• PK Ärztekammer Vaduz 170119
    Stefan Rüdisser sieht einen Lichtblick: «Durch das Masterstudium an der HSG ist mit einer vermehrten Ansiedlung von Ärzten in der Region Ostschweiz zu rechnen.»  (Daniel Ospelt)

«Die Bedarfsplanung ist ein Hemmschuh»

Mit der bevorstehenden Pensionierung des Kinderarztes Dr. Dieter Walch droht Liechtenstein eine Unterversorgung in der Kinderheilkunde. Einen Nachfolger gibt es bisher nicht. Im Interview spricht Stefan Rüdisser von der Ärtzekammer über die Problematik.
Vaduz. 

Herr Rüdisser, welches sind die konkreten Gründe dafür, dass bis heute kein Nachfolger für Dr. Dieter Walch gefunden wurde? Gab es den keine potenzielle Kandiaten?
Stefan Rüdisser: Wir bedauern es ausserordentlich, dass die monatelange Suche nach einem Nachfolger bis heute nicht von Erfolg gekrönt war. Die Kammer ist seit Monaten in engem Kontakt mit Dr. Walch, hat mögliche Nachfolger vermittelt und die Gespräche mit Interessenten begleitet. Dennoch ist es leider trotz aller Anstrengungen bis heute nicht gelungen, eine Nachfolgelösung aufzugleisen. Die Gründe, sich schliesslich doch gegen eine Praxisübernahme zu entscheiden, waren bei den einzelnen Interessenten sehr unterschiedlich gelagert, konnten jedoch allesamt von der Praxis Walch nicht beeinflusst werden, da sie in der beruflichen oder familiären Sphäre der Interessenten lagen. 

Wie sieht die Ärztekammer die Entwicklung der praktizierenden Kinderärzte in Liechtenstein? «Für die Zukunft droht eine Unterversorgung in der Kinderheilkunde», sagten Sie vergangenes Jahr gegenüber dem «Vaterland». Wie wird die Ärztekammer dem entgegenwirken?  
Die drohende Unterversorgung ist in erster Linie kein Liechtenstein-spezifisches, sondern ein überregionales Problem, welches sich aus der Tatsache ergibt, dass zu wenig Kinderärzte vorhanden sind. Erschwerend kommt jedoch hinzu, dass die Bedarfsplanung ein Hemmschuh für die Niederlassung in Liechtenstein ist. Dadurch geniesst die Schweiz, welche keine Bedarfsplanung kennt, einen Standortvorteil bei der Rekrutierung der begehrten Kinderärzte. Dieser Standortvorteil gilt notabene für alle Fachgebiete, nicht nur für Kinderärzte. Die Nie-derlassung in der Schweiz ist für Ärzte generell deutlich einfacher und attraktiver als in Liechtenstein, die Bedarfsplanung ist trotz aller Optimierungen ein deutliches Rekrutierungshindernis. Die Ärztekammer selbst kann daher nicht direkt Einfluss auf den Kinderärztemangel nehmen, sie kann nur versuchen, Kinderärzte aktiv zu rekrutieren.

Die Kinderärzte in Liechtenstein betreuen viele Kinder aus der Schweiz, da das angrenzende Rheintal massiv unterversorgt ist. Mit der Pensionierung von Dr. Walch sollte sich dies nochmals steigen. Werden Kinder aus Liechtenstein bevorzugt behandelt? 
Dass eine Praxisnachfolge bei Dr. Walch gescheitert ist, bedeutet nicht automatisch, dass die Kapazitäten nicht kurz- bis mittelfristig nachbesetzt werden können. Die Ärztekammer wird weiterhin mit Hochdruck an einer Nachbesetzung der OKP-Stelle von Dr. Walch arbeiten. Bis dahin kann jedoch eine kurzzeitige Unterversorgung nicht ausgeschlossen werden, da die verbleibenden Kinderärzte die zahlreichen Patienten von Dr. Walch nicht beziehungsweise nicht allzu lange kompensieren werden können. Die Kammer geht überdies nicht davon aus, dass eine Patientengruppe aufgrund ihres Wohnortes bevorzugt behandelt wird. Für Ärzte ist der Wohnort des Patienten grundsätzlich irrelevant, im Fokus steht der Mensch und die Hilfsbedürftigkeit, nicht die Postleitzahl.

