• Spielwitz und Raffinesse machen die Musik vom Geoff Goodman Quintet zum Erlebnis.  (aoe)

Die inkontinente Klarinette

Der Start in die nächsten 40 Jahre Tangente erfolgte mit dem Geoff Goodman Quintet.
Eschen. 

Im Zeitalter der alternativen Fakten kann man sich ja auch einmal alternative Namen zulegen. Also: Am Freitagabend spielten an der Klarinette Michael Brecker, am Altsaxofon Kenny G., am Schlagzeug Ringo Starr, an der Gitarre Ricky King und am Kontrabass Andreas Kurz. Andreas Kurz spielte sich selber und wurde somit von einem alternativen Namen befreit. Eigentlich eine Besetzung, die das geneigte Jazzpublikum zum Brüllen bringen müsste. Ob vor Freude oder vor Schmerz, sei mal dahingestellt. Überhaupt wurde mit Jux und Kalberei bei diesem besonderen Konzert nicht gespart. Wenn Rudi Mahall mit von der Partie ist, also der Klarinettenspieler, der kurzzeitig Michael Brecker hiess, dann sind witzige Sprüche und Kalauer nicht fern. Doch nicht nur Mahalls inkontinente Klarinette trug zu lauten Lachsalven bei, auch die anderen haben das Ihre dazu beigetragen. Dabei ging es nur sekundär um den Wortwitz, die führende Rolle an diesem Abend ge­hörte dem Spielwitz und der Spielfreude, die dieses gut gelaunte Quintett auf die Bühne brachte.

Wirbelsturm und ruhender Pol

Zwei Wochen nach dem grandiosen Fest zum 40-jährigen Jubiläum des Eschner Jazz­clubs Tangente ging es also mit dem ordentlichen Programm wieder weiter. Alltag sozusagen, doch Alltag im Tangente-Jazzprogramm heisst hochstehende Jazzmusik mit span­nenden Ensembles. Der in Deutschland lebende, amerikanische Gitarrist Geoff Goodman war schon eine ganze Weile nicht mehr in der Tangente zu Gast. Damals, nämlich 2005, bereits mit dabei waren der Klarinettist Rudi Mahall und der Mann am Bass, Andreas Kurz. Der amerikanische Drummer Bill Elgart und der französische Saxofonist Matthieu Bordanave sind zwar noch nicht gar so lange Teil des aktuellen Quintetts, aber dennoch seit etlichen Jahren Goodmans Weggefährten. Bordanave ist ganz klar der Lyriker der Band und spielt einen höchst anregenden Counterpart zum expressiven, ungestüm drauf­los preschenden Rudi Mahall. Während dieser die Töne ganz gerne auch mal ins Schrille hochtreibt oder so weit überbläst, dass sie ins Schlingern geraten, bewahrt Bordanave die kühle Ruhe, was die beiden Bläser zu einem höchst genüsslichen, kontrastreichen Zusammenspiel hinreissen lässt. Dieses spannende Wechselspiel aus Wirbelsturm und ruhigem Fluss bestimmt auch oft die Kompositionen.

The Opposite of What

Exemplarisch dafür das Stück «Song for a Swan» aus der neuen CD mit dem enigmatischen Titel «The Opposite of What», welche hauptsächlich das Rohmaterial für den Konzertabend bereitstellte. Das Lied für einen Schwan beginnt mit einem lyrischen Gitarrensolo, die Klänge mit dem Pedal weich eingespielt. Der Bass kommt dazu, das Saxofon stimmt eine Melodielinie an, die von der Klarinette zeitlich versetzt aufgenommen und hinterhergeschickt wird. Für einen kurzen Moment kommt unvermittelt alles zum Stillstand, die Gitarre setzt wieder ein, ein Trommelwirbel folgt, und unverhofft findet man sich in einer Folge knackiger Rockriffs wieder, und wenn man schon meint, dass jetzt so richtig die Post abgeht, wird doch wieder eine fast zärtliche Ballade aus dem Stück, bei dem sich die drei Melodielinien von Gitarre, Saxofon und Kla­rinette ineinander verfangen, bis abermals die Rockriffs ein klares Zeichen setzen. «State of the Onion» beginnt wie eine klassische Modern-Jazz-Nummer, entgleist dann heftigst ins Freie und mündet in ein Jazzrocksolo. Es ist dieses raffinierte Spiel mit Brechungen und musikalischen Überraschungen, das die Stücke unvorhergesehen in immer wieder neue Gefilde überführt. Ein gänzlich verquerer Walzer wird angestimmt oder ein ins Stocken geratener Bossanova spielt auf vermeintlich bekannte Versatzstücke an, immer ist es eine höchst vergnügliche und musikalisch eben raffiniert aufbereitete Melange aus Jazztradition und zeitgenössichem Improvisationsgeist, die die Stücke weiter­treibt und sowohl die Band als auch das Publikum positiv herausfordert. (aoe)

20. Okt 2019 / 22:21
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
Lesertrend
Meistgelesen
12. November 2019 / 12:17
12. November 2019 / 11:54
12. November 2019 / 14:34
Aktuell
12. November 2019 / 16:19
12. November 2019 / 15:43
12. November 2019 / 15:01
12. November 2019 / 14:38
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...

Wettbewerb
schnee
Zu gewinnen 3 x 2 Tickets für Schneekönigin on Ice am Mittwoch, 18. Dezember um 19 Uhr
31.10.2019
Facebook
Top