Immer weniger Hausgeburten möglich

Zum internationalen Tag der Frau, hat sich «die Liewo» mit zwei Hebammen unterhalten. Zwei Frauen, die einen wichtigen Dienst für die Frauen leisten.

Die Hebammen in der Region stehen unter Druck, denn sie werden immer weniger, während die Nachfrage steigt. Hausgeburten finden zwar kaum mehr statt, doch nimmt der Wunsch, in einem Geburtshaus zu gebären, zu.

Die Hebammen in der Region sind ziemlich ausgelastet. Zu welchem Zeitpunkt empfehlen Sie, sich bei einer Hebamme zu melden?
Irmgard Beerli: Ich begleite nur noch Frauen ab der 12. Schwangerschaftswoche bis zur Geburt (Haus- oder Beleggeburten) und im Wochenbett. Die Frauen rufen oft mit dem Schwangerschaftstest in der Hand an, also erfahre ich es ab und zu noch vor dem Vater. Da ich Teilzeit im Spital arbeite, kann ich fünf Frauen pro Monat begleiten. Mehr Frauen zu betreuen, geht sich zeitlich nicht aus, und deshalb musste ich 2019 über 80 Frauen eine Absage erteilen, die eine Beleggeburt oder eine Wochenbettbetreuung wünschten. Die Nachfrage wird immer grösser, so dass ich auch schon heuer einige Absagen erteilen musste.

Ist es nur hier der Fall?
Irmgard Beerli: In den Städten arbeiten mehr Hebammen, da gibt es höhere Kapazitäten.

Silvia Bättig: Dort sind sie auch anders organisiert. Es gibt zentrale 
Telefonnummern, über die Hebammen vermittelt werden. Hier haben wir das ansatzweise auch im Spital. Wir werden per SMS alarmiert, wenn eine Frau dringend eine Hebamme für das Wochenbett sucht.

Kommen zu wenig junge Frauen nach?
Silvia Bättig: Die Ausbildungsplätze sind zahlenmässig in den vergangenen zehn Jahren konstant geblieben. Dieses Jahr sind sie nun an der ZAHW auf 90 erhöht worden. Während wir früher in St. Gallen eine dreijährige Ausbildung absolvierten, ist es nun ein Fachhochschulstudium. Viele junge Hebammen arbeiten nach dem Studium aber gar nicht in ihrem Beruf. Und einige beginnen den Job nicht im Gebärsaal, sondern auf einer Wöchnerinnenstation.

Warum bleiben sie nicht in dem Beruf ?
Silvia Bättig: Für ein Bachelorstudium sind die Arbeitsbedingungen und die Entlöhnung verhältnismässig schlecht. Schichtarbeit, körperlich strenge Arbeit verbunden mit einer grossen Verantwortung.

Irmgard Beerli: Die jungen Menschen zieht es eher in die Stadt – auch wegen der Ausbildung – und sie bleiben dort. Am ehesten finden wir ausgebildete Hebammen, die in unserer Gegend aufgewachsen sind und wieder hierher zurückkehren.

Also sind die Rahmenbedingungen schwierig?
Silvia Bättig: Das ist meine Einschätzung. Die Gründe sind individuell, aber meines Erachtens ist die Schichtarbeit ein wesentlicher Faktor.

Irmgard Beerli: Nach dem Studium arbeiten 40 Prozent der Absolventen nicht auf ihrem Beruf.

Gibt es Männer in dem Beruf?
Irmgard Beerli: Nicht viele, hier in der Region gibt es keine männlichen Hebammen. In Holland dagegen gibt es Entbindungspfleger.

