• Uschi Waser spricht offen über ihr Schicksal als Verdingkind: «Es ist wichtig, dass die Menschen die Wahrheit erfahren. Darüber zu schweigen würde mich mehr Kraft kosten, als darüber zu sprechen.»  (Peter Klaunzer)

«Habe an kollektiven Selbstmord gedacht»

Uschi Waser erlebte das schreckliche Schicksal eines Verdingkindes. Darüber schweigen möchte die Schweizerin nicht. Sie erzählt ihre Geschichte – offen, ehrlich und berührend. Ruhe ist für sie allerdings noch nicht eingekehrt.

Frau Waser, wie viel Kraft kostet es Sie, über Ihr Leben als Verdingkind zu sprechen?
Uschi Waser: Das ist kein Kraftakt, denn es ist mir wichtig, dass die Menschen die Wahrheit erfahren. Darüber zu schweigen, würde mich Kraft kosten. Fast ein Leben lang hat mir niemand zugehört. Wurde ich angehört, bekam ich den Vorwurf, zu lügen. Die Wahrheit wollte einfach niemand wissen. 

Mit der Akteneinsicht über Ihre Kinderzeit sind Sie sich vor rund  30 Jahren Ihres Schicksals bewusst geworden. Wie sind Sie damit umgegangen?
Ich war erschlagen und enttäuscht. Ich verlor jegliches Selbstwertgefühl und glaubte, dass dies das Ende meines Lebens sei. Ganz ehrlich: Ich habe an kollektiven Selbstmord gedacht – ich wollte mir das Leben nehmen und meine Kinder mitnehmen. Nach der Trauer kam dann aber die Wut – und mein Sinn für Gerechtigkeit erwachte. Ich wusste ganz klar: Das will ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich habe zwei, drei Versuche gemacht und wollte mir auf meinem neu eingeschlagenen Weg von Psychologen helfen lassen – ohne grossen Erfolg. Denn diese Kröte kann mir im Endeffekt niemand so schmackhaft machen, dass ich sie schlucken kann. 

Auf wen genau bezieht sich Ihre Wut?
Wut ist das falsche Wort. Wenn jemand wütend ist, hat er sich nicht mehr unter Kontrolle – und ich habe mich unter Kontrolle. Nur: Ich verstehe heute noch nicht, was beispielsweise mein Aufsatz, den ich einst in der öffentlichen Gewerbeschule schrieb, in meiner Strafakte zu suchen hat. Ich muss ausholen: Ich wurde von meinem Stiefvater jahrelang vergewaltigt und missbraucht. Im letzten Heim, in dem ich lebte, habe ich ihn endlich angezeigt. In der Strafakte habe ich später diesen gerade erwähnten Aufsatz gefunden. Thema des Aufsatzes war: «Mein Spiegelbild – wie ich mich sehe.» Ich habe geschrieben, dass ich lernen wolle, meine Fantasie zu zügeln. Und dass ich zu dick bin. Ich wollte selbstkritisch sein, weil ich mir davon eine gute Note erhoffte. Dass er einmal in der Strafakte landet, hätte ich nie geglaubt. Inklusive Begleitschreiben: «Damit dies der Wahrheitsfindung dienen möge.»

Der erste Akteneintrag über Sie stammt aus dem Jahre 1953, als Sie drei Monate alt waren: «Ein neuer Ableger der Vagantität». Was löst dieser Satz in Ihnen aus?
Entschuldigen Sie bitte meine Ausdrucksweise, aber ich kann es nicht anders sagen: Es ist zum Kotzen. Menschenverachtend. Unglaublich verletzend. 
Bis zu ihrem 14. Lebensjahr haben Sie an 26 verschiedenen Orten gelebt. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Durchwegs schlechte. Ich könnte keinen Ort nennen, an dem ich zumindest kurzfristig eine gute Zeit erlebt hätte. Aufgrund der schlechten Zeugnisse über mich kam ich von einem Heim ins andere. Mein Ruf war jeweils bereits geschädigt, wenn ich nur schon zur Türe hereingekommen bin. Meine Mutter und Pro Juventute haben sich um mich gestritten. Meine Mutter hatte natürlich keine Chance. Sie war auch Opfer ihrer eigenen Geschichte. 

Warum wollte Pro Juventute Sie denn aus Ihrer Familie nehmen und in ein Heim stecken?
Zum einen «entvölkerte» Pro Juventute die Landstrasse im Auftrag des Bundes. Dazu kam, dass meine Mutter mit uns, mit mir und meinen beiden Geschwistern, völlig überfordert war. Sie war eine Jenische, gehörte zur Minderheit des fahrenden Volkes. Sie lebte zwar nicht in einem Wohnwagen, führte aber einen Lebensstil, der der damaligen Moral nicht entsprach. Sie hatte vier Kinder und war nicht verheiratet. Den Frust hat sie vielfach an uns Kindern ausgelassen. Es klingt brutal, aber es ist die Wahrheit: In ihrer Wut hat sie uns Kinder oftmals halb tot geschlagen. Zielscheibe war hauptsächlich ich als älteste Tochter. 

