• Simon Deckert, Vaduz
    Simon Deckert las bei der Carte Blanche aus seinem Romanprojekt, mit dem er sich schon längere Zeit beschäftigt.  (Tatjana Schnalzger)

Eine Stunde Literatur von und mit Simon Deckert

Eine kleine, feine Stunde mit Literatur fand gestern Abend im Kunstmuseum Vaduz statt. Simon Deckert las aus seinen bisher unveröffentlichten Werken. Dazwischen sang er kurze Lieder und begleitete sich dabei auf der Gitarre.
Vaduz. 

Jeden Donnerstagabend finden im Kunstmuseum Veranstaltungen statt, die die jeweiligen Ausstellungen durch andere Sichtweisen vertiefen sollen. Einer dieser Donnerstage ist der «Carte Blanche» vorenthalten – dabei erhalten Kunstschaffende die Möglichkeit, aktuelle Projekte oder Schwerpunkte ihrer Arbeit vorzustellen. Wie sie diesen Abend gestalten, bleibt ihnen selbst überlassen. «Ich weiss nicht genau, was uns heute bei Simon ­Deckert erwartet», meinte denn auch Pressechefin Franziska Hilbe, die das Publikum begrüsste. «Es wird auf jeden Fall ein Lese- und Liederabend.» So war es denn auch.

Drei Projekte und drei Welten
«Wenn nicht alles ganz klar ist, so ist das gewollt», warnte Simon Deckert seine Zuhörerinnen und Zuhörer zu Beginn mit einem Schmunzeln. Er werde Auszüge aus drei längeren Texten lesen, die in den letzten sechs Jahren entstanden sind, so der Autor weiter. Dabei handle es sich um ein Romanprojekt, eine Geschichte mit einem Thinktank und einem fiktionalen Blog. Er habe die Texte bewusst aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgenommen und zu einem neuen Ganzen zusammengesetzt. «Wenn sie nicht alles einordnen können, ist das okay», meinte Simon Deckert und bat darum, sich auf die jetzige Form einzulassen.

Die Märchenerfinderin und der Prophet
Beim Romanprojekt steht ein Geschwisterpaar im Alter von 22 und 18 Jahren im Mittelpunkt, das in Vorarlberg aufwächst und von dort verschwindet. Die Erzählerin in diesem Roman heisst Ariane und erfindet gerne Märchen. Da heisst es beispielsweise: «Er erzählt, wie er (Anm: der Prophet) und Gott sich in einem hohen Ballsaal begegneten, ein weiter Raum voller Leute, die miteinander tanzten, aber immer aneinander vorbeisahen. Nur der Prophet und Gott sahen sich in die Augen, sie sassen auf Stühlen, das betont der Prophet gern, beide auf einfachen Stühlen, in einiger Entfernung voneinander. Jede Bewegung, die der Prophet machte, ahmte Gott sofort nach (...) So schnell und exakt war Gott dabei, dass der Prophet nach einer Weile nicht mehr wusste, ob Gott ihn nachahmte, oder er Gott.»

Die verlorene Schuppe und das Rösslein
Der Hang zu märchenhaften Bildern zeigte sich auch im Märchen vom entlaufenen Rösslein, in dem sich eines Tages eine einzelne Schuppe vom Schwanz des Drachens löst und in die Tiefe fällt. Die Schuppe bleibt am Huf des entlaufenen Rössleins hängen – und schon wird die Geschichte spannend. In einem weiteren Text beschreibt Simon Deckert einen Pendler mit einer Afro-Frisur, der ein Geheimnis zu haben scheint.  «Er könnte etwa einen zweiten Kopf haben, der ihm aus dem Hinterkopf wächst und sich in seinem Haarschopf versteckt. Wenn man das dunkle Kraushaar zur Seite schiebt, dann blickt man in ein kleines runzeliges Gesicht, das einen aus zwei wässrigen Augen etwas traurig ansieht, als wollte es sagen: Ja nun, mich hingegen überrascht nichts mehr.»

Wenn das Internet nicht funktioniert
In seinem fiktionalen Blog schildert der Autor zwei Figuren, die sich in ein Haus in der Schweizer Wildnis zurückgezogen haben, der ehemaligen Pension «Zum Wegwart». Von dort berichten sie über ihr Leben und scheitern immer wieder an kleinen Dingen, wenn zum Beispiel das Internet nicht funktioniert. Dabei haben sie eine riesige Welt direkt neben sich. «Ich halte den Atem an. So viele Bäume, soweit ich sehen kann, und dazwischen noch so viel Platz.»

Simon Deckert hat viele spannende Ansätze seiner Geschichten vorgelesen, bei so mancher hätte man gerne mehr gehört. Er hat eine ausgereifte Sprache und einen hervorragenden Erzählfluss, der das Publikum in andere Welten mitnimmt. Bleibt zu hoffen, dass er in Zukunft nicht nur «freundliche Absagen» von Verlagen bekommt, sondern konkrete Zusagen. (agr)

13. Dez 2018 / 21:47
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