• Iman Nahvi, St. Gallen
     (Tatjana Schnalzger)

«Das System lernt selbst»

Das Start-up Advertima hat eine Software entwickelt, die mithilfe von künstlicher Intelligenz unter anderem Emotionen erkennt. Geschäftsführer Iman Nahvi erklärt, wie sie funktioniert und wie das Start-up in nur zwei Jahren auf 40 Mitarbeiter wachsen konnte.

Herr Nahvi, Ihre IT-Schmiede hat eine Software entwickelt, die mithilfe von künstlicher Intelligenz Gefühle erkennen kann. Wie funktioniert das? 
Iman Nahvi: Es geht nicht einfach nur um Emotionen, sondern wir bringen dem Computer bei, die Umgebung so wahrzunehmen wie ein Mensch. Es geht also auch um Körperbewegungen, Gestik, Mimik. Alle Details, die der Mensch wahrnehmen kann, können wir auch dem Computer beibringen. Wir generieren mittlerweile sehr gute Analysen und erreichen einen hohen Interpretationsgrad. Der Computer kann nicht nur Gestik, Mimik oder Ausdruck, sondern zum Beispiel auch das Geschlecht und Alter erkennen.

Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Ich habe vor einigen Jahren ein Taxiunternehmen in St. Gallen gegründet. Wir haben ein Unterhaltungsprogramm auf einen Bildschirm im Taxi eingeführt. Wir dachten uns aber damals, dass müsste sehr viel intelligenter sein. 

Wo kann die Software eingesetzt werden? 
Wir können mit der Software das Erlebnis beim Menschen eruieren und seine Bedürfnisse erkennen. Nur wenn wir diese kennen, können wir sie auch erfüllen. Die Idee liegt nahe, die Software in der Werbung einzusetzen. Das ist bei uns aber primär nicht der Fall. Wir verdienen zunächst damit Geld, dass wir das kollektive Verhalten von Menschen in der physischen Welt erkennen können. Zu unseren Kunden zählen grosse Banken und Retailer in der Schweiz. Sie wollen ihren Kunden ein gutes Gefühl vermitteln, damit sie sich wohlfühlen – etwa weil passende Musik abgespielt wird. Wir können das Licht entsprechend dimmen, Videos einspielen oder sogar den Duft der Umgebungsluft beeinflussen. Technisch wird das durch Bildschirme, Lampen, Lautsprecher genau am Standort des Kunden möglich.

Mit der Software können Unternehmen ihren Kunden zum Beispiel ein positives Einkaufserlebnis bieten.
Ja. Den Kunden kennenlernen steht heute im Fokus für alle Unternehmen. Es gibt Technologiefirmen, die in den letzten zehn Jahren «Store & People Flow Analytics» nutzten. So bekommen Unternehmen Informationen über ihre Kunden. Was sie damit machen, ist ihre Entscheidung. In der Online-Welt ist es Gang und Gäbe, anstatt der Zielgruppen den Kunden individuell anzusprechen. Wir gehen einen Schritt weiter, indem wir durch unsere künstliche Intelligenz die individuelle Ansprache in die physische Welt bringen. Das System lernt selbst und kann so Muster erkennen, die wir Menschen nicht erkennen können. Wenn ich einer Frau zum Beispiel ein blaues Bild zeige, dann reagiert sie vielleicht anders als ein Mann. Wenn man dies vorantreibt, dann kommen wir irgendwann an einen Punkt, an dem unsere künstliche Intelligenz bessere Entscheidungen treffen kann als der Mensch – wenn es darum geht, andere glücklich zu machen. Mit dem heutigen Tempo rechnen wir damit, dass wir dies in den nächsten vier bis fünf Jahren erreichen werden. 

Sie verdienen mit der Software bereits Geld, aber wie gut läuft das Geschäft?
Ja. Wir sind mittlerweile ein Team von 40 Leuten. Wir haben uns bisher selbst finanziert und haben erst im vergangenen Monat die erste Finanzierungsrunde von 4,8 Millionen Franken abgeschlossen. Bis dahin haben wir unser Geld aber selbst verdient. Das ist eine unserer Stärken, auch ohne Finanzierung von Anfang an loszulegen und zu sagen: Hey, wenn ich ein gutes Produkt habe, dann kann ich es auch einem Kunden verkaufen, bevor das Produkt entwickelt wurde.

Sind Sie also auf eine Goldgrube gestossen?
Goldgrube würde ich es nicht nennen. Es ist nicht einfach, Firmen davon zu überzeugen. Daran arbeiten wir aber und zeigen dabei, dass es funktioniert. 

Wie drückt sich das bei den Gewinn- und Umsatzzahlen aus?
Mit unserer Finanzierungsrunde von 4,8 Millionen Franken können wir die nächsten zwei Jahr die Internationalisierung angehen. Bis dahin hatten wir knapp fünf Millionen an Umsatz schon erwirtschaftet. Wir sind in einem Markt tätig, der global Potenzial hat, und wir sprechen hier von einem zweistelligen Milliardenbetrag vom Marktpotenzial her.

Auch ohne grosse Investoren zu Anfang ist das Start-up schnell gewachsen: In zwei Jahren von zwei auf 40 Mitarbeiter.
Wir werden auch weiterhin wachsen, weil wir ein Produkt entwickelt haben, das vom Markt wirklich verstanden wird. Wir haben vor allem auch das Team, das genau weiss, wie man das Produkt vermarkten muss.

