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Moderne Technik rettet Rehkitze

Die Feldabsuche mit kameraunterstützten Drohnen nach Rehkitzen gewinnt zunehmend an Beliebtheit. Vielerorts werden Projekte ausgeweitet.
Fawn rescue , Bavaria, Germany
Gut getarnt ducken sich die Rehkitze im hohen Gras, damit sie nicht entdeckt werden. (Bild: Sophie Linckersdorff)

Die Drohne ist noch nicht überall auf Akzeptanz gestossen, aber ausgestattet mit einer Wärmebildkamera bewahrte sie dieses Jahr in der Schweiz hunderte Rehkitze vor dem Mähtod. Der Einsatz wird oft mit herkömmlichen Methoden wie dem Verblenden kombiniert. Die Rehgeissen verstecken ihre Kitze in hohen Wiesen, um auf Nahrungssuche zu gehen. So sind die Kleinen geschützt und für Raubtiere kaum zu erkennen. Wenn Gefahr droht, ducken sich die Kitze noch tiefer ins Gras, da ihr Fluchtinstinkt noch nicht ausgeprägt ist. Und genau dies wird ihnen zum Verhängnis, wenn die Wiese gemäht wird. Trotz verschiedener Methoden, um die Geissen davon abzuhalten, ihre Kitze vor dem Mähen in der Wiese zu verstecken, sterben jährlich tausende Rehkitze in der Schweiz einen grausamen Mähtod. Darum nehmen Drohneneinsätze in der Rehkitzrettung zu, da sie derzeit als die sicherste Methode gelten. Die Einsätze werden früh morgens geflogen, später wird es für die Wärmebildkamera zu warm und die kleinen Körper sind im hohen Gras nicht mehr zu erkennen, da die Boden- wie Umgebungstemperatur mit der aufgehenden Sonne steigt. Wird ein Kitz in der Wiese entdeckt, tragen es Helfer mit Handschuhen (damit es den Geruch des Menschen nicht annimmt) auf die Seite und decken es mit einer Holzkiste zu, um es zu schützen. Danach wird es wieder freigesetzt. Die Einsätze erfolgen meist in Zusammenarbeit mit Landwirten, Jägern, Wildhütern und ­zuständigen Ämtern. Die Drohnen­piloten absolvieren entsprechende Ausbildungen, die auch in Sankt Luzisteig durchgeführt werden. Aufgrund der Coronapandemie fielen diese heuer aus. 

330 Rehkitze gerettet
Einige Kantone starteten vor ein paar Jahren erste Pilotprojekte und bauen diese nun aus, darunter auch das Bündnerland. Dort unterliegt diese Angelegenheit dem Amt für Jagd und Fischerei. Diese Woche vermeldete der Kanton, im Frühling 330 Rehkitze dank dem Einsatz von Drohnen vor dem Mähtod bewahrt zu haben – im Vorjahr waren es 448 Kitze. Von Mai bis Ende Juli verzeichnete das Amt 12 121 Drohneneinsätze. Es ist bereits die zweite Saison, in der diese Methode breitflächig angewandt wurde. Dabei arbeitet die Bündner Jägerschaft mit den Landwirten, Wildhütern und Sektionen, welche die Piloten und Helfer rekrutieren, zusammen. Je nach Region koordinieren sie die Einsätze. 
Aufgrund des Erfolges überlegt sich der Kanton derzeit, das Projekt im nächsten Jahr auf weitere Regionen auszuweiten und fünf zusätzliche zu den 19 bereits vorhandenen Drohnen anzuschaffen. Zurzeit sind sie in den Regionen Prättigau-Herrschaft, Fünf Dörfer, Untere Surselva, Heinzenberg-Domleschg, Schams, Safien, Obervaz-Tiefencastel, Unterengadin und Val Müstair verteilt. Insgesamt verzeichnet der Kanton 150 Drohnenpiloten. Gemäss dem Amt für Jagd und Fischerei in Graubünden könne grundsätzlich jede Person, die ein Flair für das Drohnenfliegen und ein ernsthaftes Interesse an der Rehkitzrettung hat, Pilot für derartige Einsätze werden. 

Erfolg wurde bestätigt
Im Kanton St. Gallen startete die «Revierjagd St. Gallen» (Dachverband der St. Galler Jäger, dem die fünf st. gallischen Jägervereine Hubertus St. Gallen, Werdenberg, Sarganserland, See-Gaster sowie Toggenburg angehören) vor einigen Jahren ein Pilotprojekt zur Rehkitzrettung mit Drohnen, da sich die Suche nach Kitzen massiv verbesserte und die Wiesen mit grösster Wahrscheinlichkeit als «kitzfrei» zum Mähen freigegeben werden konnten. Darum soll der Drohneneinsatz flächendeckend aufgerollt werden. Die Finanzierung der Flugobjekte erfolgt über eine erfolgreich abgeschlossene Crowdfunding-Aktion. Das Ziel der St. Galler Jäger ist es, in rund 30 Jagdrevieren im Kanton die Kitzrettung aus der Luft umzu­setzen und unnötiges Tierleid zu vermeiden.

Der Kanton St. Gallen verfügt über 144 Jagdreviere, wobei rund 120 davon relevant für das Thema «Rehkitz-Rettung» sind. Zudem baue die St. Galler Jägerschaft auch auf die Zusammenarbeit mit privaten Drohnenpiloten sowie dem Verein Rehkitzrettung Schweiz.

