• Ernst Lenherr in Gams
    Ernst Lehnherr im Kühlraum des Schlachtlokals.  (Daniel Schwendener)

Ein Metzger für den Notfall

Der Gamser Landwirt Ernst Lenherr schlachtet Tiere, deren Leben wegen eines Vorfalls ein Ende gesetzt werden muss.

Die Wände sind hoch und wiesengrün. Die Wandfarbe wird unterbrochen von metallenen Gegenständen. Werkzeuge, die ein Schlachter für seine Arbeit benötigt. Der Raum ist beklemmend und erlösend zugleich. Ernst Lenherr hat geputzt. Denn einen Tag zuvor musste er ein Triesenberger Kalb notschlachten. Es hatte einen Blähbauch. Sein Schlachtgewicht war schon fast erreicht. Hätte der Bauer dem Tier Antibiotika gegeben, hätte es mindestens zwei Wochen gedauert, bis die Giftstoffe wieder gänzlich ausgeschieden gewesen wären. Deshalb entschied der Bauer, das Nutztier früher als geplant zu töten. Eine Notschlachtung. Hierfür wird auch bei Liechtensteiner Tieren der Gamser Ernst Lehnherr angerufen – seit nunmehr fast zwölf Jahren. Die exakte Jahreszahl weiss er nicht mehr. 

Ernst Lenherr in Gams

Der frisch geputzte Schlachtraum.

Das Schlachten als Hobby
Seine Hände verraten seinen eigentlichen Beruf. Als Landwirt müssen sie anpacken können. Das Schlachten ist sein Hobby. «Ich mache das gerne», betont er. Ob er nicht manchmal Probleme damit hat, den Tieren das Leben zu nehmen? «Nein, es macht mir nichts aus, sonst könnte ich es ja nicht machen», sagt er. Die logische Antwort. 
Er respektiert die Tiere, doch «wenn es sein muss, dann muss es sein», erklärt er. Das sei der Lauf der Dinge. Doch er tut es anders, als man es aus den gruseligen Dokumentarfilmen kennt: «Unter den Tieren, die von der Laderampe kommen und in den Schlachtraum geführt werden, gibt es solche, die noch etwas Zeit brauchen, um die Gegend ein wenig zu betrachten.» Er gibt ihnen die Zeit. Sobald die schwere metallene Tür des Schlachtraums jedoch geschlossen ist, gibt es kein Zurück mehr, weder für die Tiere noch für Lenherr und den Besitzer. Anders als gedacht, bleiben die Tiere in ihren letzten Lebenssekunden immer ruhig. «Sie verhalten sich oft so, wie man sie behandelt.» Bevor Lenherr ihnen den Bolzen in den Kopf schiesst, streichelt er ihnen über das Fell. Ist der Bolzen abgeschossen, sind sie betäubt, sprich hirntot, und werden anschliessend endgültig getötet. 

Ernst Lenherr in Gams

Ein sogenannter Bolzen für grössere Tiere.

Notschlachten musste der Gamser schon so manches Tier, von Rindern über Kälber bis hin zu Schweinen, Hasen und auch schon zwei Pferden. Die Gründe für den Entscheid zu einer Notschlachtung können ein gebrochener Fuss, ein Blähbauch, eine übertragbare Krankheit sein – oder auch eine Kuh, die ihr Kalb nicht gebären kann. Letztere sind auch jene Einsätze, die Lenherr am meisten mitnehmen. Bei solchen Notschlachtungen wird die Kuh während der Geburt betäubt. Folglich muss ihr das Kalb herausgenommen werden, sodass wenigstens das Kälbchen überlebt. Dass er aufgrund einer Krankheit auf einen Schlag mehrere Tiere notschlachten musste, ist bisher erst einmal vorgekommen. «Vor vier oder  fünf Jahren gab es Verdachtsfälle auf Tuberkulose. Damals musste ich in der Folge vier bis fünf Rinder schlachten.» Gebrochene Knochen beispielsweis kämen im Winter häufiger vor als im Sommer, da in der kalten Jahreszeit die Böden der Laufställe, die sich oft unter freiem Himmel befinden, plötzlich eisig werden. 

Organe werden heute oft nicht mehr gegessen
Das Fleisch des notgeschlachteten Tieres kann in den meisten Fällen gegessen werden. Manchmal gebe es eitrige Körperstellen, die müsste er natürlich entfernen. Das Triesenberger Kalb zum Beispiel wurde 
in der Hälfte auseinandergeschnitten, die Organe herausgenommen, gehäutet und anschliessend im Kühlraum ­aufgehängt. Dort bleibt es nun für rund drei Wochen. «Bis das Fleisch gereift ist», ergänzt Lenherr. Anschliessend erhält der Landwirt, wie gewünscht, das Fleisch. Dieser Bauer wollte auch die Zunge. Sie hängt nun als langes Muskelstück an ­einem Fleischhaken. Organe wie Lunge und Nieren würde man heute nicht mehr essen. «Am ehesten wollen die Kunden noch die Leber oder das Herz», sagt er. Dass man die Organe heute nicht mehr essen würde, sei eine Wohlstandserscheinung, meint er. Bis Lenherr ein Tier – es kommt natürlich auf die Grösse an – komplett zerlegt hat, können mehrere Stunden bis zu einem Tag vergehen. Anschliessend wird das Schlachtlokal, das seit 25 Jahren in Gams steht, geputzt und auf Vordermann gebracht. 

Alle drei Jahre Weiterbildungskurs
Als Notschlachter ist Ernst Lehnherr 365 Tage im Jahr auf Abruf bereit. Den zeitlich speziellsten Einsatz hatte er vor einigen Jahren an Heiligabend. Damals war es ebenfalls ein Kalb, das Probleme mit seinem Magen hatte und deshalb getötet werden musste. Alle drei Jahre absolviert Lenherr einen Weiterbildungskurs zum Thema «Tierethik»; das macht er gerne und es interessiert ihn auch. Auch wenn es bei seinem Hobby um das Töten der Tiere geht, liegt ihm ihr Wohl vor ­allem während der letzten ­Lebensminuten sehr am Herzen. (qus)

24. Jan 2020 / 21:51
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