• Hebammen, Triesen
    Nathalie Hofer (roter Pullover) und die anderen Liechtensteiner Hebammen haben heute weniger zu lachen. Die Corona-Krise trifft sie in einer ohnehin schon angespannten Situation.  (Tatjana Schnalzger)

«Frauen brauchen uns jetzt mehr denn je»

Nathalie Hofer, freischaffende Hebamme, erklärt, dass auch den Hebammen das nötige Schutzmaterial fehlt. Beschaffen müssen sie es selbst.

Es sind schwierige Zeiten – auch für die Hebammen. Die Corona-Krise trifft sie in einer Phase, in der sie ohnehin schon für längere Zeit ausgebucht waren. Und doch müssen sie derzeit noch mehr kurzfristige Hausbesuche als sonst erledigen. Nathalie Hofer, freiberufliche Hebamme und Geschäftsleiterin der Herztöne Hebammenpraxis, sagt: «Die Frauen brauchen uns jetzt noch mehr als zuvor. Wir müssen für sie da sein.» Der Grund des Mehrbedarfs: Die Mütter gehen aufgrund der Corona-Krise nach ein, zwei Nächten oder teilweise sogar nach wenigen Stunden im Spital bereits wieder nach Hause. Dies führt dazu, dass die Mütter daheim die zusätzliche Unterstützung und Pflege der Hebammen noch stärker benötigen. Das funktioniere aktuell noch gut, die Hebammen können die Versorgung übernehmen: «Wir müssen unseren Alltag sehr flexibel halten und nehmen jeden Tag so, wie er kommt.»

Für die Hebammen ist Schutzmaterial Mangelware

Nathalie Hofer hält es für richtig, dass die Mütter während dieser Zeit zu ihrem eigenen Schutz früher aus dem Krankenhaus entlassen werden. «Im Spital sind sie anders exponiert als in ihrem eigenen Zuhause», sagt sie. Neben dem straffen Zeitplan ist das grösste Problem der Hebammen bei den vermehrten Hausbesuchen, dass ihnen kein Schutzmaterial zur Verfügung steht – Mundschutz, Schürzen, Desinfektionsmittel, Schutzmäntel oder -brillen – alles Mangelware. Der Vorrat ist häufig aufgebraucht, und die am dringendsten benötigten Mundschutzmasken, Schutzbrillen oder -mäntel sind sehr überteuert. «Das macht die Anschaffung äusserst schwierig», so die Hebamme. Die Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbandes – an welchem sich die Liechtensteiner Hebammen orientieren – erklärt in einem Interview: Der Verband hätte sich gut organisiert, nun hätte sich aber gezeigt, dass das doch nichts gebracht hat. Sie fordert: «Wir Hebammen brauchen dringend Schutzmaterial!»

Die Schutzutensilien sind deshalb so wichtig, weil der geforderte Abstand von zwei Metern bei den körperlichen Untersuchungen nach einer Geburt nicht eingehalten werden kann: «Wir versuchen den Kontakt gering zu halten und machen nur das Nötigste.» Doch nur das Nötigste zu machen, sei ebenfalls nicht einfach: «Es ist schwierig, die Balance zu finden.» Durch die fehlenden Schutzmaterialien könnten die Hebammen Frauen, die positiv auf Covid-19 getestet wurden,  nicht nachbetreuen – zumindest nicht unter Einhaltung der vom Bundesamt für Gesundheit geforderten Schutzmassnahmen. Würde sich eine Hebamme mit dem Coronavirus anstecken, könnte sich aufgrund der sowieso schon geringen Anzahl in Liechtenstein tätiger Hebammen ein Mangel ergeben. «Dass sich mehrere Hebammen gleichzeitig anstecken und dadurch die Frauen nicht mehr ausreichend versorgt wären, ist meine grösste Angst», so Hofer. Sie habe privat jegliche sozialen Kontakte eingestellt.

Von verschiedenen Per­sonen im Umfeld haben die Hebammen in Liechtenstein jedoch einige gespendete Mundschutzmasken erhalten und mussten bis anhin dafür noch kein Vermögen ausgeben. «Ich schaue, dass ich für knapp zehn Tage Material zur Verfügung habe. Danach geht die Suche vermutlich wieder von vorne los.» Vor allem fehlen Schutzbrillen und -mäntel. Die Materialbeschaffung sei eine grosse Zusatzbelastung neben der angespannten Situation.
Die Hebammen haben angesichts der prekären Lage nichts unversucht gelassen. So haben sie auch das Amt für Gesundheit angeschrieben und um Unterstützung bei der Suche nach Schutzmaterial oder zumindest um entsprechende Kontaktangaben gebeten. «Es konnte uns nicht weitergeholfen werden, das fand ich wirklich schade», erzählt Hofer und ergänzt: «Wir müssen doch auch die Kleinsten dieser Welt schützen.»

«Wir sind als Fachpersonen momentan sehr gefordert»

«Die Zeit nach der Geburt ist für die Familien nachgewiesenermassen potenziell krisenreich», sagt Hofer. Dies potenziert sich in der jetzigen Situa­tion. Denn die Unterstützung sowie der Besuch von Verwandten und Bekannten fehlen komplett. «Wir führen neben den Hausbesuchen viele Telefonate mit den Eltern und versuchen, sie so gut es eben geht, zu unterstützen und da zu sein.» Die psychosoziale Belastung ist aktuell für die Mütter sehr hoch. Gerade auch für Frauen, die an einer Wochenbettdepression oder an anderen Erkrankungen leiden. «Für sie ist es momentan noch schwieriger, als es normalerweise schon wäre. Wir sind als Fachpersonen sehr gefordert», erklärt die Hebamme.

Die vermehrten Telefonberatungen stellen die Hebammen jedoch vor eine weitere zentrale Frage: Wie können sie diese abrechnen? Denn die Abrechnung des vermehrten Bedarfs an Telefonberatungen ist zwischen den Krankenkassen und dem Schweizerischen Hebammenverband bis jetzt nicht geklärt. «Aktuell können diese gar nicht abgerechnet werden», sagt Hofer. Hinzu kommt das altbekannte Problem des laut der Hebamme ohnehin bescheidenen Pikettgeldes von 120 Franken. Dieses erhalten die Hebammen als Gegenleistung für ihre Abrufbereitschaft für Frauen in der Wochenbettbetreuung. Die Frauen müssen den Betrag – anders als in den meisten Gemeinden der Schweiz – selbst übernehmen. Das stelle eine Herausforderung dar, gerade für sozial schwache Familien oder solche, die derzeit von Kurzarbeit betroffen sind. (qus)

27. Mär 2020 / 07:00
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...

Wettbewerb
puzzle ravensburger
Zu gewinnen 1 Ravensburger Puzzle Schloss Vaduz
23.04.2020
Facebook
Top