon. Bei Jugendlichen oder jungen Männern und Frauen, die bereits die Volljährigkeit erreichten, komme das Problem des Mischkonsums zusätzlich auf: «Ein Drogenklient hat vor ei­niger Zeit berichtet, er würde Cannabis mit Kokain ‹strecken›, das eine, um in eine ‹chillige› Verfassung zu kommen, das andere, um nicht müde zu werden.»

Günstigere Droge mit bleibender Gefahr
«Wie mir Klienten berichtet haben, ist Kokain in den vergangenen Jahren deutlich billiger geworden. Während man früher für ein Gramm zwischen 200 und 300 Schweizer Franken bezahlte, liegt der Marktwert nun bei rund 100 Schweizer Franken», sagt Wölfle. «Auch der Reinheitsgrad hat sich in den vergangenen Jahren von rund 40 auf 70 Prozent erhöht.» Dabei bietet das Dark­net noch höhere Reinheitsgehalte, wie ein Gerichtsfall in Liechtenstein vom vergange­nen Jahr zeigt, als der Beschuldigte über jenes Portal Kokain mit einem Reinheitswert von über 90 Prozent bestellt haben soll. Logischerweise mindert ein höherer Reinheitsgehalt nicht die Gefahren, die im Rauschmittel lauern. Ein Ko­kainrausch beinhaltet laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen drei Stadien: Die erste Phase dauert 20 bis 60 Minuten und verleiht das eupho­rische Gefühl, das der Konsument sucht. Eine gehobene Stimmung wird von einem erhöhten Selbstwertgefühl, ei­nem gesteigerten Antrieb sowie einer stärkeren Sinneswahrnehmung und Kreativität begleitet. Konsumenten berichten von Sorglosigkeit und gesteigerter Libido. Nach dem Abklingen dieser Phase folgt das sogenannte Rauschstadium, bei dem der Nutzer bereits Wahnideen, Angstzustände oder Halluzinationen entwickeln kann. Beim dritten Stadium sind die anfänglichen euphorischen Gefühle ins Gegenteil umgeschlagen: Konsumenten berichten von Niedergeschlagenheit und Erschöpfung, verbunden mit Angstzuständen, Selbstvorwürfen oder auch Suizidgedanken. (dab)

20. Nov 2019 / 05:00
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