• «Lebensfreude kann auch sein, einfach mal einen Gang runterzuschalten», so die Kulturministerin Katrin Eggenberger.  (sdb)

«Die Lebensfreude nicht verlieren»

Kulturministerin Katrin Eggenberger ist sich bewusst, dass dies leichter gesagt als getan ist, wenn man sich möglichst mit niemandem treffen sollte. Sie ist aber überzeugt: «Gerade Kultur kann einen Beitrag leisten, soziale Isolation erträglicher zu machen.»

Frau Eggenberger, das Coronavirus hat nun das gesamte Kulturleben in Liechtenstein lahmgelegt. Wie erleben Sie die Situation?
Katrin Eggenberger: Als sehr irreal, schwierig und vor allem ungewohnt. Die Situation macht mich auch traurig, weil ich weiss, dass die Menschen stets sehr viel Energie und Engagement in den Kulturbetrieb stecken. Sicher, viele Veranstaltungen können auch nachgeholt werden, manches aber auch nicht. Da war dann viel Arbeit umsonst. Das tut mir sehr leid, aber unsere Vorsicht und die damit verbundenen Massnahmen gilt es nun, konsequent umzusetzen. Wir machen das für uns und unser Volk.

Während manche Kulturinstitutionen zögerten, haben andere schon vor Wochen ihre Veranstaltungen abgesagt. Glauben Sie, dass einige zu spät reagiert haben?
Das ist schwer zu sagen. Die weitere Entwicklung ist nicht vorhersehbar. Wir wissen ganz einfach nicht, womit wir es zu tun haben. Die Massnahmen betreffen ja nicht nur den Kulturbetrieb, sondern alle Lebensbereiche unserer Gesellschaft. Wir hoffen ganz einfach, dass alle Vorsichtsmassnahmen, die wir treffen, uns helfen, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen, um uns gegenseitig zu schützen. 

Ein beengendes Gefühl, nirgends mehr unterhalten zu werden – was raten Sie den Menschen zu tun?
Wir dürfen trotz allem unsere Lebensfreude nicht verlieren. Das ist natürlich einfacher gesagt als getan, wenn man sich möglichst mit niemandem treffen sollte. Gerade Kultur kann aber einen Beitrag leisten, soziale Isolation erträglicher zu machen. Musik, Literatur und Film ist beispielsweise von zu Hause aus in bester Qualität abrufbar. Lebensfreude kann aber auch sein, einfach mal einen Gang runterzuschalten und innezuhalten. Ich weiss von Leuten, die jetzt Zeit haben, endlich mal wieder ein Buch zu lesen, was sie sich schon lange gewünscht hatten. Trotzdem bin ich mir natürlich bewusst, dass dies nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist. Wir sollten aber alle versuchen, das Beste aus der Situation zu machen und Dinge nachholen, die uns während des sonst üblichen Alltagsstress verwehrt bleiben.

Was bedeutet dieser Stillstand für die Gesellschaft?
Wie gesagt, eine schwierige und ungewohnte Situation für uns alle. Fakt ist, dass dies eine folgenreiche Zeit wird, die wir sicher nicht so schnell vergessen werden. Noch wissen wir nicht, was die Zukunft aufgrund dieser Pandemie alles mit sich bringen wird, aber die Sensibilisierung in Themen wie Hygiene und Vorsicht werden uns sicher noch länger begleiten. Ich persönlich hoffe, dass wir auch als Gesellschaft etwas aus dieser Situation lernen und der Zusammenhalt als Familien, Unternehmen, Organisation und Gesellschaft in Liechtenstein gestärkt wird. Ich bin überzeugt, es wird dem einen oder anderen in gewissen Gewohnheiten eine neue Perspektive geben.

Inwiefern werden sich all die Absagen auf die Kulturinstitutionen auswirken?
Auch das kann noch niemand genau sagen. Tatsache ist, dass das Coronavirus natürlich auch Kulturinstitutionen, Kulturhäuser und vor allem Künstlerinnen und Künstler zum Teil sehr hart trifft – in Liechtenstein und in allen Ländern. Gerade für freiberufliche Künstlerinnen und Künstler ist es lebenswichtig, dass sie auftreten können. 

Was raten Sie den Kulturhäusern, in dieser Zeit zu tun?
Die Kulturhäuser verhalten sich bereits sehr vorbildlich. Wir hoffen alle, dass schon bald ein ­gewisser Normalbetrieb wieder möglich sein wird. Es gibt Kulturhäuser, die sehr kreativ mit der Situation umgehen und beispielsweise Veranstaltungen stattdessen live übertragen und digitale Plattformen nutzen oder Teile ihres Programms digital anbieten.

Glauben Sie, dass manche Kulturhäuser in ernsthafte finanzielle Gefahr geraten könnten?
Das ist durchaus anzunehmen. Nebst den Kulturveranstaltern wird es aber wie gesagt unter anderem auch die freiberuflichen Künstlerinnen und Künstler hart treffen.

Inwiefern wird der Staat Unterstützung leisten?
Die Regierung hat bereits zugesichert, dass sie im Moment alles tun wird, um die wirtschaftlichen Folgen in Liechtenstein abzufedern. Kulturbetriebe sind dabei miteingeschlossen und werden ganz sicher nicht vergessen. So werden beispielsweise die Voraussetzungen für Kurz­arbeit gelockert. Darüberhinaus wurde eine Task Force eingesetzt, um mögliche weitere Massnahmen zur Unterstützung der von der Corona-Pan­demie betroffenen Wirtschaftszweige und Unternehmen analog der umliegenden Länder zu prüfen und gegebenenfalls zu adaptieren, wie auch neue Massnahmen zu definieren, wo dies als sinnvoll und zweckmässig erachtet wird. 

Hoffen wir, dass dieser Ausnahmezustand bald vorbei ist. Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn das Kulturleben wieder rund läuft?
Auf alles! Kultur muss man leben – man muss sie sehen, hören, riechen, schmecken und spüren und sie wird einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Menschen wieder zusammenzubringen. Aber wie gesagt, sind wir kreativ, das ist eine Stärke der Bürgerinnen und Bürger Liechtensteins, und sehen wir bereits jetzt in dieser Ausnahmesituation auch die Chancen.

Interview: Bettina Stahl-Frick

26. Mär 2020 / 15:46
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