• Schwester Lorena
    Mit ihrem unermüdlichen Einsatz will Schwester Lorena nicht zuletzt erreichen, dass Kinder in Papua-Neuguinea ohne Angst aufwachsen können.

«Ich hatte die Pistole sehr oft auf der Brust»

Im Hochland von Papua-Neuguinea kämpft Schwester Lorena dafür, die Welt der sich in Gewalt zu verlieren drohenden Urbevölkerung wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Ein Gespräch mit einer mutigen, von unendlicher Menschenliebe angetriebenen Frau.

Mit welchem Wort würden Sie Ihre Biografie umschreiben?
Schwester Lorena: Schön. Weil mein Leben voller Überraschungen und spannender Momente ist.

Könnten Sie sich auch mit «ungewöhnlich» arrangieren?
Das ist vielleicht sogar noch besser. Es deckt ein noch breiteres Spektrum ab.

Allein der Entschluss, Nonne zu werden ist wahrlich nichts Alltägliches ...
Nein. Als Sie mir Ihren Namen nannten, musste ich an einen alten Freund denken, der auch Oliver heisst. Mit 18 Jahren wollte ich ihn heiraten und ich habe damit geprahlt, später einmal eine junge, lebendige Mutter zu sein. Eine, die ihren Kindern etwas bieten kann. Aber zugleich schwirrte in meinem Hinterkopf schon immer dieser eine Gedanke herum: «Samnaun, die Schweiz, das ist mir zu eng. Ich möchte ein Leben in Freiheit.» Und dann, eines Abends, erlebte ich meine Berufung. Auf der Tanzfläche. Also sagte ich zu Oliver: «Wir haben heute das letzte Mal miteinander getanzt.»

Wie hat er darauf reagiert?
Er ist aus allen Wolken gefallen und hat mich gefragt, was denn passiert sei. «Ich gehe ins Kloster», habe ich ihm geantwortet. Darauf meinte er, ich spinne doch. Später habe ich von meiner Mutter erfahren, dass er erst fünf Jahre, nachdem ich nach Papua-Neuguinea gegangen war, zu fragen aufhörte, wann ich zurückkomme. Er konnte einfach nicht glauben, dass ich im Kloster bleibe.

Er hat sich ganz offenkundig getäuscht.
Für mich bedeutet das Kloster bis heute Selbstfindung, Freiheit, Lebensfülle und Lebensmöglichkeiten. Das mutet für viele komisch an, aber genau so verhält es sich. Ich habe diesen Weg als junge Frau gewählt – mitsamt Zölibat. Gerade diese bewusste, klare Wahl hat mich vollends zur Frau werden lassen. Ich kann dadurch so vielen Kindern helfen, ihnen Liebe und Zärtlichkeit geben.

Wie ging es nach Ihrem Berufungserlebnis weiter? Sind Sie gleich am nächsten Tag ins Kloster eingetreten?
Oh, nein! Zu Hause entbrannte ein Familienkrieg. Unter fünf Kindern war ich das einzige Mädchen. Vor allem meine Mutter hat meine Entscheidung lange nicht verkraftet. So weit war es erst, als ich nach 14 Jahren in Papua-Neuguinea nach Hause kam, weil mein Vater im Sterben lag. An seinem Bett sagte ich ihm, dass ich nach wie vor ihr Kind sei, dass ich ihnen nochmals dafür danken wolle, dass sie mir als damals 20-Jährige das Jawort für den Eintritt ins Kloster Baldegg gegeben hatten, und dass ich nun für ihn da sei. Da ist meine Mutter zusammengebrochen und sagte, dass sie dereinst auch auf diese Weise sterben wolle. Und ich war dann auch für sie da, als es so weit war.

Sie haben Ihr schon früh sehr ausgeprägtes Bedürfnis nach Freiheit erwähnt. Das konnte sich mit einem Leben hinter Klostermauern doch gar nicht vertragen. War für Sie schnell klar, dass Sie dort nicht Ihre Erfüllung finden werden?
Überhaupt nicht. Ich habe gekämpft, provoziert, wollte verändern. Das Noviziat war für mich eine interessante Zeit. Wir Novizinnen haben uns unter dem Eindruck der Nachkonzil-Jahre immer wieder Sachen einfallen lassen, die man im Kloster so bislang nicht gemacht hat. Das Klosterleben war für uns nie etwas, das sich hinter Mauern abspielt, sondern in direkter Beziehung zu den Menschen steht.