 

Verein rettet auf 264 Hektaren Wiesen 22 Rehkitze dank Drohne mit Wärmebildkamera

In der Gemeinde Wartau gründeten einige Freiwillige im November 2019 den Verein Rehkitzrettung-Wartau. Die Idee entstand während der Mähsaison. Mit Wärmebildkameras an Drohnen wollen die Mitglieder Wiesen vor dem Mähen nach Kitzen absuchen. Dieses Jahr kamen sie zum ersten Mal zum Einsatz. «An insgesamt 24 Tagen haben sich unsere Retter auf die Suche nach den Kleinen gemacht. Dabei konnten wir 22 Rehkitze aus den Wiesen retten», erzählt Armin Nef, Präsident der Rehkitzrettung-Wartau und Jäger. Derzeit sind sechs Drohnenpiloten und zehn Helfer für den Verein im Einsatz. Die Drohnen finanzierte der Verein per Crowdfunding. «Das Geld hatten wir nach zwei Monaten zusammen. Hinzu kamen private Spenden und Firmen, die uns unterstützen. Nun besitzen wir drei Drohnen, nächstes Jahr sollen es mehr werden», sagt Armin Nef. Doch ist es während der Mähsaison nicht immer einfach, mit den Drohnen sofort an Ort und Stelle zu sein. Auf 156 Wiesen wurden insgesamt 264 Hektaren auf der Suche nach den Kitzen abgeflogen. «Meist mähen alle zur selben Zeit, dann wird es knapp mit den Ressourcen. Um die Kitze zu erkennen, muss man mit der Drohne früh raus», so der Präsident. Das heisst, zwischen halb vier und halb acht Uhr morgens wird geflogen, später sind die Temperaturen für die Wärmebildkamera zu hoch. Armin Nef ist der Überzeugung, auf diese Weise mehr Kitze zu retten als mit herkömmlichen Methoden. Selten passiert es, dass zwischenzeitlich, nachdem die Drohne die Wiese abgeflogen hat und bis der Bauer mäht, eine Rehgeiss ihr Kitz in der Wiese versteckt. Die meisten Landwirte stehen in den Startlöchern, während die Drohne die Wiese überfliegt. Das Ziel des Vereins ist es, die gesamte Gemeinde Wartau abzudecken.  

Drohne in Liechtenstein: Kombination verschiedener Ansätze

Das Amt für Umwelt verfügt seit 2019 über eine Drohne mit Wärmebildkamera und unterstützt damit die Rehkitzrettung der Jagdpächter. In der heurigen Rehkitzrettungssaison konnte der Wildhüter des Amtes mehrere erfolgreiche Einsätze bestreiten, teilte das Amt auf Anfrage mit. «Die Drohne kann eine effiziente Methode zum Aufspüren von Rehkitzen sein. Entscheidend ist aber die Kombination verschiedener Ansätze», erläutert Olivier Nägele vom Amt für Umwelt. Die Jagdgemeinschaften der Tal- und Hangreviere sowie die betroffenen Landwirte setzten jedes Jahr ein zusammen mit dem Amt für Umwelt sowie dem Amt für Lebensmittelkontrolle und Veterinärwesen erstelltes Rehkitzret- tungskonzept um. Dabei sind die Landwirte angehalten, frühzeitig ihre Mähzeitpunkte auf den Setzwiesen an die mit der Rehkitzrettung betrauten Jäger bekannt zu geben. Bis zur Mahd können dann die Rehkitzrettungsmassnahmen umgesetzt werden. 

Jäger entscheiden über geeignete Methoden

Um Rehkitze vor dem Mähtod zu schützen, arbeitet die VBO (Vereinigung bäuerlicher Organisationen im Fürstentum Liechtenstein) mit Jägern, Behörden und freiwilligen Helfern zusammen.  Während der kritischen Phase (Hauptsetzzeit Mai– Juni) melden sich die Landwirte am Vortag der geplanten Wiesenmahd bei den zuständigen Jagdaufsehern. Sie entscheiden über die geeignete Methode und suchen am Vorabend die Wiesen ab und «verblenden» diese. Die Kombination variabler, akustischer und optischer Signale hält Wildtiere wirksam von den gefährdeten Flächen fern, gibt die VBO Auskunft.  
2019 erfolgte ein Drohnen- Testeinsatz zur Rehkitzrettung in Triesen mit einem auf Drohnen und Wärmebildkamera spezialisierten Unternehmen. Bisher ist ein grossflächiger Einsatz sowohl an den Kosten wie auch an der Verfügbarkeit und Organisation gescheitert. Aus  Sicht der VBO dürfte dies dennoch eines der wichtigsten Hilfsmittel der Zukunft sein. 
Unter den heutigen Bedingungen in Liechtenstein (Flächengrössen, Personal, Kosten, Einsatzzeitpunkt, Flächenleistung) haben sich die elektronischen Rehkitzretter bewährt. Jäger und Landwirte sind mit der Wirkung dieser Methode sehr zufrieden. 
Für die Landwirte ist es laut der VBO wichtig, dass die Verblendungsmethode schnell und effektiv wirkt und keine unnötigen zusätzlichen Aufwände entstehen. Kurzfristige Verfügbarkeit, Flächenleistung und Kosten dürften die wohl massgebendsten Kriterien sein. (ms)

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