Erster lokaler Strommarkt

Das Projekt «Quartierstrom» in Walenstadt zeigt, dass Blockchain nicht nur die Basis einer Kryptowährung sein kann. Durch die Technologie entsteht derzeit der erste lokale Strommarkt der Schweiz.
Ein Quartier namens Schwemmiweg in Walenstadt schreibt Geschichte: Mit 35 Haushalten entsteht hier der erste lokale Strommarkt der Schweiz. Die Idee dahinter ist, lokal produzierten Strom aus Photovoltaik-Anlagen auch lokal zu verbrauchen. Wer zu viel produziert, verkauft Strom. All jene kaufen ihn, die zu wenig oder gar nicht produzieren. Dass sich die ETH Zürich, die HSG und die Hochschule Luzern für ihr Projekt Walenstadt ausgesucht haben, liegt mitunter am Wasser-und Elektrizitätswerk in Walenstadt (WEW) und seinem Geschäftsführer Christian Dürr, der das Pilotprojekt als grosse Chance sieht. «Ich erwarte mir Erkenntnisse über zukünftige Chancen und Risiken, wo brechen die Umsätze weg und wie können diese kompensiert werden.» 
 
Blockchain mit Stromeinheiten 
 
Ein Jahr lang wird das Projekt laufen, das technologisch mit vielen verschiedenen Komponenten daherkommt. Zum einen basiert das Projekt auf der Blockchain-Technologie. Durch sie können die Stromeinheiten, die das Quartier produziert, in einem System festgehalten werden. Im Gegensatz zum herkömmlichen Markt wird nicht nur einmal im Jahr der Stromzähler abgelesen. Im Sekunden-Takt werden die Daten aktualisiert und synchronisiert. Es entsteht ein digitales Kontobuch aller Transaktionen, die Zahlungen direkt daran koppeln. «Algorithmen berechnen den Preis aufgrund der Präferenzen der Kunden», erklärt Projektleiter Sandro Schopfer vom Bits to Energy Lab an der ETH Zürich. Der Stromtarif wird von Angebot und Nachfrage bestimmt – ein Markt entsteht. 
Der Prosument kann selbst über eine App entscheiden, zu welchem Preis er am Markt teilnimmt. Für jenen ist der Handel unter Nachbarn lukrativer als die Einspeisevergütung durch den Stromversorger. Doch damit endet das Pilotprojekt noch nicht: Kleine Computer schliessen den Handel zwischen den Produzenten und Konsumenten ab. Das passiert nicht nur automatisch, sondern auch hochintelligent. Denn die Software beruht auf künstlicher Intelligenz und ist damit selbstlernend. Das Projekt steuert damit in viele unterschiedliche Richtungen, die alle das gleiche Ziel haben: wegweisende Erkenntnisse zu sammeln. 
 
Gibt es einen Markt?
 
«Alle wollen sauberen Strom, aber nur wenige wollen einen Beitrag dazu leisten. Ein Aspekt, der in die Verhaltensforschung hineinreicht, dreht sich daher auch um die Frage: Können wir Haushalte dazu bewegen, sich einer lokalen Community anzuschliessen?», erklärt Schopfer. 
Es gehe zudem um die Fragen, ob ein Markt für solche Modelle vorhanden ist und wie man mit einem solchen System Geld verdienen kann. Das sind auch Fragen, die den Geschäftsführer von WEW beschäftigen. Das Werk hat zusammen mit der Kundschaft die Stromspeicher gebaut, die für den Quartierstrom in Walenstadt nötig sind. «Es gibt Speicher im Quartier, die von extern und über die Blockchain angesteuert werden können», erklärtChristian Dürr. Sechs Batteriespeicher wurden installiert, die mit der marktbeherrschenden Lithium-Ionen-Technologie ausgestattet sind. «Die Leistungsfähigkeit liegt bei 72 Kilowatt», betont Dürr weiter. Das seien 40 Kochherdplatten, die gleichzeitig betrieben werden könnten. Geliefert wurden die  Speicher von BYD – dem grössten Speicherhersteller der Welt. Auch Tesla bietet solche, allerdings seien die Lieferzeiten sowie die technische Reife noch nicht genügend, erklärt Dürr.
 
Ein Blick in die Zukunft
 
Für den Geschäftsführer des WEW ist das Projekt ein Glücksfall. Denn so kann er komplett neue Marktmodelle testen und einen Blick in die Zukunft wagen. Die Energieversorgung stehe laut Dürr im Wandel. In der Schweiz – aber auch in Liechtenstein – werden immer mehr Photovoltaik-Anlagen auf Hausdächern installiert. Dass der Quartierstrom eigentlich ein Konkurrent ist, das sieht er nicht so eng. Ganz ohne die alten Stromversorger würde das Projekt ohnehin noch nicht funktionieren – zum Beispiel bei schlechtem Wetter. Kannibalisieren würde sich das WEW mit dem Projekt nicht. Ziel sei es laut Dürr auch, die Logistikkosten einzusparen. In der alten Welt legt der Strom von den grossen Kraftwerken einen weiten Weg zurück. Die lange Logistik führe auch zu einem hohen Netzentgelt. Mit dem Quartierstrom können Konsumenten diese Logistikkosten umgehen und damit Geld sparen. Die Projektphase soll kommenden September starten und ein Jahr lang andauern. Das Vorhaben wird vom Bundesamt für Energie BFE als Leuchtturmprojekt unterstützt.
 
Strom aus Sonnenstrahlen zu gewinnen, das wurde lange Zeit belächelt. Fachleute sehen Photovoltaik inzwischen auf dem Weg zur weltweit wichtigsten Stromquelle. Nichts könne die Technologie daran hindern, die bei Weitem billigste und reichhaltigste Stromquelle zu werden, ist etwa Christophe Ballif, Professor an der ETH Lausanne, überzeugt. Diese Kampfansage hat seine Wurzeln in der Tatsache, dass sich Staaten und Unternehmen immer öfter für Photovoltaik entscheiden. 2016 war das erste Jahr, in dem eine erneuerbare Energie – die Photovoltaik – netto am meisten beitrug am Wachstum der weltweiten Leistungskapazitäten. 
01. Jun 2018 / 17:06
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