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«Das Coolste liegt noch vor mir»

Manchmal ist das Leben einfach nicht vorhersehbar. Ein Unfall beim Downhillbiken vor knapp zehn Jahren hat für Sarah Hundert vieles grundlegend verändert und sie sah sich plötzlich mit einer neuen Situation konfrontiert. Dass ein negatives Erlebnis auch viele positive Entwicklungen nach sich ziehen kann, steht für die junge Liechtensteinerin fest.
Sarah Hundert, Schaan
«Es gibt mehr positive als negative Entwicklungen für mich, wenn ich zurückblicke», sagt Sarah Hundert. (Bild: Tatjana Schnalzger)

Einschneidende Erlebnisse und Schicksalsschläge treffen einen immer wieder, während des gesamten Lebens. Vor einigen Jahren hatten Sie auch so einen einschneidenden Moment.
Genau, jetzt ist es fast 10 Jahre her, seit ich beim Downhill-­Biken gestürzt bin. Ich habe einen Sprung übersehen und bin sehr ungeschickt auf den Kopf gefallen. Dadurch hat sich eine Kompressionsfraktur im Rückenmark ereignet – ein Wirbel wurde komplett zerstört und musste entfernt werden. Ausserdem wurde meine Wirbelsäule stellenweise mit Metallstäben ­fixiert. Die Diagnose lautete Querschnittslähmung.

Stand die Diagnose sofort fest?
Für mich war es in dem Moment klar, als ich am nächsten Tag im Spital erwachte. Meine Mutter stand neben mir und ich habe zu ihr gesagt: Jetzt musst du mir einen Rollstuhl kaufen. Im gleichen Moment bat ich sie auch, mir ein neues Fahrrad zu kaufen, weil mein altes ja beim Unfall kaputtging. Ich war noch nicht ganz bei mir, aber ich wusste, dass etwas nicht stimmt. Man versteht noch nicht ganz, was das bedeutet und was alles auf einen zukommt, aber für mich war es klar. Die offizielle ­Diagnose kam etwa drei Monate nach dem Unfall. Und obwohl ich mich schon irgendwie darauf eingestellt hatte, war es dennoch ein harter Schlag für mich.

Wie schwer ist es Ihnen gefallen, sich auf die neue Situation einzustellen?
Am Anfang relativ einfach. Ich war die erste Zeit in einem Zentrum untergebracht, wo alles rollstuhlgerecht ist. Da kommt man schnell in den Alltagstrott und man lernt damit zu leben – schliesslich ist es ja auch 24 Stunden am Tag so. Nach sechs Monaten bin ich dann wieder nach Hause gekommen, und das war schon schwerer. Hier ging plötzlich nichts mehr. Überall waren Hindernisse und Hürden, nicht nur in meinem Zuhause, sondern auch sonst überall im Alltag. Dieser Prozess zog sich über drei bis vier Jahre. Sport war für mich in dieser Situation besonders wichtig. Er hat mich gerettet.

Sport spielte auch schon vor Ihrem Unfall eine wichtige Rolle in Ihrem Leben.
Genau, und jetzt ist er umso wichtiger. Wenn ich mich mal schlecht gefühlt habe, dann habe ich Sport gemacht. Wenn mir die Decke auf den Kopf gefallen ist, bin ich zum Fitness gegangen. Sport hat mich am Boden gehalten und ohne sportliche Aktivität wüsste ich nicht, wo ich heute stehen würde. Aber man muss halt auch einfach den Willen haben, weiterzumachen, und man braucht ein starkes Umfeld, das einem Rückhalt gibt. Ich habe zum Glück eine Familie und einen Freundeskreis, die mich bei allem unterstützt haben. Wenn ich gesagt hätte, ich will auf den Mount Everest, dann hätten mich meine Freunde hinaufgetragen. Sie haben mich nie gehindert, neue Sachen auszuprobieren, haben mich aber auch auf den Boden zurückgeholt, wenn es nötig war.

Ist Ihnen heute der Unfall noch allgegenwärtig, wenn Sie morgens aufstehen, oder gehört der Rollstuhl zum Alltag?
Für mich ist es heute ganz normal. Klar, es gibt immer noch Situationen, wo ich mich frage: Muss das wirklich sein? Ohne Rollstuhl wäre das alles viel einfacher. Aber ich denke, solche Momente hat jeder, wenn etwas mal nicht richtig klappt. Diese Momente sind aber selten und ich empfinde sie nicht als störend. Aber ich muss auch deutlich sagen, ich habe den Rollstuhl nicht zu 100 Prozent akzeptiert und ich gebe die Hoffnung auf eine Veränderung nicht ganz auf. Ich engagiere mich bei der Stiftung «Wings for Life» und kämpfe dafür, dass man irgendwann eine Lösung für die Querschnittslähmung finden wird. Deshalb muss ich mir die Hoffnung auch selbst bewahren.

Aber Ihr Leben hat sich schon grundlegend verändert?
Ja, aber ich erfahre auch viel Rückhalt. Ich war damals im dritten Lehrjahr zur Chemielaborantin und mein Lehrbetrieb hat mir schon einige Wochen nach dem Unfall versichert, dass ich die Ausbildung im Betrieb abschliessen darf. Anschliessend habe ich in einem Schaaner Betrieb noch die kaufmännische Lehre gemacht und arbeite in diesem Betrieb nun seit acht Jahren.

