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«Niemand wollte einen Schwulen spielen»

Am Mittwochabend sprach Regisseur Samir vor interessiertem Publikum über seinen neusten Film «Baghdad in my Shadow».
Äusserst bereitwillig und offen beantwortete der Schweizer Erfolgsregisseur Samir die Fragen Sebastian Frommelts wie auch des Publikums.

Zur Liechtenstein-Premiere von «Baghdad in my Shadow» war der Schweizer Regisseur Samir im Skino in Schaan zu Gast und stellte sich im Anschluss an den Film den Fragen Sebastian Frommelts wie auch des Publikums. 

Samir, der durch seinen Dokumentarfilm «Iraqi Odyssey» weltweit Bekanntheit erlangte, hat mit «Baghdad in my Shadow» ein weiteres beeindruckendes Werk geschaffen. Das Drama zeigt auf eindrückliche Weise die Wiedersprüche und Probleme in der irakischen Gesellschaft, die auch ausserhalb ihres Heimatlands auf Exil-Iraker wirken. Es sei ein High Concept Film, denn es hätte drei Tabuthemen gegeben, die ihn beschäftigten und um die herum er das Drehbuch schrieb: Gottlosigkeit, Frauenbefreiung, Homosexualität. «Anfänglich hatte ich sieben Charaktere und das Drehbuch war 140 Seiten lang», so Samir. Um die Geschichte zu komprimieren, wurden teils Charaktere zusammengefasst oder Verwandtschaftsbeziehungen geschaffen, um Verbindungen zwischen den Rollen herzustellen. Auf der einen Seite ist da der weltoffene Onkel Taufiq, die besorgte Mutter, zwei junge Angestellte und auf der anderen Seite der Hassprediger sowie der Neffe, der sich immer mehr radikalisiert. Alles sind irakische Migranten und treffen sich täglich in dem Café eines kurdischen Aktivisten in London. Als Erzählstrang dienen Verhörszenen mit dem Onkel, der zu einem Mord an einer jungen Frau befragt wird. Nach und nach kristallisieren sich Schwulenhass wie auch die Unterdrückung von Frauen und Andersdenkenden heraus. 

«Ich bin mit solchen Themen aufgewachsen»
Der Film spart nicht mit brutalen wie auch psychologisch bedrückenden Szenen. «Ich bin mit solchen Themen aufgewachsen», erklärt Samir, der als Kind in die Schweiz kam. Sein Vater hätte häufig von tragischen Foltergeschichten aus dem Gefängnis erzählt. Für ihn sei dies nichts Ungewöhnliches gewesen. «Aber ich fühlte mich sehr einsam in der Schweiz, weil ich meine Geschichte mit niemandem teilen konnte.» Dies habe ihn wie einen kulturellen Schatten begleitet. Insofern kann man fast sagen, dass «Baghdad in my Shadow» autobiografische Züge enthält. Unter anderem erinnert auch die Hauptfigur Taufiq etwas an Samir, der im Film als gut gebildeter Poet und Religions­kri­ti­ker dargestellt wird. Gespielt wird diese Rolle vom bekann­ten irakischen Schauspieler Haytham Abdulrazaq, der extra für den Film Englisch lernen musste. Ob er nach der Mitwirkung in diesem religionskritischen Film im Irak keine Probleme bekomme, wird in der Diskussionsrunde gefragt. Samir verneint: «Jeder weiss, dass er Atheist ist, aber man kann ihn nicht angreifen, weil er bei seiner Kritik nur aus dem Koran zitiert.» Anders würde es im Irak für den schwulen Dar­steller ausschauen. Einen Ira­ker für diese Rolle zu finden, sei fast unmöglich gewesen. Zwar hätten sich beim Casting in Bagdad viele irakische Schauspieler beworben, doch niemand wollte einen Schwulen spielen. Per Zufall sei er in London aber auf einen schwulen Schauspieler mit irakischen Wur­zeln gestossen, der noch irakischen Dialekt sprach. Auch die Besetzung der Frauenrolle hätte längere Zeit gedauert, da die meisten Schauspielerinnen operiert waren. «Die sahen alle zu europäisch aus», so Samir. Mit Zahraa Ghandour gelang ihm schliesslich ein Glücksgriff. Mit ihrer für islamische Verhältnisse freizügigen Rolle sei sie jedoch das grösste Risiko eingegangen. Bereits ein auf Facebook aufgetauchtes Foto aus dem Film, das ihre nackte Schulter zeigt, hätte im Irak für einen Aufschrei gesorgt. Geschweige denn ihre angedeutete Sexszene. 

Samir konnte seinen Film bereits beim Internationalen Filmfestival in Kairo zeigen, jedoch nur in einer zensurierten Fassung – zwar mit den Gewalt- , aber ohne Sexszenen. Auch um die weibliche Hauptdarstellerin zu schützen, werde in allen arabischen Ländern nur eine zensurierte Fassung gezeigt. Dort sei der Film vor allem von den Frauen gelobt worden, die Männer hätten sich etwas schlecht dargestellt ge­­fühlt. Doch besonders die säkularisierte Jugend Bagdads, die trotz 400 Toten und 15 000 Verletzten weiter revolutio­niert, würde Interesse am Film zeigen. Dies freut Samir besonders: «Endlich kommt die Säkularisierung in den Irak zurück.» (mk)

Der Film läuft derzeit im Skino in Schaan.

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