Wie unterstützt die Hebamme eine werdende Mutter?
Irmgard Beerli: Wir begleiten die Frauen, wenn sie es wünschen, schon ab der Frühschwangerschaft mit regelmässigen Kontrollen. Die Hebamme ist befugt, die Schwangerschaftskontrolle selbstständig durchzuführen. Ausser Ultraschall machen wir alle vorgeschriebenen Untersuchungen inklusive Blutentnahme und Abstriche. Die Hebammen begleiten gesunde Schwangere selbstständig und bei Risikoschwangerschaften zusammen mit einem Arzt. Bei auftretenden Komplikationen werden die Frauen ins Spital oder an einen Arzt überwiesen. Wenn die Frauen nach der Geburt nach Hause zurückkehren, kommt eine Hebamme vorbei ins sogenannte Wochenbett. Die Rückbildung der Gebärmutter wird überwacht, Damm­verletzungen bei der Heilung unterstützt, beim Stillen geholfen, die jungen Eltern in der Pflege und Betreuung ihres Babys eingewiesen. Wir stehen mit Rat und Tat zur Seite.

Heute bringen die meisten Mütter ihre Kinder im Spital zur Welt. Sind Hausgeburten noch gefragt?
Irmgard Beerli: Lediglich ein Prozent der Geburten in der Schweiz sind Hausgeburten. Es gibt in der Ostschweiz nur wenige, die das begleiten. Hier im oberen Rheintal sind dies die Hebammen vom Geburtshaus in Gams und ich. Für mich bedeutet das oft lange Fahrten zu den Frauen, denn ich decke ein Gebiet von Walenstadt bis St. Margrethen und ins Toggenburg ab. Ich begleite etwa zehn Hausgeburten im Jahr.

Warum gibt es so wenige Hausgeburten?
Silvia Bättig: Steht eine Hausgeburt an, muss die Hebamme allzeit bereit sein – egal wo man gerade ist. Man ist ständig im Pikett, und das möchte heute kaum jemand mehr.

Irmgard Beerli: Freie Tage sind rar und man weiss nie, wann man angerufen wird. Dann muss man von einer Einladung weg oder auch mal einen Theaterbesuch abbrechen. In den Geburtshäusern lösen sie das mit einem Schichtbetrieb.

Und wie sieht es auf Seiten der Frauen aus?
Irmgard Beerli: Trotz der vielen Untersuchungen mit Ultraschall werden auch Ängste geschürt. Sie freuen sich ihr Kind auf diese Weise sehen zu können, haben aber auch Angst vor möglichen Unregelmässigkeiten. Es wird viel über die Gefahr von Hausgeburten gesprochen, darum entscheiden sich die meisten Paare für eine Geburt im Spital. Oft erleben sie eine strenge Geburt mit etlichen Eingriffen in den natürlichen Ablauf, worüber sie dann berichten. Manchmal interpretieren sie die Eingriffe falsch oder fühlen sich zu wenig gut betreut. Klärende Gespräche mit der betreuenden Hebamme nach der Geburt würden viele erlebte Enttäuschungen und Vorurteile abbauen. Es sind einige «Geschichten» im Umlauf, welche die Ängste vor Hausgeburten schüren. Eine Studie aus den 90er-Jahren aber beweist, dass Geburten zu Hause mindestens so sicher sind wie im Spital. 

Wie läuft eine Hausgeburt ab?
Die Hebamme kontrolliert die Schwangeren regelmässig, und so können sie gut abschätzen, wann eine Geburt besser im Spital stattfinden sollte. Wenn das Baby in Steisslage liegt oder gar Zwillinge erwartet werden, kommt eine Hausgeburt nicht in Frage. Bei der Geburt im Geburtshaus oder zu Hause werden die Herztöne des Kindes intermittierend überwacht – nicht wie im Spital mit CTG (Herztonüberwachung). Es werden keine Eingriffe wie Einleitung, Wehenmittelgabe oder Periduralanästhesie (PDA) vorgenommen.

Silvia Bättig: Es schwebt häufig die Angst im Raum, dass etwas passieren könnte. Im Spital erhalten etwa 30 Prozent der Frauen eine PDA. 

Werden also Ihrer Ansicht nach zu viele Eingriffe vorgenommen?
Irmgard Beerli: In Deutschland wurde eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass nur etwa sechs Prozent aller Geburten ohne Eingriffe stattfinden. Eigentlich müsste diese Zahl  Angst machen. Für eine Hausgeburt braucht es eigentlich nicht Mut, sondern vielmehr Vertrauen in sich selbst und sein Baby. Weltweit kommen viel mehr Kinder zu Hause auf die Welt als in einem Spital.

