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«Ich kenne keine Gefahr»

Er ist ein Draufgänger und ein Adrenalinjunky: Patrik Kaiser – der Mann, der erst mit 40 Jahren den Autorennsport fur sich entdeckt hat und in wenigen Jahren zu einem gefürchteten Konkurrenten an der Langstreckenmeisterschaft Nürburgring wurde. Die berüchtigte Nordschleife gilt unter dem Namen «Grüne Hölle als eine der gefährlichsten Strecken überhaupt. Genau das ist es, was für den 43-jährigen Schellenberger den Kick ausmacht.
Patrik Kaiser
Das Rennfahren im Blut - Patrik Kaiser (Bild: Gerald Joehri)
Patrik Kaiser
Auf der Rennbahn zuhause (Bild: pd)

Herr Kaiser, stellen Sie sich vor, Sie wären ein Auto, welches Modell würde jetzt vor mir stehen?
Patrick Kaiser: Ein Ferrari F12 – mein aktuelles Favoritenmodell.

Anfang des Jahres haben Sie sich in der Rennszene rar gemacht. Reizte Sie der Geruch nach verbranntem Gummi nicht mehr?
Das Problem war, dass ich beruflich sehr eingebunden war und einfach nicht den Kopf dazu hatte. Und wenn man keinen klaren Kopf hat, darf man nicht Rennen fahren, ansonsten wirds gefährlich. Die Trainingsstrecke Nordschleife fordert 100-prozentige Konzentration über die gesamte Renndistanz. Als Vorbereitung darauf ist intensives Mentaltraining notwendig.

Und wie sieht dieses Mentaltraining aus?
Ich habe den Hang, etwas zu draufgängerisch zu sein. Das heisst, es entspricht meiner Natur, in ein Auto zu steigen und Vollgas zu geben – mit dem einzigen Gedanken: Denen allen zeige ich es. Ich kenne keine Gefahr. Nun habe ich gemeinsam mit meinem Mentalcoach folgenden Leitsatz erarbeitet, den ich mir vor jedem Rennen verinnerliche: «Ich steige mit voller Verantwortung in das Rennauto ein und bewege es mit optimaler Verantwortung an der Grenze des Autos.» Das hat mir viel gebracht – vor allem auch für die Konzentration, die ich für ein Rennen benötige.

Mit Ihrer draufgängerischen Ader werden Sie schon in viele brenzlige Situationen geraten sein. Was war der gefährlichste Moment?
Das war letztes Jahr, als es mich am Nür-burgring im Bereich «Fuchsröhre» im Regen mit etwa 240 km/h drehte und ich rück-wärts in eine Leitplanke knallte. Auch in diesem Jahr bin ich in eine gefährliche Situation geraten, als ich bei einem Training im italienischen Misano mit mehr als 230 km/h in einer Kurve hinten wegrutschte und es mich in die Leitplanken schmetterte. Glück-licherweise sind die Sicherheitsvorkehrungen im Auto mit dem 6-Punkt-Gurt und dem Überrollbügel sehr gut. Ausserdem wird das Genick des Fahrers durch das sogenannte HANS-System – «head and neck support» – stabilisiert. Aber ich muss zugeben, nach dem Unfall tat mir das Genick trotzdem weh (lacht).

Nimmt man so einen Unfall bewusst wahr oder geht alles zu schnell?
Man nimmt ihn sogar sehr bewusst wahr. Ich sehe heute noch wie im Zeitraffer beide Unfälle klar vor Augen. Ich weiss sogar noch, wie ich den Kopf drehte, um zu sehen, wohin die Reise geht – bis zum brutalen Aufprall.

Spürt man Todesangst?
Überhaupt nicht – das darf man auch nicht. Respekt ist gut, aber Angst darf man nie haben. Ich steige am anderen Tag wieder ins Auto und fahre weiter. Vielleicht zuckt man an der besagten Stelle mal kurz zusammen, aber das wars.

Patrik Kaiser
Auf der Rennbahn zuhause (Bild: pd)

Pünktlich zum Saisonhighlight der Langstreckenmeisterschaft in der Eifel sind Sie vergangenen August auf die Rennstrecke zurückgekehrt. Was ist Ihr Saisonziel?
Mein Ziel ist es, in dieser Rennserie unter die Top 10 der rund 200 Teilnehmer zu fahren. Bislang läuft es ganz gut. Bereits beim ersten Sechs-Stunden-Rennen im August fuhr unser Team auf den elften Rang – und zwar ohne grosse Mühe. Am Nürburgring trete ich gegen viele Profis an – von DTM-Fahrern bis Ex-Formel-1-Stars wie Nick Heidfeld oder Pedro Lamy. Eine Herausforderung für mich als Hobbyfahrer, der erst mit 40 Jahren mit dem Autorennsport begonnen hat. Das 24-Stunden-Rennen zu fahren vor den rund 250 000 Zuschauern ist einfach ein überwältigendes Gefühl. Alle Sinne sind sensibilisiert und man riecht sogar, wenn am Streckenrand gegrillt wird. Nach der Langstreckenmeisterschaft werde ich im Januar ausserdem noch das 24-Stunden-Rennen in Dubai bestreiten.

Wie ist das Verhältnis mit den Profis auf den Rennplätzen?
Super. Das sind ganz normale Menschen. Ausserdem sind sie auf uns Amateure angewiesen, da wir sie ja mit unserem Renneinsatz auch indirekt mitfinanzieren. Die meis-ten Profis bieten zudem als Nebenverdienst Trainingscoaching auf der Strecke an. Das habe ich letztes Jahr im Ferrari-Team in Anspruch genommen. Mittels Daten- und Videoanalyse durch den Profi konnte ich viel profitieren.

Aktuell fahren Sie einen Mercedes-Benz SLS AMG GT3. Früher waren Sie mit Audi, dann Ferrari, Porsche und Lamborghini auf der Rennstrecke unterwegs. Ist es eine grosse Umstellung für Sie, das Automodell zu wechseln?
Der grösste Unterschied war vom Audi TTRS mit Frontantrieb zum Porsche und Ferrari mit Heckantrieb. Das sind massive Unterschiede im Handling. Zum Glück kann ich wählen, welches Modell ich fahren will. Wer zahlt, befiehlt (lacht).

Was war das grösste Highlight Ihrer Rennfahrerkarriere?
Das war sicher mein erstes 24-Stunden-Rennen auf der Nordschleife am Nürburg-ring. Da fährt man inklusive kurzem Boxenstopp mit Tanken und Reifenwechsel etwa zweieinhalb Stunden am Stück, schläft dann vielleicht eine halbe Stunde und bereitet sich anschliessend wieder mental auf den nächsten Einsatz vor. Es gab 250 000 Zuschauer und in der Startaufstellung mussten die Fahrer Autogramme geben sowie der Presse Rede und Antwort stehen. Am Abend konnte ich mich sogar im Hotel im Fernsehen sehen, weil meine Fahrt im Ferrari eine ganze Runde lang von einem Helikopter begleitet wurde.

(Das ganze Interview im autowinter-Magazin 2014)

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