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Der nicht wahrgenommene Weltstar

Bedeutende Persönlichkeiten lebten in Liechtenstein, einige sind hier begraben. Grossen Eindruck machte das auf die Politik nicht.
Oskar Werner 1922-1984
Oskar Werner hier im Jahr 1949. Er war ein bedeutender Schauspieler. (Bild: United States Information Service (USIS))

In der Kleinstaat-Gesellschaft setzte man die Prioritäten anders. Gerade auch in einer der ältesten Formen kulturellen Ausdrucks, in der Schauspielkunst, erschliessen sich Interessierten und Kunstsinnigen die Spuren jener Persönlichkeiten aber nur dann, wenn sie jemand darauf hinweist: Man kann Gräber nicht aufsuchen, wenn man nicht weiss, dass es sie gibt und wo sie sind. Und das gilt auch für Schriftsteller und bildende Künstler. Von Letzteren zumindest hat auch das offizielle Liechtenstein in einigen Fällen Kenntnis genommen. Auch namhafte Literaten und Verleger gab es einige in Liechtenstein, so Henry Goverts und Heinrich Ellermann, Curt Goetz und Valerie von Martens, C. C. Bergius u. a. m.

Ein bedeutender internationaler Star
In den grossen Zeiten des Theaters am Kirchplatz gastierten hier Weltstars, geblieben sind kaum welche. Die Ausnahme, was das Bleiben angeht: Eine der grossen, wirklich auch als Weltstar wahrgenommenen Persönlichkeiten war Oskar Werner, geboren 1922, ein bedeutender österreichischer Film- und Bühnenschauspieler, der in zahlreichen internationalen Filmen mitwirkte. Er lebte in Triesen und Österreich und starb am 23. Oktober 1984. Neben seinen schauspielerischen Erfolgen erlangte Werner grosse Bekannt- und Beliebtheit durch seine unverwechselbare Stimme. Ihre sanfte, poetische Modulation und die charakteristische Wiener Sprachfärbung gelten noch heute als besonders faszinierend. Das kommt gerade auch in den Hörspielproduktionen und Lese-Inszenierungen zur Geltung, in denen er als Sprecher mitwirkte und die in seinem letzten Lebensabschnitt eine immer grössere Rolle einnahmen. Oskar Werners Stimme wird in Österreich bis heute immer wieder in Werbung und Kabarett parodiert.

Nach tragischer Kindheit etwas aus seinem Leben gemacht
Der älteren Generation ist er noch ein Begriff, nicht nur als Theaterschauspieler, sondern auch als internationaler Filmstar mit Filmen wie «Jules und Jim» oder «Fahrenheit 451». In Wien als Oskar Josef Bschliessmayer geboren, nannte er sich ab 1946 mit Künstlernamen Oskar Werner. An seinem Geburtsort in der Wiener Marchettigasse 1A gibt es heute eine Gedenktafel an ihn und in der Nähe den Oskar-Werner-Platz. Die Mutter war Fabrikarbeiterin, der Vater Versicherungsvertreter, sie liessen sich bald scheiden, und Oskar wuchs bei seiner Mutter und der Grossmutter auf. Er hatte eine tragische Kindheit, unternahm seine Mutter doch, als er acht Jahre alt war, einen Suizidversuch, und als Jugendlicher erlebte er die Novemberpogrome 1938. Das hat ihn unzweifelhaft zum erklärten Pazifisten und Gegner von Nationalismus und Antisemitismus gemacht. Schon während seiner Schulzeit spielte Oskar Werner Rollen am Schultheater und als Komparse bei Filmproduktionen, hinzu kamen erste Sprechrollen in Rundfunk, Kabarett und Theater. Die Schule verliess er nach nicht bestandener Matura, danach wurde er zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Auf Betreiben des Burgtheaters, das ihn engagiert hatte, sollte für Oskar Werner eine Unabkömmlichkeitsstellung von der Wehrmacht durchgesetzt werden, was jedoch erfolglos blieb. Daher entzog er sich 1945 durch Desertion dem Wehrdienst und flüchtete mit seiner damaligen Ehefrau Elisabeth Kallina, die bei den Nationalsozialisten als Halbjüdin galt, und ihrer 1944 geborenen Tochter nach Baden im Wienerwald. 1949 begann Werner seine internationale Karriere beim Film mit «Der Engel mit der Posaune». 1954 heiratete er, von Elisabeth Kallina geschieden, Anne Power. Aus einer späteren Beziehung mit Diane Anderson wurde 1966 der Sohn Felix Florian geboren. Von 1970 bis 1979 war er mit der Schauspielerin Antje Weisgerber liiert. Ab 1980 lebte er wieder in Wien und in Thallern in der Wachau.