Wie lange begleiten Sie schon Hausgeburten?
Irmgard Beerli: Schon seit 26 Jahren. Über 360 Hausgeburten waren es. Ich begleite zirka 50 bis 60 Frauen im Jahr durch die Schwangerschaft und die Geburt. Die meisten bei einer Beleggeburt im Spital Grabs. Immer häufiger wählen Frauen auch eine Geburt in einem Geburtshaus, wovon es in der Ostschweiz drei gibt. Je nachdem, wie sich die Nachfrage entwickelt, wird sich das Problem vom Hebammenmangel noch verschärfen.

Silvia Bättig: Das Angebot wird rückläufig. Es kommen nicht viele junge Hebammen nach, die freiberuflich arbeiten wollen.

Irmgard Beerli: Die Arbeit als Hebamme ist sehr anspruchsvoll und häufig belastend. Vor allem als Hausgeburtshebamme steht man oft alleine da. 
Silvia Bättig: Die Verantwortung ist riesig. Im Spital erhält die Hebamme rasch Unterstützung, aber bei einer Hausgeburt muss sie jede Entscheidung alleine treffen.

Kann man sich als Eltern mit den Untersuchungen darauf vorbereiten, was kommt?
Irmgard Beerli: Viele werdende Eltern meinen, mit all den Untersuchungen und Ultraschall wissen sie genau, was auf sie zukommt. Obwohl sie darauf aufmerksam gemacht werden, dass nicht alles gefunden werden kann, was bei der Entwicklung eines Kindes nicht in Ordnung ist. Sie meinen häufig, sie wollen nur wissen, wenn etwas nicht stimmt, damit sie sich darauf vorbereiten können. Dann lesen sie im Internet und quälen sich wochenlang. Wenn das Baby auf die Welt kommt, ist der Schock trotzdem gross. Ich denke, man kann sich kaum auf ein Kind mit Behinderung vorbereiten, nur lernen, es anzunehmen und zu lieben, wie es ist.

Werden die Mütter anspruchsvoller?
Irmgard Beerli: Sie lesen alles im Internet nach und machen sich dann Sorgen, was sie noch essen dürfen, wie sie sich verhalten sollen … und rufen dann bei den Hebammen an. Wir versuchen zahlreiche Ängste wieder abzubauen. 

Silvia Bättig: Trotz der gesellschaftlichen Entwicklung bleibt die Geburt ein ganz natürlicher Prozess, der am besten läuft, wenn man am wenigsten eingreift. Meiner Meinung nach wäre es das Beste, wenn eine Frau von Anfang an von einer Hebamme betreut würde und erst dann weitergeleitet wird, wenn etwas nicht normal verläuft.

Irmgard Beerli: Das bleibt wohl eine Wunschvorstellung. Es gibt immer mehr Risikoschwangerschaften.

Silvia Bättig: Die Frauen werden auch immer älter, bis sie Kinder bekommen.

Was hat sich rund um die Geburt verändert?
Irmgard Beerli: Der Umgang mit dem Schmerz. Bereits vor 30 Jahren gab es die PDA, sie wurde den Frauen aber kaum angeboten. Über Stunden hat man die Frauen in den Wehen begleitet, mit ihnen geatmet, sie massiert und beruhigt. Sie mussten die Schmerzen aushalten und haben es auch akzeptiert. Heute kommen Frauen mit dem Wunsch nach einer PDA ins Spital, weil sie kaum Schmerzen spüren möchten und erhalten sie auch. Viel häufiger bieten wir nach den Geburten Gespräche an, um sie besser zu verarbeiten.

Interview Hebammen in Vaduz

Irmgard Beerli und Silvia Bättig erzählen, warum Hausgeburten nicht so riskant sind wie allgemein angenommen wird.

Schmerzen sind ein Thema, aber auch das Halbwissen, das überall zugänglich ist. Immer mehr wird hinterfragt.

08. Mär 2020 / 12:57
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