Besteht die Gefahr, dass grössere Softwarefirmen Ihnen den Rang ablaufen?
Natürlich besteht die Chance. Diese ist aber mittlerweile klein geworden. Wir haben das Problem komplett anders definiert als potenzielle Konkurrenten und dementsprechend eine komplett andere Lösung erarbeitet. Nun stellt sich heraus, dass unsere Lösung in der realen Welt besser funktioniert. Wenn uns eine Firma kopieren will, dann muss sie erst einmal alle Erkenntnisse sammeln, die wir über Jahre hinweg nun gewonnen haben. Wir haben einen Entwicklungsvorsprung – auch im Hinblick auf unsere Kunden, weil wir den Markt verstehen. Das Konzept lässt sich daher nicht so einfach kopieren.

Vertreiben Sie Ihre Software über Lizenzen?
Ja. Damit wir den Mehrwert auf den Markt bringen können, brauchen wir drei Komponenten: Software, Hardware und Content. Während wir nur die Software liefern, übernehmen Partner den Rest. Wir schulen Hardware-Unternehmen, damit sie mit unserer Technologie umgehen können.

Sehen Sie auch Gefahren des Missbrauchs – gerade im Hinblick auf die Daten?
Vor etwa zwei Jahren haben wir von Datenschutzanwälten abklären lassen, was wir machen müssen, damit unser System datenschutzrechtlich nicht problematisch ist. Die Antwort ist einfach: Wir dürfen keine Personen identifizieren. Wir haben überhaupt keine personalisierten Daten und setzen zudem auf das sogenannte Edge Computing. Die Berechnungen finden nicht in der Cloud statt, sondern lokal. Der Computer speichert keine Bilder, sondern analysiert nur die Umgebung. Die Informationen, die in der Cloud gespeichert werden, sind nur Learnings, diese werden anonymisiert. Das System lernt anhand der Reaktionen von den Menschen. Durch die Daten, die wir generieren, können wir nicht rückschliessen, wer die Person ist oder wie sie heisst. All diese Informationen brauchen wir auch nicht. Wir sehen uns als Gegenpol zur Online-Welt, die jede einzelne Person auf der Welt identifiziert und nichts wirklich anonymisiert. Google weiss, wie wir heissen und wo wir wohnen.

Es gibt aber bestimmt einige Situationen, in denen viele nicht wollen, dass man weiss, wie sie sich fühlen.
Sicher, es gibt die moralische Grenze, die müssen auch von uns eingehalten werden. Wenn wir das nicht täten, dann würden wir uns ins eigene Fleisch schneiden. Wir haben bei uns in der Firma das Credo, dass wir die Wünsche unserer Kunden genau anschauen und dann gewisse Sachen nicht machen. Wir haben auch noch nie Beschwerden bekommen. Sowohl im öffentlichen wie im privaten Raum informieren wir immer, dass es zum Beispiel einen digitalen Spiegel gibt. Das Feedback ist immer positiv, da die Menschen den Mehrwert für sich sofort sehen. Wichtig ist, dass Menschen informiert werden, dass gewisse Technologien genutzt werden.

Bei der Advertima sind die Hierarchien sehr flach. Alle erhalten denselben Lohn, auch die Geschäftsführer. Welche Philosophie steckt dahinter?
Die Welt ist sehr dynamisch geworden. Wenn man als Start-up schnell sein will und dynamischer als die Konkurrenz, dann müssen Entscheidungen schnell getroffen werden – und das kann man nicht mit alten Hierarchien. Firmen mit zehn oder noch mehr Stufen nach oben sind nicht mehr zeitgerecht. Bei uns geht es nicht darum, dass wir flache Hierarchien haben, sondern gar keine. Jeder Mitarbeiter, der Verantwortlichkeiten übernimmt, muss Entscheidungen selber treffen können. Eine moderne Organisation muss meiner Meinung nach Hierarchien loswerden. Dementsprechend muss man Spezialisten einstellen. 

Von zwei Mitarbeitern auf 40 in zwei Jahren. Wie viel Mitarbeiter werden Sie 2019 haben?
Wenn alles nach Plan läuft, werden wir diese Zahl verdoppelt haben. Alles andere wäre zu schnell. Es gibt Start-ups im Silicon Valley, in Asien oder auch ganz in der Nähe, in London und Berlin, die viel zu schnell wachsen. Ich bin der festen Überzeugung, dass dies riskant ist. Wir dürfen eine gewisse Wachstumsrate nicht überschreiten und zwar wegen der Organisationsstruktur. Wenn man versucht, eine Firma innerhalb von einem Jahr auf 200 oder 300 Leute zu bringen, dann verliert man die Strukturen und Prozesse, die für eine Organisation notwendig sind. Mitarbeiter brauchen Zeit, um diese zu verstehen und zu verinnerlichen. Gewisse Dinge brauchen nun mal Zeit und können nicht durch das Lesen von zwei bis drei internen Dokumenten verstanden werden. Also auch wenn wir ein Investmentangebot über 25 Millionen für schnelleres Wachstum bekämen, würden wir es zum jetzigen Zeitpunkt abschlagen. Wenn wir zu schnell wachsen, werden wir die Firma an die Wand fahren. Es gibt verschiedenste Beispiel dafür.

01. Aug 2017 / 09:29
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