Hat die Ärztekammer diesbezüglich auch Kontakt zu der Regierung oder dem Gesundheitsminister aufgenommen, um auf die Problematik aufmerksam zu machen? 
Das Ministerium für Gesellschaft ist durch die periodisch stattfindenden Unterredungen darüber informiert, dass auf eine Praxisnachfolge hingearbeitet wird. Dem Ministerium wurde auch dargestellt, dass sich die Rekrutierung von Kinderärzten aufgrund der Kapazitätsengpässe sehr schwierig gestaltet und dass die Bedarfsplanung die Versorgungskontinuität grundsätzlich negativ beeinflusst. Seitens des Ministeriums wird hier aber leider kein Handlungsbedarf gesehen.

Wie könnten Anreize geschaffen werden, damit Mediziner sich vermehrt zu Kinderärzten ausbilden lassen?
Die Attraktivität des Berufs muss wieder gestärkt werden. Sicherlich wäre eine angemessene Entschädigung im Vergleich zu anderen Fachgebieten ein erster Schritt. Der FL-Arzttarif hat den Kinderarzt vergleichsweise bessergestellt, als dies der Tarmed tut. Tarmed belohnt den Einsatz von technischen Apparaturen, die «intellektuelle» Leistung wird jedoch schlecht honoriert. Da der Kinderarzt wenig Medizintechnik im Einsatz hat und die Patienten zeitintensiv sind, ist die Entlohnung des Kinderarztes unterdotiert. Die hohe Arbeitsbelastung aufgrund des Kapazitätsengpasses ist sicherlich auch ein Grund, sich gegen die Weiterbildung zum Kinderarzt zu entscheiden. Hierbei handelt es sich um einen Teufelskreis, da der Kapazitätsengpass die jungen Ärzte abschreckt, sich dadurch die Kapazitäten nicht markant erhöhen und dadurch weiterhin junge Ärzte abgeschreckt werden. Die Einführung des «Joint Medical Master» im Jahr 2017 gibt jedoch Anlass zur Hoffnung, dass sich wieder vermehrt junge Ärzte in der Region Ostschweiz zu Kinderärzten weiterbilden und dann auch in der Region «hängen bleiben». Die Erfahrung zeigt, dass sich viele Ärzte in der Region, in welcher sie sich aus- beziehungsweise weitergebildet haben, niederlassen. Dies trifft vorwiegend auf die Grossregionen Zürich, Bern und Basel zu. Durch das Masterstudium an der HSG ist mit einer vermehrten Ansiedlung von Ärzten in der Region Ostschweiz zu rechnen, was dazu führen könnte, dass die ohnehin geringe Anzahl an neu ausgebildeten Kinderärzten auch wieder vermehrt in der Region verbleiben.

*Dieses Interview wurde schriftlich geführt.
 

«Abschaffung kommt nicht infrage»

Die Nachfolgeregelung des Kinderarztes Dr. Dieter Walch ist bisher noch nicht geklärt. Wie Stefan Rüdisser von der Ärztekammer im Interview erklärt, käme erschwerend hinzu, dass die Bedarfsplanung problematisch sei für die Niederlassung in Liechtenstein. «Die Tatsache, dass es wenig Kinderärzte gibt, hat nichts mit der Bedarfsplanung zu tun», kontert Gesundheitsminister Mauro Pedrazzini. Die Ärztekammer und der Krankenkassenverband hätten ein verbessertes Verfahren für die Praxisnachfolge ausgearbeitet, dass seit kurzer Zeit angewendet werde. «Ich habe angeboten, dass ich anhand der dabei gemachten Erfahrungen offen bin für weitere Verbesserungen. Eine Abschaffung der Bedarfsplanung, wie von Teilen der Ärztekammer schon mehrfach gefordert, kommt für mich aber nicht infrage», so Pedrazzini auf Anfrage. (nb)

 

11. Feb 2019 / 22:04
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