Weshalb haben Sie das Kloster Baldegg dann trotzdem verlassen und sind Missionsschwester geworden?
Weil es mich in die Welt hinauszog. Ich wollte meinen Lebensplan in einem Land verwirklichen, in dem die Menschen nicht die Möglichkeiten wie wir im Westen haben, in dem ich gemeinsam mit den Menschen entwickeln kann, was sie für ihre Lebensverwirklichung benötigen. 

Und hierfür schienen Ihnen die abgelegenen Southern Highlands von Papua-Neuguinea der ideale Ort zu sein.
Schon nach den ersten Monaten spürte ich, dass das passt. Nach zwei Jahren wusste ich: Das ist das Land meiner Wahl, meine Wahlheimat. Im nächsten Jahr werde ich 40 Jahre dort tätig sein.

Was waren die ersten Eindrücke, die Sie von der anfänglich fremden Welt gewannen?
Etwas Einmaliges war das erstmalige Erleben der dortigen Natur – dieses Üppige, Fruchtbare, Strahlende. Die Berge, die Sonne, das satte Grün in allen möglichen Schattierungen. Aber auch die Menschen: Mit ihrer harmonischen, frohen Art passten sie genau in all das hinein und tun es bis heute.

Die Insel hat jedoch noch eine andere Seite …
Ja, auch die Gewalt ist ein Teil von Papua-Neuguinea. Allerdings ist das, so wie ich es wahrnehme, zu einem grossen Teil von aussen aufgezwungen worden. In meinen ersten Jahren habe ich nicht ein Drittel des heutigen Gewaltausmasses erlebt. Klar, Gewalt war schon immer da. Sie gehört zu jedem Menschen. Das Problem war, dass die Bevölkerung Papua-Neuguineas sich hinsichtlich des Umgangs mit den Bodenschätzen des Landes nie selbst organisieren konnte. Als dann die sogenannte entwickelte Welt im Zuge des Goldrauschs vor 70 Jahren auf die Insel aufmerksam wurde, hat niemand auf die dort lebenden Menschen geachtet. Es ging nur darum, möglichst viel zu erbeuten. Das Gas- und Ölvorkommen hat das später noch massiv verstärkt. Die indigene Bevölkerung wurde schlagartig ins modernste Zeitalter katapultiert, ohne es zu wollen. Gewalt ist der Ausdruck des Versuchs, der eigenen Hilflosigkeit zu begegnen.

Sie haben in Interviews auch immer die sehr ausgeprägten patriarchalischen Strukturen jenes Landes erwähnt.
Ein Mädchen weiss dort, dass der Vater oder der Onkel irgendwann festlegen wird, wen sie heiratet. Sie hat eigentlich kein Selbstbestimmungsrecht. Der Mann hat das Verfügungsrecht über die Frauen – wie auch über alles anderen. Auch im Parlament findet das bis heute seinen Ausdruck: Wenn es nur schon zwei weibliche Abgeordnete gibt, ist das viel. Und normalerweise versucht man, diese auch noch loszuwerden. Was bei alldem freilich nicht vergessen werden darf: Gerade im Hochland sind Männer zugleich Krieger. Ich habe selbst vier grosse Sippenkämpfe erlebt, in denen die Männer kämpfen mussten. Vor diesem Hintergrund begreift man auch, weshalb das erste Kind in einer Ehe unbedingt ein Sohn sein muss. Mädchen ziehen später nicht in den Krieg. Aber sie müssen gebären, damit genügend Krieger nachkommen.

In Summe mutet das nicht unbedingt wie ein Ort an, der zum Bleiben einlädt. Waren Sie nie abgeschreckt? Drauf und dran Ihre Koffer zu packen?
Ich musste der Gewalt sehr oft ins Auge schauen, hatte das Messer am Hals, die Pistole auf der Brust. Es waren Momente, in denen ich mir sagen musste: «Das ist nicht mehr der Mensch, den ich kenne.» Aber genau darin lag für mich immer die Faszination des Bleibens. Wenn jemand so reagiert, weisst du, dass etwas nicht stimmt. Und du fragst dich, wie das, was entgleist ist, wieder in die Spur gebracht werden kann. Wie du helfen könntest.

Und diese Faszination war von Anfang an da?
Von Anfang an. Aber als Neuankömmling musste ich das, was zur Schweiz gehört, was zum Verhalten eines Schweizers gehört, was zum Kloster gehört, hinter mir lassen. Ich musste den Sprung vollziehen, mir klarmachen, dass ich jetzt hier bin und gemeinsam mit den Menschen etwas bewirken möchte.

