• Carol Wyss
    Die Liechtensteinerin Carol Wyss lebt schon seit 1992 in London.

«Ich fühle mich als Europäerin»

Carol Wyss lebt als Künstlerin in London. Dieses Interview ist der Anfang einer Serie von Auslandsliechtensteinern, die im Brexit-Jahr aus ihrer britischen Wahlheimat berichten.

Wir treffen uns vor verschlossenen Türen. Ein mit massiven Ketten verriegeltes Tor blockiert den Durchgang zum Innern einer Parkgarage im Londoner Stadtteil Soho. Hier stellt Carol Wyss aktuell mit einer Gruppe internationaler Künstler aus. Sie soll hier einen Tag Aufsicht führen, eine gute Gelegenheit, mir ihre Installation zu zeigen. «Wir könnten das Schloss knacken und austauschen lassen», meint die Kuratorin. Sie ist ebenfalls anwesend. «Aber wer bezahlt das dann?» Uns ist schnell klar, dass hier heute so bald nichts passieren wird. Wir verlegen unser Gespräch in einen Coffee Shop ums Eck am Trafalgar Square. Der Touristenort ist von Teenagern im Klimastreik geflutet. Über uns rotieren Helikopter. Es ist ein relativ normaler Tag in der britischen Hauptstadt. Carol Wyss nennt sie seit 1992 ihr Zuhause.

Carol, was hat dich damals nach England geführt?

Carol Wyss: Ich zog damals nach London, um meine Englischkenntnisse zu verbessern und ein mögliches Kunststudium zu recherchieren. Ich wollte danach eigentlich weiterreisen.

Mit dem Studium hat es geklappt und in London bist du hängen geblieben.

Ich war schon auch auf Reisen, aber ja, London wurde zu meinem Zuhause.

Hast du mal noch woanders gelebt?

Nein, nur für kurze Zeiträume auch wieder in Liechtenstein. Ich arbeitete da fürs Kunstmuseum und manchmal auch an längeren Projekten. Auch heute bin ich immer wieder für Kunstprojekte da, und natürlich um Freunde und Familie zu sehen. Aber nicht mehr längerfristig.

Wie sehr beeinflusst dein  ­Beruf die Wahl deines Wohnsitzes?

Die Energie einer Stadt wie London ist für mich als Künstlerin auf jeden Fall faszinierend; man wird andauernd mit verschiedenen Realititäten und Kulturen konfrontiert. An London im Besonderen mag ich auch die Vielfalt an Kunstszenen, die sich teils überschneiden und teilweise total unabhängig voneinander funktionieren.

Glaubst du, du könntest in Liechtenstein als Künstlerin leben?

Leben schon – irgendwie. Aber ich weiss nicht, wie sich meine Kunst entwickelt hätte, wäre ich im Land geblieben. In London muss man ziemlich kämpfen, um wahrgenommen zu werden, man ist ein sehr kleiner Fisch in einem riesigen Teich. Das motiviert. Ich wurde eben erst in die renommierte Künstlergruppe The London Group aufgenommen. Ich bezweifle, dass mir etwas in der Grössenordnung gelungen wäre, hätte ich mich nicht dem inter­nationalen Wettbewerb gestellt.

Wie hat sich London seit deinem Zuzug verändert?

Als ich hier ankam, hatte nur Bar Italia in Soho guten Kaffee, jetzt haben sogar die meisten Pubs eine richtige Kaffeemaschine! London ist heutzutage viel überfüllter als in den 90er-Jahren. Seit 9/11 ist auch die Stimmung eine andere, der Überwachungsstaat ist inzwischen allgegenwärtig. Man spürt das im öffentlichen Transport, aber auch am National ­Health Service, im Park vor unserem Haus – überall hat es mehr Leute, man muss anstehen, Ruhe wahren. Aber da sind die Engländer ja Spezialisten.

Aus dem Du ist inzwischen ein Wir geworden.

Ja, vor 27 Jahren habe ich hier meinen Mann kennengelernt. Wir sind vom Nordwesten der Stadt in den Süden gezogen, als unsere Tochter zur Welt kam. Die Haus- und Mietpreise sind angestiegen und waren für uns als junge Familie einfach nicht mehr tragbar.

Eine Folge der Gentrifizierung?

Ja, die haben wir auf jeden Fall zu spüren bekommen.

Ist dein Mann Brite?

Halb Brite, halb Franzose. Unsere beiden Kinder, eine Tochter und ein Sohn, sind hier zur Welt gekommen. Und ich habe inzwischen auch einen britischen Pass.

Zu welchem Land fühlst du dich am meisten verbunden?

Ich fühle mich als Europäerin, schon immer und immer noch.

Man kommt heute nicht um die Frage herum: Wie beeinflusst der drohende Brexit ­deinen Alltag?

Die Situation, in die sich England gebracht hat, ist natürlich sehr ­deprimierend und dieses Chaos unnötig und beängstigend. Man fragt sich schon, wie das alles enden wird. Aber den steigenden Nationalismus gibt es ja nicht nur in England.

Was hält dich, abgesehen von deiner Familie, auf der Insel?

Ich schätze den Humor, mit dem die Engländer ihre oft selbst verschuldeten chaotischen Situa­tionen bewältigen. Genauso ihre Schrulligkeit, und dass sie diesen Eigenheiten Sorge tragen. Die Internationalität in London ist für mich auch nach wie vor wahnsinnig inspirierend.

Fürchtest du, dass der Brexit das Land weiter negativ beeinträchtigen wird?

Ja, leider schon. Das Land ist emotional zweigeteilt: Was immer jetzt passiert, wird eine Hälfte der Bevölkerung in einen noch grösseren Zustand von Wut und Frustration versetzen.

Gibt es einen Grund, der dich dazu bewegen würde, von England wegzuziehen?

Das Wetter, tatsächlich.

Wo würdest du leben wollen, wenn Geld absolut kein Thema wäre?

Abwechslungsweise in einer Holzhütte in den Bergen und in einem Eco-Stadthaus in London, Berlin oder New York. Ich vermisse die Berge, die frische Luft, die Ruhe, den Schnee und den reduzierten Stresslevel ausserhalb der Stadt manchmal schon sehr.

Was wünscht du dir für die ­Zukunft?

Dass die Politiker den Klimawandel ernst nehmen und entsprechend speditiv handeln. Meine Tochter schwänzt gerade für die Climate Change Marches in London die Schule – there is hope!

*Melanie Biedermann führte das Interview und lebt als freie Journalistin in London.

Liechtensteiner in England gesucht

Melanie Biedermann spricht mit Liechtensteinern, die ihre Eindrücke von England vor und während dem drohenden Brexit mit ihr teilen. Kennen Sie einen Liechtensteiner mit Wohnsitz in England? Falls Ihnen jemand einfällt, melden Sie sich bitte bei Melanie Biedermann per E-Mail (melanie.biedermann@gmx.ch) mit Namen und im besten Fall einer E-Mail-Adresse dieser Person. 

23. Apr 2019 / 11:01
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