•  (Tatjana Schnalzger)

Arbeit ist das halbe Leben – oder mehr als das?

Im Laufe der Geschichte hat sich der Begriff Arbeit grundlegend gewandelt. Bis zum Mittelalter diente sie rein dem Überleben. «Arbeit ist die natürlichste Tätigkeit des Menschen», ist der deutsche Philosoph David Precht überzeugt.

In der Literatur wurde schon oft über sie sinniert: die Zukunft der Arbeit. Schon 1870 beschrieb Jules Verne, dass Elektrizität die Dampfkraft ablösen würde. Fast 150 Jahre sind seither vergangen, an der grossen Frage hat sich aber nicht viel geändert: Wie verändert sich die Berufswelt in der Zukunft? Eine magische Kristallkugel, um darin die nächsten 10, 20 Jahre zu sehen, gibt es nicht. Ein Leben ganz ohne Arbeit kann sich kaum jemand vorstellen. Schliesslich ist sie für die meisten Grundlage ihrer Existenz. Darüber hinaus ist Arbeit mit Wertschätzung, Selbstverwirklichung, Bestätigung und dem Gefühl, dazuzugehören, verknüpft. «Arbeit ist die natürlichste Tätigkeit des Menschen. Durch Arbeit wird der Mensch zum Mensch. Fällt das 5000 Jahre alte Grundprinzip unserer Gesellschaft weg, entsteht ein gesellschaftliches und persönliches Vakuum, das mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr zu füllen ist», ist Philosoph Richard David Precht überzeugt.

Arbeit kann aber auch belasten und krank machen. Doch heutzutage leben wir in einer Gesellschaft, in der die Arbeit unser Leben bestimmt und ohne die man schnell zum gesellschaftlichen Aussenseiter wird. Arbeiten, um zu leben oder leben, um zu arbeiten? Wie auch immer die persönliche Antwort auf diese Frage lauten mag, sie verrät viel darüber,  was Arbeit für den Einzelnen bedeutet. Gehört man zu den Menschen, die in ihrer Arbeit Erfüllung suchen und finden, für die ein Leben ohne Arbeit kaum infrage käme? Oder träumt man schon seit Jahren vom berühmten Sechser im Lotto, von Palmen, Strand und süssen  Nichtstun? Für die meisten Menschen liegt die Wahrheit vermutlich irgendwo dazwischen.

Was ist Arbeit?
Das Gabler Wirtschaftslexikon definiert Arbeit als «zielgerichtete, soziale, planmässige und bewusste, körperliche und geistige Tätigkeit». Im Nachschlagewerk finden Lesende eine Definition, die weitere Definitionen erfordert. Die Definition des Gabler Wirtschaftslexikons spricht nämlich nicht von Arbeit im Allgemeinen, sondern meint vielmehr die Erwerbsarbeit. Sie ist eine Form von Arbeit, wie etwa die Hausarbeit auch. Die Unterteilung in geistiger und körperlicher Arbeit scheint ebenso logisch zu sein. Aber auch diese Definition hat ihre Schwächen. Ist Sport Arbeit? Und was ist mit Hobbys, wie zum Beispiel die Welt bereisen, Lesen oder Puzzeln?

Zweck der Erwerbsarbeit ist die Existenzsicherung. Sie war zu Beginn unmittelbar – Menschen jagten ihre Nahrung und beschafften sich so die Materialien für den Bau ihres Unterschlupfs. Soziale Differenzierung, die zunehmende Spezialisierung (Arbeitsteilung) und die Tauschwirtschaft haben dazu beigetragen, dass heutzutage die meisten Menschen in kapitalistischen Gesellschaftssystemen ihr Leben mittelbar sichern können. Normalbürger gehen in eine Firma, verrichten dort Arbeit, bekommen dafür Geld und kaufen damit ein. Die Risiken, bei der Nahrungsbeschaffung von einem Jaguar gerissen zu werden, sind zum Glück nur noch theoretischer Natur.

Sinn oder Unsinn?
In der Antike war körperliche Arbeit keine Selbstverständlichkeit im Leben der Menschen. Sie hatte keinen besonderen Wert, sondern war einfach zum Leben notwendig. Reiche und machtige Menschen liessen die Arbeit, die getan werden musste, von Dienern und Mägden erledigen. Sie selbst vermieden körperliche Tätigkeiten. Stattdessen philosophierten oder politisierten sie lieber und entspannten sich dabei. Diese Einstellung hielt sich bis zum Mittelalter. Arbeit diente den Menschen dazu, um überleben zu können. Die Menschen, die auf dem Land wohnten, arbeiteten als Bauern. So konnten sie die Nahrung für sich und ihre Familie selbst anbauen. Reich konnten sie damit nicht werden. Aber wozu auch mehr arbeiten als nötig, wenn Wohlstand und das Sammeln von Luxus zu dieser Zeit als lasterhaft, also als ungut galten? Stattdessen feierten die Menschen lieber fröhliche Feste. Das ändert sich mit Martin Luther im 16. Jahrhundert. Bei ihm wird Arbeit zur Berufung, Müssiggang zur Sünde.Im Zeitalter der Reformation und noch stärker im 17. und 18.