Hatten Sie ein Stück weit vielleicht auch genug von der westlichen Zivilisation?
Wenn ich heute nur schon in ein Einkaufszentrum gehe und dieses unglaublich grosse Angebot sehe, dann bin ich verloren. Das ist nicht mehr meine Welt. Und ich glaube schon, dass das immer schon tief in mir drin war. Ich bin arm, aber glücklich aufgewachsen. Das hat meinen weiteren Weg geprägt. Die Freude am Leben ist etwas ganz Zentrales. Und das will ich möglichst vielen Menschen weitergeben. Indem ich ihnen die unvergänglichen Grundwerte des menschlichen Lebens näherbringe und darauf fussend etwas mit ihnen entwickle, möchte ich sie in die Lebensfülle führen.

Es geht Ihnen demnach auch nicht so sehr darum, den christlichen Glauben zu verbreiten.
Als Nonne bin ich natürlich christlich geprägt. Das ist ein wesentlicher Teil von mir. Aber ich versuche nicht, andere davon zu überzeugen. Ich bin offen für alle Konfessionen.

Damit Sie überhaupt etwas bewirken können, müssen die Menschen Ihnen vertrauen. Wie haben Sie das geschafft?
Ich denke, ihr Vertrauen habe ich mir im Laufe mehrerer Jahre gesichert, indem ich bis heute in allen Belangen an ihrem Leben teilnehme. Ich esse mit ihnen, gehe mit ihnen in den Busch, bin dort, wo Menschen in Not sind. Und das alles immer auf Augenhöhe, nie von oben herab. Kürzlich meinte einer zu mir: «Deine Haut ist zwar immer noch weiss, aber innen bis du schwarz wie wir.»

Und doch mussten Sie miterleben, wie sich in den letzten Jahren ein neues, grausames Phänomen eine Bahn brach, das Sie als Hexenwahn umschreiben. Was geschieht da?
Den Anfang bildet meist ein Unglück – zum Beispiel der Tod einer in der Dorfgemeinschaft einflussreichen Person –, für das keine Erklärung gefunden werden kann. Also wird ein Sündenbock gesucht. Von einer Frau, die besonders kräftig ist, heisst es dann mitunter plötzlich, dass sie doch eine Hexe sein müsse, welche die Person verhext, vergiftet, getötet habe.

Was passiert dann?
Dann wird die Frau ausgefragt – unter der Zuhilfenahme brutaler Mittel: Aufhängen, mit Feuer verbrennen und ähnliches. Bis sie schliesslich eine Aussage macht. Standhaft bleibt kaum jemand. Die meisten geben es irgendwann zu. Daraufhin müssen sie erklären, wie sie die Tat begangen haben. Oft beziehen sie im Zuge dessen eine weitere Person ein, die dann ebenfalls gefoltert wird. Immer wieder kommen Betroffene dabei zu Tode.

Was können Sie dagegen ausrichten?
Ich versuche die Menschen da rauszuholen und sie an einem sicheren Ort – mitunter auch ausserhalb der Provinz – zu verstecken. Momentan begleite ich 44 solcher Fälle.

Können diese Menschen jemals in ihre Heimat zurückkehren?
Indem wir sie wegbringen ist das Problem natürlich nicht gelöst. Wir müssen die Dorfgemeinschaft erneut aufsuchen. Dort warten dann Verhandlungen und Diskussionen, die sich über Wochen ziehen können. Jeder wird einbezogen, selbst die Kinder. Dabei achte ich darauf, nicht zu bestimmen. Ich zeige den Menschen nur Möglichkeiten auf, frage sie nach ihrer Meinung. Und wenn ich merke, dass sich meine Geduld dem Ende zuneigt, schalte ich eine Pause dazwischen. Ich möchte ausschliessen, dass ich den Ton angebe oder auf irgendeine Weise manipuliere.

Haben Sie damit Erfolg?
Immer wieder, ja. Wir können viel bewirken. Aber es braucht definitiv sehr viel Zeit.

Wie versuchen Sie abseits konkreter Fälle von Folter und Verfolgung zu wirken?
Wir betreiben Aufklärung in Schulen und Pfarreien. Ausserdem besuchen wir alle zwei Monate einen grossen Markt. Die vielen Menschen, die dort zusammenkommen, versuchen wir über Lautsprecher, Banner aber auch mit Rollenspielen zu erreichen und abzuholen. Wir wenden uns auch an die Polizei und bitten sie um Unterstützung.

