Medikamente und Impfstoffe fehlen

Kopfwehtabletten, Antibabypillen und lebenswichtige Antibiotika sind nicht mehr lieferbar. Die Situation ist so prekär wie noch nie.

Dass bestimmte Medikamente kurzzeitig nicht lieferbar sind, ist nichts Aussergewöhnliches. Apotheken in Liechtenstein erhalten immer wieder Infor­mationsschreiben der Pharma­hersteller, dass das eine oder 
an­de­re Medikament in Bälde auslaufen wird. Auslöser dafür ist oft die zu geringe Nachfrage. Denn dadurch ist die Gewinnmarge für die Produzenten zu klein – weitermachen lohnt sich aus ihrer Sicht nicht. Grund zur Sorge besteht jedoch nicht, da Betroffene in der Regel den selben Wirkstoff von anderen Herstellern beziehen können. 

Allerdings haben Medikamenten-Engpässe nun ein neues Ausmass erreicht. «Eine solch ausgeprägte Situation habe ich noch nie erlebt», sagt Nikolaus Frick, Präsident des Apothekervereins des Fürstentums Liechtenstein. Anders als bei anderen Konsumgütern stelle das Fehlen bestimmter Arzneimittel unter Umständen nämlich ein grosses Problem für den Betroffenen dar, erläutert er. An der Zahl sind es 604 Arzneimittel von etwa 70 Pharmaherstellern, die auf der Liste der in Liechtenstein und der Schweiz nicht lieferbaren Medikamente zu finden sind. Im Gegensatz zu den wegen geringer Nachfrage abgesetzten Präparaten seien von diesen Engpässen viele Medikamente betroffen, die dringend gebraucht werden, sagt Frick: «Beispiels-
weise Blutdruck- und Cholesterinsenker, aber auch der allseits bekannte Arzneistoff Ibuprofen, der entzündungshemmend, schmerzstillend und fiebersenkend wirkt.» 

Mangel gründet in Sparprogrammen 

Der Ursprung dieser Engpässe liegt am enormen Preisdruck in der Schweiz. Die Bevölkerung hat das Gefühl, dass Medikamente in Liechtenstein und der Eidgenossenschaft im Vergleich zum Euro-Raum viel teurer sind – obwohl, wie Frick erklärt, die Medikamentenpreise seit 2007 «kometenhaft gesunken sind und sich auf dem Niveau der EU bewegen». Gleichzeitig müssen die Schweizer Produzenten ihren Angestellten aber immer noch einen der Schweiz und Liechtenstein entsprechenden Lohn bezahlen. So sind sie gezwungen, vereinzelte Arzneistoffe nur noch an einzelnen Standorten zu produzieren. Viele davon befinden sich im Ausland, denn dort ist es billiger. Dies wiederum hat jedoch zur Folge, dass manche Rohstoffe der Qualitätskontrolle nicht mehr standhalten. «Verunrei­nigungen sind der Auslöser für Medikamenten-Engpässe», so Frick. Viele Schweizer Pharmahersteller beziehen die Rohstoffe nämlich von denselben ausländischen Produzenten: Fällt einer wegen mangelnder Qualität weg, fehlt der Arzneistoff in halb Europa. Dies geschah beispielsweise vor rund eineinhalb Jahren beim Wirkstoff Valsartan, der bei Bluthochdruck eingesetzt wird. Als die Verunreinigungen aufgedeckt wurden, mussten alle Arzneimittel, die den Wirkstoff des chinesischen Herstellers Zhejiang Huahai Pharmaceutical Co. beinhalteten, zurückgerufen werden. 

Es muss auf Alternativen ausgewichen werden

«Jenste grossen Arzneimittelfirmen in ganz Europa waren davon betroffen. Die Folge war ein Engpass. Denn die Vertreiber, so auch wir, haben die Medikamente nicht mehr erhalten», erklärt der Präsident des Apothekervereins. Von den Lieferproblemen sind alle Arzneimittelkategorien betroffen. Deshalb müssen Apotheken, Ärzte und das Landesspital auf Alternativen ausweichen. 
«Wenn Wirkstoff, Dosierung und Arzneiform identisch sind», meint Frick, «ist es am wenigsten problematisch, wenn wir das entsprechende Arzneimittel im benachbarten EU-Raum organisieren». Nur ist das nicht immer möglich. Wenn auch im Ausland die Reserven aufgebraucht sind, muss mit dem verschreibenden Arzt Rücksprache gehalten werden. Laut Frick sind allerdings häu­fig «nur» einzelne Dosierungen nicht lieferbar. Sie können dann beispielsweise durch andere Packungen desselben Wirkstoffs kompensiert werden. Hierfür müssen die Tabletten je nachdem halbiert oder verdoppelt werden. «Es kommt leider aber auch vor, dass ein Wirkstoff gänzlich ausfällt. Das erfordert dann eine Neueinstellung der Medikation vom behandelnden Arzt», sagt Frick. Die Dauer der Knappheit bleibt meist so lange ungewiss, bis das Präparat schliesslich wieder auf den Markt kommt. «Nur zu vereinzelten Wirkstoffen erhalten wir Angaben, bis wann der Ausfall behoben sein wird. Bei den meisten aber fehlen diese Informationen komplett», sagt Frick.

Landesspital: Sechs Präparate mit Engpässen 

Auch beim Landesspital Liechtenstein kann man nicht immer sagen, wann welches Medikament wieder verfügbar sein wird. «Es gibt Medikamente, die schon seit mehreren Jahren nur knapp verfügbar sind», erklärt Jana Meister, Leitung der Apotheke des Landesspitals. Das Landesspital ist aktuell von sechs Präparaten mit Lieferschwierigkeiten betroffen. Hierzu zählen Impfstoffe und Präparate, die das Herz-Kreislauf-System betreffen. Dennoch konnte laut Meister bislang eine lückenlose Versorgung der Patienten sichergestellt werden. Zu verdanken ist dies der gezielten Steuerung der Arzneimittel. «Unsere Apotheke führt eine separate Liste mit den betroffenen Medikamenten und überprüft diese regelmässig», sagt sie. Dadurch werden Liefer­unterbrüche durch frühzeitige Bestellungen, rechtzeitige Aufstockung der Lagermengen und durch den aktiven Austausch mit den Lieferanten vermieden. Ebenfalls sucht die Apotheke des Landesspitals, analog dem Vorgang in den Apotheken, früh­zeitig Alternativen. (jka)

11. Jul 2019 / 23:19
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