• REC Ruggell
    Die unnötigen Hamsterkäufe stellen die Detailhändler vor riesige logistische Herausforderungen. Sie müssen täglich mehrere Lieferungen organisieren.  (Daniel Schwendener)

WC-Papier-Jäger und launische Kunden

Verkäufer des Lebensmittelhandels haben es derzeit nicht einfach. Sie kämpfen gegen Angst und aggressive Kunden gleichermassen.

Es ist Freitag, 8 Uhr morgens, im REC in Ruggell. Geschäftsinhaber Stefan Ospelt rotiert zwischen Ladenlokal und Büro, ständig klingelt das Telefon. Es sind an die tausend Fragen, die derzeit täglich an ihn gestellt werden. Und auf all diese soll und muss er stets eine Antwort parat haben. Es ist in Zeiten von Corona eine echte Herausforderung. Die personellen Ressourcen aufrechtzuerhalten. Seine Angestellten zu beruhigen und gleichermassen zu motivieren. Ihnen zu vermitteln, wie wich­tig ihre Arbeit nun ist. Und für Nachschub der Ware bzw. täglich dafür zu sorgen, dass die Regale wieder gefüllt werden.

Das Phänomen WC-Papier
Der grosse Ansturm ist bereits vorbei – der war bereits um 7 Uhr morgens. Viele Menschen stehen nämlich schon lange vor den Öffnungszeiten an. Sie fürchten wohl darum, dass das Produkt ihrer Begierde sonst nicht mehr erhältlich ist. Seife. Tomaten aus der Dose. Mehl. Und allem voran: WC-Papier. «Ich verstehe den Andrang auf Toilettenpapier nicht», zuckt Verkäuferin Evelyn Büchel ratlos mit den Schultern. «Die Leute reissen es uns förmlich aus den Händen. Vielleicht bauen sie Häuser damit. Keine Ahnung.» Auch Stefan Oseplt kann es sich nicht erklären, warum WC-Papier derzeit so gefragt ist. «Das ist ein echtes Phänomen. Die Franzosen kaufen Wein und Kondome und konzentrieren sich auf die schönen Sachen im Leben. Und hier denken die Menschen an Toilettenpapier.»

In der Zwischenzeit hat Ospelt aber reagiert und die Verkäufer angewiesen, dass sie pro Person höchstens zwei Packungen WC-Papier verkaufen dürfen. «Leider verstehen das nicht alle und werden aggressiv», bedauert Evelyn Büchel.  Mittlerweile sei sie schon als «WC-Teufel» bekannt, lacht sie. Die Frau hat ihren Humor glücklicherweise noch nicht verloren.

REC Ruggell

Verkäufer müssen durchgehend Regale auffüllen.


Im Roxymarkt in Balzers wurde der Verkauf von WC-Papier sogar auf eine Packung pro Person rationiert (Bild vom Sonntag, 22. März)

 

«Wir erleben derzeit alle menschlichen Facetten»
«Das Wichtigste, was Du jetzt wissen musst: Angst und Panik reduziert unsere Abwehrkraft, aber genau die brauchst du jetzt! Nutze die aktuelle Lage als Chance, geh in die Eigenverantwortung, tu dir etwas Gutes und vor allem: Konsumiere positive und hoffnungsvolle Nachrichten.» Dieses Schild ist gleich am Eingang bei der Bäckerei Mündle zu lesen. Dann, nur wenige Meter weiter, thront eine Flasche Desinfektionsmittel – mit WC-Papier eines der derzeit wertvollsten Güter – auf einem Tisch, bevor es dann in den eigentlichen Verkaufsladen geht. Die Kassiererinnen sind nach dem ersten Ansturm des Morgens noch gut gelaunt. Sie lächeln freundlich. Beantworten – sitzend hinter Plexiglasscheiben – geduldig Fragen. Oder vielleicht freuen sie sich auch einfach darüber, dass jemand mal zurücklächelt und sie nach ihrem Befinden fragt.

Schliesslich arbeiten sie seit ­Tagen unermüdlich, füllen ­aufgrund der zusätzlichen Lieferungen Regale auf und ertragen die vermehrt nicht so gut gelaunten Kunden. «Wir erleben derzeit alle menschlichen Facetten», sagt Stefan Ospelt, der seine Angestellten nicht nur vor dem Coronavirus, sondern auch vor unfreundlichen Kunden schützen möchte. Viele würden derzeit kein Verständnis dafür zeigen, wenn ein Produkt im Regal fehle. Ausbaden müssten dies dann die Verkäufer. «Sie können auch nichts ­dafür, dass die Lage ist, wie sie ist. Also bitte ich eindringlich darum, ihnen mit Anstand und Respekt zu begegnen.»

«Hamsterkäufe sind weiterhin völlig unnötig»
Ja, viele Kunden reagieren ­derzeit tatsächlich aggressiv. Sind angespannt. «Das spüren wir besonders hier im Laden», bestätigt Evelyn Büchel. Natürlich sei die Situation derzeit für alle nicht leicht. Doch wenn es um die Versorgungssicherheit gehe, sei diese Aggressivität wirklich unnötig. «Es gibt genügend Vorräte.» Dass dem so ist, ist vor allem eben diesen Verkäufern und allen, die im Detailhandel im Hintergrund arbeiten, zu verdanken. «Jeder Tag ist organisatorisch eine neue Herausforderung», so Stefan Ospelt.
«Wir tun wirklich alles, was in unserer Macht steht, damit niemand auf etwas verzichten muss. Die chaotischen Ausnahmezustände der letzten Woche sind deshalb unnötig. Hamsterkäufe sind unnötig», appelliert er noch einmal an alle, sich auch in dieser Zeit «normal» zu verhalten. Denn es sind genau diese Hamsterkäufe, die dafür sorgen, dass jeder Tag eine neue Herausforderung darstellt.

Ein ganzer Lastwagen mit WC-Papier kommt
Es ist kurz nach 10 Uhr. Im Lager kommt eine neue Lieferung an: Ein Lastwagen voller WC-Papier. Auch der Laden füllt sich wieder mit mehr Leuten. Fast so, als wüssten sie, dass die Regale wieder neu befüllt werden. Zugegeben: In der Zwischenzeit ist es gar nicht weiter verwunderlich, wenn viele Menschen nach WC-Papier suchen. Also jene, die keine Hamsterkäufe getätigt haben. Ihnen geht es schliesslich auch irgendwann aus. Umso mehr erstaunt es dann doch, zu erfahren: Es kommen trotzdem viele Menschen bis zu zwei Mal täglich in den Laden, um mehrere Packungen WC-Papier zu ergattern. Auch den weiteren Verkäufern, die nun im Lager fleissig WC-Papier ausladen, erschliesst sich das Phänomen nicht. Sie haben aber auch nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Es gilt erneut, Regale zu füllen. Wie lange diese Ladung WC-Papier wohl reichen wird? «Keine Ahnung», sagt Evelyn Büchel und lacht. Irgendwann müssten die Leute ja schliesslich mal genug davon haben. Immerhin kann sie die Palette bis zu den Regalen schieben, ohne dass sie von Menschen überrannt wird. Systematisch beginnt sie nun mit dem Einräumen der Packungen und macht Scherze mit den Kunden. Man sieht und hört: Sie macht ihren Job nach wie vor gerne. Ob das so bleibt, hängt vor allem vom Verhalten der Kunden in Krisenzeiten ab. (dv)

22. Mär 2020 / 20:22
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