Sind für die Ausbreitung des Hexenwahns die gleichen Mechanismen verantwortlich, die Sie für den generellen Anstieg der Gewalt verantwortlich machen?
Absolut. Gespukt hat es schon immer und überall. Aber in Wahrheit verbergen sich dahinter stets Gefühle, Emotionen, unverdaute Probleme und Ängste. Durch die Digitalisierung kamen Menschen, die ansonsten noch sehr ursprünglich lebten, mit der modernen Welt in Berührung. Sie haben nicht viel, aber ein Handy besitzen sie. Und auf dem Bildschirm sehen sie dann, was auf unserer Erde alles passiert: Politische Krisen, Kriege, Gewalt. Aber auch mit Pornografie sind sie plötzlich konfrontiert. All die vielen Eindrücke können sie gar nicht einordnen. Sie sind völlig überfordert und flüchten sich als Folge davon ins Übernatürliche.

Wer unterstützt Sie im Kampf gegen den Hexenwahn?
Die Gewaltbekämpfung geht grundsätzlich stark von den vier hier vertretenen Hauptkirchen – katholische, lutherische, anglikanische und unierte Kirche – aus. Sie arbeiten eng zusammen, suchen aber auch den Dialog mit dem Staat. Zudem wird versucht, die verschiedenen Freikirchen einzubeziehen. Das ist nicht in allen Provinzen einfach, aber in meinem Fall klappt es sehr gut. Meine 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehören neun unterschiedlichen Kirchen an. Dem Phänomen des Hexenwahns widmet sich auch die Wissenschaft. Wichtig ist in diesem Zusammenhang Philip Gibbs, ein Professor für Anthropologie an der Katholischen Universität Madang (eine Provinz Papua-Neuguineas, Anm. d. Red.). Mit ihm arbeite ich schon viele Jahre zusammen. Im letzten März haben wir einen Film produziert, der die Wirklichkeit schonungslos aufzeigt und von uns auch zu Aufklärungszwecken verwendet wird.

Der Staat scheint in Ihren Schilderungen allenfalls am Rande auf. Nimmt er das Problem zu wenig ernst?
Eigentlich sind Körperverletzung, Folter und Totschlag von Gesetzes wegen verboten. Auch wer jemanden der Hexerei bezichtigt, muss ins Gefängnis. Allerdings wurde bislang nicht ein Fall gerichtlich zum Abschluss gebracht. Vor einem Jahr beispielsweise fand in Madang ein grosser Prozess statt, für den eigens ein Richter aus Australien eingeflogen wurde. Es ging um einen besonders schlimmen Fall von Hexenwahn, in dem sogar Kinder getötet wurden. Doch letztlich geschah nichts. Sämtliche Personen, die eine Aussage hätten machen sollen, bekamen es mit der Angst zu tun und schwiegen.

Wie kann so etwas künftig verhindert werden?
Gemeinsam mit Professor Philip Gibbs planen wir, anhand eines Fallbeispiels eine Menschenrechtsstudie durchzuführen. Damit wollen wir die Regierung Papua-Neuguineas ein Stück weit unter Druck setzen, dafür zu sorgen, dass die Rechte der Menschen besser geschützt werden. Vor diesem Hintergrund war natürlich auch die Verleihung des Weimarer Menschenrechtspreises im vergangenen Dezember sehr wichtig.

Ihre Auszeichnung scheint auch Ausdruck davon zu sein, dass sich die internationale Gemeinschaft der Problematik und des Handlungsbedarfs durchaus bewusst ist.
Das denke ich auch. Nicht umsonst hat die UNO in ihrem letztjährigen Bericht auf den Hexenwahn in Papua-Neuguinea hingewiesen und herausgestrichen, dass dadurch jährlich mindestens 200 Menschen ihr Leben verlieren.

Bei Ihren Schilderungen drängt sich eine Frage auf: Wie schaffen Sie es, all das zu verarbeiten?
Wenn du nicht ehrlich zu dir selbst bist, ist das unmöglich. Auch ich komme an meine Grenzen, etwa, wenn ich bedroht werde. Doch dann muss ich mir bewusst machen, dass die Bedrohung ein gutes Signal ist. Sie zeigt mir, dass ein Mensch allmählich realisiert, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ehrlich zu mir selbst zu sein, heisst aber auch, mir einzugestehen, wenn ich einmal nicht in der Lage bin, an einer Verhandlung teilzunehmen. Dann versuche ich, Abstand zu dem zu gewinnen, was mich umgibt. Sehr oft, indem ich mit meinem Team einen Film anschaue.