Ein in der Einsamkeit lebender Kosmopolit
Er hatte in Triesen, wo er zurückgezogen in seinem Haus «Teixlburg» lebte, eine Heimstatt gefunden, aber nur wenige Freunde wie zum Beispiel Hans Frommelt. Die letzten Lebensjahre des oft als schwierig und exzentrisch beschriebenen Werner wurden von Depressionen und seiner fortschreitenden Alkoholkrankheit überschattet. Er hielt Lesungen und Rezitationsabende ab. In Liechtenstein wie zuvor schon in Innsbruck konnte er seine geplanten Theaterfestspiele nicht verwirklichen. 
An der Pforte zu seinem Grundstück hing ein Schild mit der Aufschrift: «Gewährt, dass ich ersu­che, keine unangesagten Besuche. Private – no visitors please». Zwar galt er als schwierig und oft unzugänglich. Trotzdem verbarg sich gerade hinter dieser Haltung eine Sensibilität, die ihn letztlich wiederum zu jenen Leistungen beflügelte, die ihm Film- und Bühnenruhm eintrugen und die ihm zu globalem Ansehen verhalfen.

«Mein Versuch, mit den Einheimischen in Kontakt zu treten …»
Hans Frommelt verdanken wir den Zugang zu einem Brief Oskar Werners an ihn, der am 5. August 1976 geschrieben wurde. Aus den darin angesprochenen Festspielen ist nie etwas geworden, sie blieben ein unerfüllter Traum des Künstlers, obwohl er sich sehr konkrete Gedanken darüber gemacht hatte. Gegenüber den Medien wollte er sich vorab ohnehin nicht dazu äussern, zumal er Interviews ohnehin hasste, wie er gegenüber dem Verfasser dieser Zeilen einmal in einem durchaus freundlichen Brief bemerkte. «Weisst Du», schrieb Oskar Werner an Johannes Frommelt, «von den 25 Jahren, die ich in Liechtenstein wohne, habe ich 23 davon in vollkommener Zurückgezogenheit gelebt. Und das war gut so. Meinen Versuch, mit den Einheimischen in näheren Kontakt zu treten, besonders in Bezug mit den Liechtensteinischen Festspielen, die sich im wahrsten Sinne des Wortes zerschlagen haben, muss ich als gescheitert betrachten, wie Du Dich selbst überzeugen konntest. Die Lebensschau eines Künstlers, seine Weltanschauung, seine Seins-Philosophie, haben zu allen Zeiten im bürgerlichen Kreis wenig Verständnis gefunden. Man kann es auch schwerlich verlangen, denn man versteht bekanntlich die Dinge nur so weit als man selber ist. Deshalb sind die meisten Künstler Einzelgänger, so auch ich. Natürlich werde ich, falls die Regierung oder das Fürstenhaus ernsthaft Festspiele planen sollte, meine 40-jährige Berufserfahrung beratend zur Verfügung stellen. (Merkwürdig, wenn unser Landesfürst sein 40-jähriges Regierungsjubiläum feiern wird, werde ich 1978 meinen Beruf gerade 40 Jahre ausgeübt haben.) Eigeninitiative werde ich keine ergreifen. Der Wille zur Macht ist mir nicht erstrebenswert – wohl der Wille zum Sinn. Sollte ein offizielles Angebot an mich ergehen; werde ich es sorgfältig prüfen. Ich geniesse meine Anonymität hier im Ländle, die ich ungern aufgeben würde. Ich halte es da mit Matisse: freilich soll der Künstler berühmt sein – aber unbekannt.» Man spürt aus diesen Zeilen heraus, dass er immer noch die stille Hoffnung einer Verwirklichung seiner Träume hegte. Vergebens. Es gab keine Reaktionen.

Den gleichen Tod wie im Film gestorben
Er starb mit 61 Jahren in einem Hotel in Marburg an der Lahn an einem Herzinfarkt, als er sich auf eine Rezitationstournee durch Deutschland vorbereitete. Diesen Tod hatte er viel früher im Film «Das Narrenschiff» mit ­Simone Signoret gespielt … Schon zu Lebzeiten hatte er bestimmt, dass er in Triesen beigesetzt werden wollte, wo er viele Jahre zurückgezogen gelebt hatte. (vv)

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