Privat hatten wir das Glück, dass wir in einem Haus wohnen, in dem wenig umgebaut werden musste. Die Durchgänge und Zimmer sind gross genug. Wir haben eine Rampe an der Haustür und einen Treppenlift eingebaut und das Bad angepasst. So konnte ich aber in meinem gewohnten Umfeld weiterleben.

Gibt es positive Erfahrungen, die Sie aus diesem Erlebnis ziehen können?
Es gibt mehr positive als negative Entwicklungen für mich, wenn ich zurückblicke. Ich durfte viele neue Menschen kennenlernen, privat und auch im Sport, die ich ohne den Unfall nie getroffen hätte. Ich habe neue Freunde gewonnen, die mich so nehmen, wie ich bin. Und ich durfte unzählige Momente erleben, die für mich ganz besonders waren. Beispielsweise hatten Roland Gassner und ich vor etwa fünf Jahren die hirnrissige Idee, das Team Liechtenstein für den «Wings for Life»-Run zu gründen. Wir haben davon geträumt, gemeinsam nach Olten zum Lauf anzureisen – schliesslich waren wir beim ersten Rennen schon über 100 Teilnehmer aus Liechtenstein. Das war unglaublich schön. Auch beim Skisport durfte ich viele Erfahrungen mitnehmen, die viele sonst nicht machen. Ausserdem bin ich in der Situation, dass ich vielleicht die Möglichkeit habe, bei den Paralympics mitzumachen, was nicht viele von sich behaupten können. Man darf das Negative nie überhandnehmen lassen, die positiven Momente sind entscheidend.

Leben Sie heute intensiver oder bewusster als davor?
Bewusster vielleicht nicht. Aber man schätzt einige Dinge viel mehr. Durch meinen Unfall musste ich extrem schnell erwachsen werden und Verantwortung übernehmen, was meinen Blick auf viele Dinge geprägt hat. Ich habe gelernt, mein Umfeld stärker zu schätzen und bin besonders dankbar dafür. Am Anfang hatte ich das Gefühl, da muss ich jetzt alleine durch und das wird schon irgendwie gehen. Aber auch heute geht halt nicht alles und man ist auf Hilfe angewiesen. Aber auch hier geht es, denke ich, allen so. Die Coronakrise hat uns auch gezeigt, wie wichtig es ist, sich gegenseitig zu helfen. Jeder braucht mal Hilfe. Und es ist schön, jemandem zu helfen, und wichtig, dass man manchmal Unterstützung bekommt.

Sie sind eine engagierte junge Frau, die man heute unter anderem besonders stark durch ihre sportlichen Aktivitäten wahrnimmt. Was machen Sie alles?
Meine Hauptsportart ist Ski alpin, dabei besonders der Slalom und Riesenslalom. Nebenbei gehe ich im Sommer handbiken, gehe ins Fitnessstudio, spiele Tennis und gehe Kart fahren. Als neue Leidenschaft habe ich das Wakeboarden entdeckt, was mir sehr viel Spass macht. Mein Pensum liegt so zwischen 10 und 16 Stunden Sport pro Woche.

Beim Ski alpin spielen Sie mit dem Gedanken, bei den Paralympischen Spielen teilzunehmen.
Genau. Die nächsten finden 2022 in Peking statt und der Event wäre für mich schon etwas ganz Besonderes. Die Teilnahme hängt jedoch von meiner Form ab. Wie bei allen Sportarten gibt es auch bei den Paralympics Teilnahmekriterien. Da ich aber die einzige Liechtensteiner Winter-Paralympic-Sportlerin bin, könnte ich auf jeden Fall nach Peking reisen. Ich habe mir jedoch selbst vorgenommen, dass ich nur teilnehme, wenn ich im vorderen Drittel mitfahren kann. Wenn ich teilnehme, will ich auch vorne dabei sein. Und ich kämpfe und trainiere hart, um dieses Ziel zu erreichen.

Was haben Sie sich sonst noch für Ziele gesetzt?
In den kommenden Wochen und Monaten werde ich natürlich weiter trainieren. Zudem wird mich ein grosses Projekt für die Lihga beschäftigen. Gemeinsam mit Roland Gassner betreue ich im Frühjahr an der Messe den Ligha-hilft-Stand, um Geld für Wings for Life zu sammeln. Dieses Projekt wird auch sehr spannend und intensiv. Privat habe ich noch ein grosses sportliches Ziel: Ich möchte mit dem Fahrrad die Churfirsten umrunden. Das sind etwa 120 Kilometer Weg und 1000 Höhenmeter – das wäre ein schönes Erlebnis.

Das klingt sehr kräftezehrend und ist sicher ein eindrückliches Abenteuer. Überhaupt, was sind Ihre schönsten Erinnerungen oder grössten Erlebnisse?
Ich habe diesen Sommer zum ersten Mal 100 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt. Der mentale Kampf durchzuhalten war intensiv und die Glücksgefühle danach einfach unbeschreiblich. Ich habe schon so viele einzigartige Situationen erlebt. Aber ich bin mir sicher, die coolsten Erfahrungen und Momente liegen noch vor mir.

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