Was sehen Sie sich dann an?
Filme, die absolut nichts mit Gewalt zu tun haben, die entspannend auf mich wirken, die mich abschalten lassen – Naturdokumentationen zum Beispiel.

Von Zeit zu Zeit gewinnen Sie nicht nur im Geiste Abstand, sondern setzen sich ins Flugzeug und reisen in die alte Heimat. Wie wichtig sind solche «Ferien» für Ihre Seelenhygiene?
Sehr wichtig. Gerade wenn die Situation angespannt ist. Wenn es um Leben und Tod geht. Für andere, aber manchmal auch für mich selbst. Das habe ich gerade erst im Zuge meines jüngsten Besuchs im Januar gemerkt. Wenige Tage vor meiner Abreise in die Schweiz hatte ich noch zwei der Hexerei beschuldigte Frauen gerettet und war dabei mit einer Waffe bedroht worden. Das hat mich an meine Grenzen gebracht. Als ich im Flugzeug sass, spürte ich, wie froh ich war, zu gehen. Von allem wegzukommen.

Sie finden auch immer wieder den Weg nach Liechtenstein. Welche Verbindungen haben Sie zu unserem Land?
Das Fürstentum ist für mich etwas ganz Besonderes. Mein Grossonkel Ludwig Jenal war einst Pfarrer in Eschen. Nach ihm ist übrigens auch eine Strasse im Ort benannt. Im Alter von zehn Jahren habe ich ihn gemeinsam mit meiner Grossmutter ein erstes Mal besucht. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie beeindruckt ich von Schloss Vaduz war. Ich wähnte mich in einem Märchen. Später wurde ei­ner meiner Brüder Zöllner in Ruggell und hat dort eine Familie gegrün­det. Bis heute besuche ich sie regelmässig.

Auch in Liechtenstein kam es im 16. und 17. Jahrhundert – wie in anderen Ländern Europas – zu  Hexenverfolgungen. Erkennen Sie Parallelen zwischen den damaligen Ereignissen und dem, was sich gegenwärtig in ihrer Wahlheimat zuträgt?
Es gibt grosse Ähnlichkeiten. Das Aufkommen der Hexenverbrennungen im Rheingebiet fiel in eine Zeit, in der es wiederholt zu Katastrophen kam – Überschwemmungen, Missernten, Viehsterben. Etwas war in Bewegung, aber niemand hatte eine Erklärung dafür. Verunsicherung griff um sich und die Leute begannen, Sündenböcke zu suchen und dafür irrationale Beweise anzuführen. So sollen zum Beispiel Anna Göldi, der letzten hingerichteten Hexe der Schweiz, 100 Sicherheitsnadeln aus dem Mund gequollen sein. In Papua-Neuguinea habe ich das auch schon gehört, allerdings waren es da Ratten.

Es dauerte Jahrhunderte bis Europa das düstere Kapitel überwunden hatte. Blüht Papua-Neuguinea ein ähnliches Schicksal?
Ich sehe grosse Möglichkeiten, das in den Griff zu bekommen. Wir sind auf einem guten Weg. Aber die Aufklärung muss weiterhin konsequent auf allen Ebenen stattfinden und alle miteinschliessen.

Werden Sie den Prozess noch aktiv zu Ende bringen können?
Ich denke, dass mich diese Arbeit noch bis an mein Lebensende begleiten wird. Zugleich weiss ich aber einige starke Führungspersönlichkeiten mit viel Einfühlungsvermögen in meinem Team – Männer wie Frauen. Deshalb trete ich bereits jetzt Stück für Stück in den Hintergrund und versuche zu unterstützen, wo es nötig ist. Bei den sensiblen Verhandlungen mit den Dorfgemeinschaften bin ich aber nach wie vor anwesend. 

Es hört sich so an, als würden Sie nicht mehr dauerhaft zurückkehren.
Solange ich bleiben kann, bleibe ich. Bruder Andrew, einer meiner liebsten Lehrer während meiner Lehr- und Wanderjahre und ein sehr guter Psychiater, hat immer gesagt: «Setz’ dich, fasse die Person dir gegenüber ins Auge, sei ruhig und bleibe, bis sie alles gesagt hat, was sie zu sagen hat.» Und das mache ich. (bo)

09. Mär 2019 / 19:36
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