Was empfinden Sie ihr gegenüber?
Gleichgültigkeit ist das falsche Wort. Ich empfinde dennoch weder Liebe noch Hass. Ich muss es mir so zurechtrücken, damit ich mit dieser Geschichte leben kann. Das kann ich, indem ich sie einfach als bemitleidenswerte Person bezeichne. Ich kann und will sie nicht für voll nehmen. Denn würde ich davon ausgehen, sie hätte all dies uns Kindern in vollem Bewusstsein angetan, könnte ich nicht mehr damit leben. Für ihr Verhalten kommt mir einen Satz in den Sinn: «Denn sie wissen nicht, was sie tun ...»

Haben Sie jemals mit ihr über die Vergangenheit gesprochen?
Nein, mit ihr kann man nicht wirklich darüber sprechen. Sie meint, alles für ihre Kinder getan zu haben. Ich habe den Kontakt zu ihr abbrechen müssen. 
Wann haben Sie begonnen, abseits des tiefen Schmerzes wieder zu leben?
Eigentlich dachte ich immer, ich hätte nur Pech gehabt und sei auf den falschen Quadratmetern zur Welt gekommen. Deshalb habe ich mein Leben mit der Volljährigkeit selbst in die Hand genommen. Bis ich meine Akte gelesen habe ...

Warum haben Sie sich denn entschlossen, Ihre Akte lesen zu wollen?
1972 deckte die Konsumenten- und Breatungszeitschrift «Beobachter» einen Skandal auf. «Die hoch geachtete Pro Juventute hat jahrzehntelang fahrenden Familien ihre Kinder geraubt – mit behördlicher Duldung», stand unter anderem im Artikel. Ich wurde aufmerksam und wollte wissen, ob es über mich auch so eine Geschichte, niedergeschrieben in einer Akte, gibt. 

Und so eine Geschichte gab es tatsächlich. Schmerz, Verzweiflung, Ausbeutung und auch sexueller Missbrauch gehörten jahrelang zu Ihrem Alltag. Wie konnten Sie das alles verarbeiten?
Überhaupt nicht. Es ist vielmehr meine Stärke, mir in meinem Leben alles so zurechtzurücken, bis ich damit leben kann. Ich flüchtete und flüchte mich noch immer in schlechten Momenten quasi in eine Traumwelt. 

Wie gehen Ihre Kinder mit der Vergangenheit ihrer Mutter um?
Meine beiden Töchter kennen meine Geschichte. Wir sprechen allerdings nicht darüber und sie stellen auch keine Fragen dazu. Jedoch kennen sie meine Geschichte durch meine Öffentlichkeitsarbeit.

Lässt sich Ihr Erlebtes überhaupt mit etwas vergelten?
Nein. Geld ist eine Art von Anerkennung. Viel wichtiger aber ist, dass das Unrecht anerkannt wird. In meinen Akten steht beispielsweise, dass ich eine krankhafte Lügnerin bin. Dies wurde bis heute noch nicht widerlegt. 

Wie kann ein Staat überhaupt das begangene Unrecht aufarbeiten?
Indem es publik wird, dass so etwas überhaupt nie hätte passieren dürfen. Der Staat muss öffentlich dazustehen, dass unzählige Seelen von Kindern, heute Erwachsenen, zerstört wurden. Das wünsche ich nicht nur mir, sondern allen anderen Menschen, die solches Leid erfahren mussten. Hätte ich beispielsweise nicht meinen Lebenslauf «frisiert», hätte ich nicht den Hauch einer Chance gehabt, in meinem Leben Fuss zu fassen. Im letzten Heim, in dem ich lebte, musste ich die Ausbildung zur Damenschneiderin machen. Das war der einzig grosse Gewinn in diesem dunklen Kapitel. Denn der eidgenössische Fähigkeitsausweis hat mir die Tür zur Berufswelt geöffnet. Ich habe eine Ausbildung in der Pflege gemacht und später liess ich mich zur Spielgruppenleiterin ausbilden. Noch heute arbeite ich einmal in der Woche als Spielgruppenleiterin, was mich sehr erfüllt. 

Haben Sie die Ruhe für sich selbst gefunden? 
Die Erinnerungen lassen sich nicht löschen. Man kann nur lernen, damit umzugehen. Und das habe ich gelernt. Ohne Medikamente, ohne Alkohol und ohne jegliche Rauschmittel. Ich bin einfach froh, wenn mich nichts mehr aus der Bahn wirft. Die Ruhe kehrt allerdings erst dann ein, wenn der Staat seine ganze Aufgabe gemacht hat. Denn es muss davon ausgegangen werden, dass auch die Strafjustiz in vielen Fällen zum Nachteil der Opfer versagt hat und die Täter ungeschoren davonkamen. (bfs)


Hinweis
Donnerstag, 27. Februar, 19.30 Uhr, Küefer-Martis-Huus, Ruggell
Betroffene sprechen über ihre Schicksale als Verdingkinder – darunter wird auch Uschi Waser sein.

18. Feb 2020 / 16:35
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