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Mauro Pedrazzini: «Wir dürfen nicht nachlässig werden»

Das «Vaterland» hat dem Gesundheitsminister drei Fragen rund um das Coronavirus und dessen Auswirkungen gestellt.
PK der Regierung in Vaduz
Gesundheitsminister Mauro Pedrazzini: «Widersprüche kosten Vertrauen.» (Bild: Daniel Schwendener)

Als wie sinnvoll erachten Sie eine Impfung gegen das Coronavirus? Es wird ja immer wieder davon gesprochen, dass man sich mehrmals mit dem Virus anstecken kann.
Mauro Pedrazzini: Es befinden sich derzeit viele Produkte für Impfungen in der Entwicklung, die teilweise auf recht unterschiedlichen Technologien basieren. Wir wissen heute noch nicht, was diese Impfstoffe leisten können. Gerne hätten wir einen Impfstoff, der lebenslange Immunität herstellt, aber wir wären schon zufrieden, wenn zuverlässig eine Immunität über einige Jahre erreicht werden könnte. Ein noch bescheidenerer Anspruch an eine Impfung wäre, dass sie das Immunsystem so vorbereitet, dass bei Ansteckung mit dem Virus ein schwerer Krankheitsverlauf mit hoher Wahrscheinlichkeit verhindert werden kann. Also auch bei Risikogruppen praktisch nur leichte Verläufe vorkommen. Schon das wäre ein erheblicher Fortschritt. Wie bei anderen ansteckenden Krankheiten ist eine Impfung ein probates Mittel, um mögliche Ansteckungsketten zu unterbrechen. Die Mehrfachansteckungen, über die gelegentlich berichtet wird, sind erstens sehr selten und zweitens oft nicht in die Tiefe untersucht. Auch stellt sich die Frage, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, bei einer erneuten Ansteckung wirklich schwer zu erkranken.

Ebenfalls wird des Öfteren davon berichtet, dass die Schweregrade der Corona­virus-Erkrankungen seit März abgenommen haben.  
Hierfür spielen mehrere Faktoren eine Rolle. In der Schweiz sind die Infizierten jetzt deutlich jünger – hierzulande wurde in einer Untersuchung der ersten Welle festgehalten, dass die Fälle fast alle vergleichsweise mild verlaufen sind und der Altersdurchschnitt der Infizierten deutlich niedriger war, als beispielsweise zu Beginn in der Schweiz. Das ist sicher einer der Faktoren, der nun in der Schweiz zu weniger Hospitalisierungen und Todesfällen führt, obwohl die Fallzahlen deutlich angestiegen sind. Ein zweiter Faktor sind die zwischenzeitlich gefundenen Behandlungsmöglichkeiten – dies, obwohl es noch kein Medikament gibt, mit dem alle Erkrankten zuverlässig und schnell geheilt werden können. Jedoch hat die medizinische Forschung in den vergangenen Monaten deutliche Fortschritte erzielt. Es stehen den Ärzten heute Medikamente und Therapien zur Verfügung, mit denen die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs deutlich verringert werden kann. Wichtig ist aber auch ein frühes Eingreifen, weshalb hierzulande die positiv Getesteten in Isola­tion regelmässig angerufen und über ihren Gesundheitszustand befragt werden. Ob diese beiden Faktoren den beobachteten verringerten Schweregrad der Erkrankungen vollständig erklären oder ob sich als dritter Faktor auch das Virus verändert hat, müsste wissenschaftlich geklärt werden. Die Tatsache, dass derzeit vermehrt jüngere Personen angesteckt werden, ist aber trügerisch – wir dürfen nicht nachlässig werden. Diese Personen haben auch Kontakt zu älteren Personen. Somit könnte sich die Alterszusammensetzung der Infizierten schnell wieder ändern. 

Wie schwierig waren die vergangenen Monate für Sie und Ihr Team? Erhielten Sie Anfeindungen aus der Gesellschaft?
Die vergangenen Monate waren eine grosse Herausforderung für uns im Ministerium und vor allem auch für das Amt für Gesundheit. Es war ein harter Test für die Nerven. Die Tage waren lang und die Wochenenden sind über Monate hinweg ausgefallen. Glücklicherweise war die Lage bezüglich der Neuinfektionen im Sommer recht ruhig, so dass wir uns alle etwas erholen konnten. Ein grosser Teil der Arbeit lag in der Kommunika­tion, sowohl über die Medien als auch über die unzähligen Anrufe und E-Mails. Es war nicht leicht, die Massnahmen und vor allem die dahinter stehenden Überlegungen zu kommunizieren. Aber das war sehr wichtig und wird auch in Zukunft sehr wichtig sein. Der Ernst der Lage wurde grösstenteils verstanden und wir konnten auf den gesunden Menschenverstand zählen, wofür ich sehr dankbar bin. Anfeindungen erhalte ich seit ich auf diesem Stuhl sitze, daran gewöhnt man sich. Als Politiker kann man es nie allen recht machen. Interessant ist aber, dass oft Massnahmen kritisiert werden, die bei uns im Land gar nie ergriffen wurden. Wir bewegen uns in einer Welt mit neuen und unbequemen Regeln, die sich zudem je nach Situation noch unterscheiden. Zusätzlich lesen und hören wir seit Monaten in grosser Menge Nachrichten aus aller Welt zu diesem einen Thema. Alle diese Informationen, die derzeit auf uns niederprasseln, sind oft nicht widerspruchsfrei. Gewisse Dinge scheinen einfach nicht zusammenzupassen, vieles stammt aus dubiosen Quellen und von Menschen, die nun ihre Chance sehen, sich durch Extrempositionen ins Rampenlicht zu rücken. Widersprüche kosten Vertrauen. Wir können sie aber nicht einfach aus der Welt schaffen, wir müssen mit ihnen leben. Die Welt wird nie vollkommen widerspruchsfrei sein. Es ist die grosse politische Herausforderung dieser Zeit, das Vertrauen in die politischen Akteure aufrechtzuerhalten, obwohl sie nicht alles wissen, nicht immer widerspruchsfrei handeln und sich zudem manchmal auch noch irren. (qus)

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