Jahrhundert wurde Arbeit schliesslich als Legitimation von Eigentum und Quelle von Reichtum aufgewertet.
In der modernen Gesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts entscheidet der Beruf wie kaum etwas anderes über die soziale Zuordnung des Einzelnen. Doch bei vielen lässt das Hamsterrad grüssen und sie versuchen – wenn sie es sich leisten können oder wollen –, etwas zu ändern. Sie arbeiten in Teilzeit, um sich mehr um die Familie zu kümmern oder um in der freien Zeit etwas zu tun, was sie sinnvoll finden. Auch der Generation Y, die zwischen 1980 und 1995 geboren wurde, wird nachgesagt, vieles anders machen zu wollen: Sie wollen arbeiten, aber für Ziele, an die sie glauben. 

Flexibilität statt Firmentreue
Vor einigen Jahrzehnten war es normal, dass ein Arbeitnehmer in seinen Betrieb hineingewachsen ist. Nach der Ausbildung oder dem Studium wurde er – häufig im Ausbildungsbetrieb – fest angestellt und arbeitete sich in seinem Beruf über die Jahre hinweg nach oben. Alles in allem blieb der Angestellte seiner erlernten Tätigkeit und seinem Betrieb treu. Der fest arbeitende Mensch war die Stütze des Sozialsystems und hat den Wohlstand der Gesellschaft gesichert. Vor knapp 30 Jahren begann dann das Computer- und IT-Zeitalter. Die Anforderungen an den Arbeitnehmer änderten sich. Gleiche Arbeitsprozesse benötigten dank neuer Technologien plötzlich weniger Arbeiter, die Vernetzung zwischen Hersteller und Kunden wurde einfacher. Die Zauberworte hiessen plötzlich Flexibilität, Teamwork und Mehrfachqualifizierung statt Kontinuität und Unternehmenstreue.

Kollege Computer übernimmt
Immer mehr Menschen haben Angst um ihre Arbeit. Droht tatsächlich der soziale Supergau? Ist die Furcht vor drohender Arbeitslosigkeit und der Machtübernahme des Kollegen Computer wirklich gerechtfertigt oder unbegründet? Die Digitalisierung hat sich in unserem Leben breitgemacht. Wenn die Heizung streikt, wird nicht mehr zwingend ein Heizungsfachmann gebraucht. Computerfachleute können die Reparatur vom Steuerungszentrum der Heizung per Mausklick über eine Software erledigen. «Dr. Google» ersetzt schon mal den Gang zum Arzt und Schadensbeauftragte bei einer Versicherung gehören schon länger zur aussterbenden Rasse. Die meisten Schadensfälle werden kategorisiert über ein Softwareprogramm der Versicherung geregelt. Immer mehr Berufe werden von Computern übernommen. Und immer mehr Menschen bekommen das Gefühl, von einem technischen Apparat ausrangiert zu werden. Die digitale Vernetzung wirkt sich auf alle öffentlichen und privaten Lebensbereiche aus. 

Veränderung des Systems
Technische Entwicklung ist in der Geschichte der Menschheit nichts Neues. Auch Dinge wie Hammer, Kutsche oder Dampfmaschinen hatten schon eine Arbeitseinsparung zur Folge. Die industriellen Revolutionen hatten den Vorteil, dass neue Arbeitsplätze in neuen Berufen entstanden sind. Ist das bei Industrie 4.0 (heisst: die industrielle Produktion mittels modernster Technik; Mensch, Maschine, Anlagen, Logistik und Produkt kooperieren miteinander) mit ihrer Digitalisierung ebenso? Nein, behaupten viele Sozial- und Arbeitswissenschaftler. Bei der Industrie 4.0 geht es um die Veränderung eines ganzen Systems – mit vielleicht nicht vorhersehbaren Folgen. Nach einer Studie der Oxford University fällt durch die Digitalisierung in den nächsten 20 Jahren die Hälfte aller Jobs in den USA weg. Geringqualifizierte würden am stärksten betroffen sein. Darunter zum Beispiel Lager- oder Fliessbandarbeiter, Sekretärinnen oder Bauarbeiter. Ähnliche Veränderungen sind auch in Europa zu erwarten. Wird der einfache Lagerarbeiter oder die kleine Sekretärin tatsächlich in der Lage sein, sich diesem wachsenden Druck zu stellen? Viele Arbeitswissenschaftler haben daran grosse Zweifel. Nicht jeder Mensch sei dafür geschaffen, selbstständig und selbstverantwortlich sein Wissen ständig zu vergrössern, jede neue Chance zu ergreifen und im Alleingang diese neuen Forderungen zu meistern.

An positive Entwicklung glauben
Es gibt aber nicht nur kritische Stimmen. Einige Wirtschafts- und Arbeitsexperten glauben an eine positive Entwicklung. Sie sind sich sicher, dass gerade die Digitalisierung unzählige neue Jobs schaffen wird und glauben fest an die Zukunft der Arbeit. Allerdings mit veränderten Ansprüchen. Neue Arbeitsplätze würden entstehen, Arbeitskräfte dringend gebraucht – allerdings müssen sich die Menschen dafür ausreichend bilden und informieren. Ob das jedem gelingt, sei dahingestellt. Doch vor allem müsse sich das gesellschaftliche, politische und soziale Gefüge, das man bis dato gewöhnt ist, verändern. Sonst drohe der Kollaps und der Computer nehme den Menschen ihre Zukunft und ihre Hoffnung. (ge)

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02. Jun 2019 / 00:00
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