• Grenzöffnung
    Die Schweiz und Österreich wollen ihre Grenzen zu Italien vorerst nicht öffnen.  (Keystone)

«Ferien in Südtirol ab Juli sind möglich»

Nur 437 Personen sind in Südtirol mit dem Coronavirus infiziert. Arnold Schuler, der Südtiroler Tourismuslandesrat und Mitglied der Regierung, erklärt im Interview mit dem «Liechtensteiner Vaterland», warum es richtig ist, dass Italien die Grenzen am 3. Juni öffnen will.

Können Sie die Entscheidung Österreichs und der Schweiz verstehen, dass die Grenzen zu Italien vorerst geschlossen bleiben?

Arnold Schuler: Nein, diese Entscheidung kann ich nicht verstehen, da sie auch den Vorgaben der europäischen Kommission widerspricht, die Grenzkontrollen innerhalb Europas nun stufenweise wieder abzubauen. Es muss stärker nach Regionen und der jeweiligen epidemiologischen Situation differenziert werden. 

Wie ist die derzeitige Situa­tion in Südtirol bzw. wie viele Neuinfektionen gibt es?

Die Situation ist wesentlich besser als in einigen deutschen Bundesländern und in anderen Regionen Italiens. So hatten wir bereits Tage mit keinen neuen Infektionen und null Todesfällen, weshalb das Infektionsrisiko in Südtirol sicher sehr gering und überschaubar ist. Umso unverständlicher erachte ich die Entscheidung der Nachbarländer, die Grenzen nicht wieder zu öffnen, ohne die besondere Situation Südtirols zu berücksichtigen. 

Die Schweiz und Österreich haben wohl die Gesamtsituation in ganz Italien im Blick …

Ja, sie haben sicher noch die Bilder im Hinterkopf aus Italien oder aus Bergamo, wo die vielen Toten mit Militärfahrzeugen abtransportiert wurden. Es ist aber wichtig, auch einen Blick auf die aktuelle Entwicklung in Italien zu werfen, die ebenfalls differenziert nach einzelnen Regionen betrachtet werden muss. In der Region Basilikata gab es insgesamt nur knapp 400 Infektionen und in Molise sogar noch weniger. Meiner Meinung nach machte der Staat Italien zudem einen grossen Fehler, dass er bisher an den Reisebeschränkungen innerhalb des eigenen Landes festgehalten hat.

Arnold Schuler

Wie sieht Ihr Lösungsansatz für dieses Dilemma aus?

Der Lösungsansatz ist für uns ganz simpel, weil man diesen zu Beginn der Pandemie bereits praktiziert hat. Wir sollten nicht an den Schliessungen der Staatsgrenzen festhalten, sondern Reisewarnungen für bestimmte Gebiete Italiens aussprechen. 

Können Liechtensteiner, die Ferien im Juli und August in Südtirol gebucht haben, diese tatsächlich antreten?

Davon gehe ich aus und davon müssen wir auch ausgehen, weil bereits jetzt die Schäden der vergangenen Monate für den Tourismus und die Gastronomie enorm sind. 

Ist Südtirol denn bereit zum Neustart des Tourismus?

Auf jeden Fall. Wir haben aufgrund einer Autonomie auch eine von Italien unabhängige Lösung gesucht und ein Landesgesetz beschlossen. Es sieht vor, dass Bars und Restaurants bereits am 11. Mai und Beherbergungsbetriebe am 25. Mai wiedereröffnen dürfen – und wir haben auch festgelegt, un­ter welchen Voraussetzungen. Die Freischwimmbäder dürfen zum Beispiel benutzt werden, Hallenschwimmbäder, Sauna-und Wellnessbereiche bleiben aber geschlossen – ausser es ist möglich, besondere Massnahmen zu ergreifen. Diese werden wir noch definieren. Noch können wir nicht ganz zur Normalität zurückkehren. 

Wie sehen die Schutzkonzepte in den Restaurants aus?

Die Distanz von zwei Metern muss eingehalten werden, allerdings nicht von Personen und Familien, die im gleichen Haushalt leben. Wenn es nicht möglich ist, diese Abstandsregeln einzuhalten, gilt eine Maskenpflicht, oder Trennwände aus Plexiglas sollen für den nötigen Schutz sorgen. Sitzen Gäste Rücken an Rücken, dann gilt im Restaurant nur ein Mindestabstand von einem Meter. Wenn sich die Situation an Neuinfektionen weiter stabilisiert, werden wir im Juni bereits weitere Lockerungen umsetzen können. 

Wie hart hat der Lockdown den Tourismus getroffen? 

33 Millionen Nächtigungen im Jahr verdeutlichen, dass der Tourismus in Südtirol eine extrem wichtige Rolle spielt. Es leiden damit nicht nur 10 000 Betriebe unter der Krise, sondern zudem 35 000 Angestellte und auch mit dem Tourismus verbundene Branchen. Der Weinverkauf ist zum Beispiel stark in Mitleidenschaft ge­raten, weil Restaurants und Hotels geschlossen sind. Nach einer ersten Schätzung sind wir schon jenseits von einer Milliarde Euro an Umsatzeinbussen. 

Die Ankündigung der Nachbarstaaten, die Grenzen nicht zu öffnen, war demnach ein grosser Schock?

Auf jeden Fall. Es gibt eine Aufbruchsstimmung nach dieser schwierigen Zeit, weil Gastronomen nun mit der Wieder­eröffnung im Mai eine Perspektive haben. Auch die positive Entwicklung bei den Zahlen, dass es fast keine Neuinfektionen mehr in den vergangenen Wochen gibt, sorgte für Zuversicht und weckte die Hoffnung auf einen baldigen Neustart. Um diese Hoffnungen nicht zunichte zu machen, muss der Staat Italien sich jetzt dringend für politische Verhandlungen  ins Spiel bringen. (dal)

Hinweis: Bereits am 3. Juni will Italien Ausländern die Einreise erlauben – allerdings nur aus dem Schengen-Raum. Damit dürfen auch Schweizer und Liechtensteiner nach Italien reisen, ohne sich danach in Quarantäne begeben zu müssen. Laut Staatssekretariat für Migration (SEM) liegt die Einreise in die Nachbarstaaten in der Zuständigkeit der ausländischen Behörden. Die Schweiz hindert niemanden an der Ausreise. Auch die Rückreise für Schweizer, Liechtensteiner oder Personen mit Aufenthaltsbewilligung ist jederzeit möglich. Kommende Woche sind bilaterale Gespräche zwischen der Schweiz und Italien geplant. Die Schweizer Justizministerin Karin Keller-Sutter zeigte sich überrascht. Im Interview mit der «Samstagsrundschau» von Radio SRF bezeichnete sie die Ankundigung als «einseitigen Entscheid». Die Schweiz entscheide eigenständig, ob sie ihrerseits bereits am 3. Juni wieder Einreisen aus Italien zulassen werde.  (dal)

 

17. Mai 2020 / 21:50
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1 KOMMENTAR
Virus
Man möchte gar nicht wissen, was hier los wäre, wenn man tatsächlich eine gefährliche Pandemie hätte.
lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet 18.05.2020 Antworten Melden

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