• Die Wahrheit, Schaan
    Marcel (Hanno Dreher) hat eine Affäre mit der Frau seines besten Freundes.  (Tatjana Schnalzger)

«Ich werde künftig ehrlicher lügen»

Am Mittwochabend feierte das Theater Karussell mit dem Stück «Die Wahrheit» von Florian Zeller in der Inszenierung von Andreas Jähnert Premiere im TaKino in Schaan.
Schaan. 

Theater Karussell - Auf dem Flyer der neuen Produktion des Theaters Karusell zum Stück "Die Wahrheit" stehen Adam und Eva gerade noch in aller Unschuld vor dem Baum der Erkenntnis und nehmen den Apfel in Empfang. Tja, das war's dann, mit der Unschuld. Fortan plagt die meisten Menschen das schlechte Gewissen, wenn sie sich nicht korrekt verhalten, was sie freilich aber nicht daran hindert, sich weiterhin unkorrekt zu verhalten. Doch was heisst das, sich unkorrekt zu verhalten? Das ist so relativ wie die Frage nach der Wahrheit und der Unwahrheit. Bekanntlich gibt es über 7,5 Milliarden Wahrheiten auf dieser Welt, denn jeder trägt seine eigene Wahrheit in sich, und es ist schon fraglich, ob man diese Wahrheit überhaupt tatsächlich kennt. Einer, der zumindest überzeugt davon ist, seine eigene Wahrheit zu kennen ist Marcel, der "Held" aus Florian Zellers Stück "Die Wahrheit". Verheiratet, eloquent, selbstsicher,  beruflich erfolgreich, ein Kind unserer Zeit, ein typischer Vertreter der Ego GmbH, in dieser Produktion hervorragend verkörpert durch den Vorarlberger Schauspieler Hanno Dreher.

"Du belügst ihn nicht, du sagst nur nicht die Wahrheit"
Man trifft sich im Pool des Hotels, geht dann auf's Zimmer, wo man den Liebesakt vollzieht und wäscht sich hernach unter der Brause in Unschuld. Man - das sind Marcel und seine Geliebte Alice (Heidi Salmhofer), die so ganz nebenbei auch noch die Ehefrau von Marcels bestem Freund Paul ist. Diese Anfangsszenen lassen schon einiges erahnen. Andreas Jähnert hat den Liebesakt  parodistisch stilisiert inszeniert, fast mehr wie eine gekünstelt tänzerische So-als-ob-man-sich-liebte Übung, die Schauspieler behalten das letzte Kleidungsstück an, denn die Hosen ganz herunterzulassen, das traut sich dann eben doch niemand. Das Ganze findet in einem Umfeld statt, das weder ganz Pool noch ganz Zimmer ist und am ehesten als eine unverbindlich beliebige Geschmackslosigkeit bezeichnet werden kann, letztlich irgendwie seelenlos wie die Gestalten, die sich darin bewegen. Marcel kleidet sich an und will, nach vollbrachter Heldentat, zum nächsten Termin hasten, derweilen Alice von eben jenem vorgenannten schlechten Gewissen geplagt wird und darüber fabuliert, ob man ihrem Mann Paul nicht doch endlich die Wahrheit sagen sollte. Das mit der Wahrheit findet Marcel gar nicht toll. "Nur die Wahrheit zu sagen, damit du dich besser fühlst, ist völlig egoistisch!"

"Weiss man, wer der Arsch ist?"
Bei seiner eigenen Frau Susanne (Ula Lazauskaite) verstrickt sich Marcel in ein vermeintlich strategisch ausgeklügeltes Lügengebäude, und als er dann seinem Unheil ahnenden Freund Paul (Thomas Hassler) gegenübersteht, erkundigt er sich scheinheilig danach, ob man denn schon weiss, wer der Arsch ist, mit welchem Alice ihn betrüge? Um beim Wort zu bleiben: Hanno Dreher spielt den Titelhelden gekonnt als selbstgerechten Machoarsch, der sich in uneinsichtiger Konsequenz an seinem eigenen, sehr relativen und flexiblen Wahrheitsbegriff orientiert, der im Wesentlichen darin besteht, dass es mitfühlender und gerechter sei, nicht immer die ganze Wahrheit zu sagen - und dem zusehends die Hosen dann eben doch ausgezogen werden, wenn auch nicht physisch. Der vermeintliche Herr der Lage findet sich mehr und mehr in arger Schieflage, so schief, wie das ganze Bühnenbild. "Die Wahrheit" in der sehr sehenswerten Produktion des Theaters Karussell ist eine höchst vergnügliche und sehr gut gespielte Angelegenheit, eine wunderbare Gesellschaftssatire, in der auch die Anwesenheit des Publikums auf raffinierte Art und Weise integriert wird. Einzig die Gesangsszenen müssten noch etwas souveräner vorgetragen werden, um wirklich gut rüberzukommen. Das mag aber einfach an einer allfälligen Nervosität am Premierenabend gelegen haben und ist absolut verzeihlich. Kennt man nun zum Schluss dieses Stücks die ganze Wahrheit? Marcel jedenfalls ist arg ins Schleudern geraten und ringt sich ein verzweifeltes Versprechen an seine Frau ab: "Ich verspreche, dass ich dich ab heute ehrlicher belügen werde!" (aoe)

14. Mär 2019 / 15:54
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