• Monika Kind
    Monika Kind im Interview, Time out Schule, Gamprin  (Elma Korac)

«Eltern haben manchmal unbequeme Rollen»

Die Lehrstellensuche fällt in eine Lebensphase, in der sich viele Jugendliche noch wenig Gedanken um Schule, Beruf oder Zukunft machen oder machen wollen. Andere Themen haben oft Vorrang. Gerade deshalb wollen viele Eltern ihre Kinder bei der Berufswahl begleiten. Wie soll diese Unterstützung aussehen bzw. wie weit soll sie reichen? Über die Rolle bzw. die Rollen der Eltern bei der Berufswahl ihrer Kinder hat sich das Berufswahl-Magazin mit der Kinder- und Jugendpsychologin Monika Kind aus Gamprin unterhalten.
Gamprin. 

Frau Kind, Lehrstellensuche und Pubertät fallen zeitlich zusammen. Warum ist das für Jugendliche oft eine besonders schwierige Situation?
Monika Kind: Jugendliche machen in der Pubertät eine intensive Zeit durch. Ihr Körper verändert sich, ihre Persönlichkeit entwickelt sich. Oft wissen sie noch nicht genau, wo ihre tatsächlichen Interessen liegen. Sie sind neugierig, streben nach Unabhängigkeit, die sie sich manchmal erarbeiten müssen. In dieser turbulenten Lebensphase fällt eine Entscheidung für eine mehrjährige Lehre oft nicht leicht. Zudem erfordert die Suche nach einer geeigneten Lehrstelle viel Energie und Engagement.

Sie nennen Unabhängigkeit als Ziel der Jugendlichen. Da wäre es doch naheliegend, unabhängig von den Eltern die eigene Wahl zu treffen?
Natürlich geht es nicht darum, den Jugendlichen die Lehrstelle auf dem silbernen Tablett zu servieren. Sie sollen und wollen ja meist ihre eigene Entscheidung treffen. Aber selbst Erwachsene lassen sich bei der Berufswahl bzw. einer beruflichen Veränderung beraten und sind froh um Hinweise. Da benötigen Jugendliche doch erst recht Unterstützung! Selbstverständlich läuft bereits in der Schule viel in Bezug auf die Berufswahl. Dort erhalten die jungen Leute von ihren Lehrpersonen konkrete Hilfe bei Bewerbungen und allen relevanten Themen. Die Eltern jedoch sind auf einer persönlichen Ebene gefordert.

Was sollen Eltern konkret für ihr Kind tun?
Die Eltern sind die nächsten und wichtigsten Gesprächspartner der Jugendlichen. Sie sollten sich ausreichend Zeit nehmen, die Berufswahlfrage mit ihrem Kind zu besprechen. Eltern sollen von ihrer beruflichen Tätigkeit erzählen, mit ihrem Kind Berufswahlbücher studieren, Tage der offenen Tür besuchen. Eltern haben verschiedene Rollen. Manchmal sind sie Motivator, manchmal Tröster, dann Begleiter oder auch Antreiber. Mit Zuwarten bekommt niemand eine Lehrstelle, aber Panik ist auch keine gute Strategie. Konkret: Der Stichtag für die diesjährige Lehrstellenverteilung war der 1. September. Zu diesem Datum wurden alle Lehrstellen im Land im Internet veröffentlicht. Bereits am 1. November werden diese Lehrstellen jedoch grösstenteils schon vergeben sein. Das heisst, die Jugendlichen müssen jetzt innerhalb von weniger als zwei Monaten zahlreiche Bewerbungen schreiben, Telefonate und Interviews führen und auch Absagen in Kauf nehmen. Bei Absagen ist es wichtig, dass Eltern für ihre Kinder da sind, sie trösten und zum Weitermachen motivieren. Absagen gehören zur Lehrstellensuche, die Konkurrenz ist gross. Bei mehreren Absagen sollen durchaus mögliche äussere Ursachen (z. B. wenig verfügbare Lehrstellen für bestimmte Berufe) oder persönliche Gründe (Schulnoten, Verbesserung bei der Bewerbung) mit den Jugendlichen zusammen analysiert werden.

Und was wären weitere Rollen der Eltern?
Eltern sind auch Organisatoren oder eine Art «Personal Trainer». Die Eltern sollen die Struktur vorgeben und ihren Kindern bei der Organisation helfen. Wie weit die Hilfe geht, hängt natürlich auch von der Selbstständigkeit des Kindes oder der Qualität der Beziehung zwischen Eltern und Kindern ab. Ein Beispiel: Ich bin in der Time-out-Schule in Gamprin tätig. Das ist eine besondere Schule, in der  Jugendliche eine Auszeit vom schulischen Alltag erleben. Jugendliche, die die Time-out- Schule besuchen, haben beispielsweise Schwierigkeiten, sich an Regeln zu halten, pünktlich zu sein, regelmässig Hausaufgaben zu erledigen, anständig zu Erwachsenen zu sein. Häufig betrifft die Krise, die zu einem Aufenthalt in dieser Schule führt, auch das familiäre Umfeld. Deshalb werden die Eltern in die Arbeit mit den Kindern stark einbezogen. Bei der Lehrstellensuche ist die Erziehungsverantwortung der Eltern wichtig (z. B. Hilfe in organisatorischen Belangen, Ansprechperson für Anliegen der Jugendlichen etc.). Eltern können gemeinsam mit ihren Kindern einen Zeit- und Ablaufplan erstellen. Dort legen sie gemeinsam fest, wann sie Schnupperstellen organisieren, ihre Unterlagen zusammenstellen, Informationsveranstaltungen besuchen, wann sie sich bewerben und wann sie sich vielleicht auch telefonisch bei der angeschriebenen Firma nochmals erkundigen. So werden die Jugendlichen begleitet und lernen, Verantwortung für ihre eigene Zukunft zu übernehmen. Für Eltern ist es gut zu wissen, dass auch für sie Berufsberatungsstellen, Lehrpersonen und Internetportale eine Unterstützung im Berufswahlprozess sind (Internetadressen s. unten rechts).

Was, wenn die Gespräche über die Berufswahl regelmässig in Konflikten münden?
In der Pubertät treten zentrale psychologische Themen und Fragen der persönlichen Identität in den Vordergrund. Dieser Entwicklungsabschnitt führt u. a. dazu, dass Normen und Werte infrage gestellt werden. Der Ablöseprozess auf dem Weg zum selbstständigen Erwachsensein ist geprägt von neuen Sichtweisen der Kinder, von Verhaltensveränderungen und auch von Widerständen. Die elterliche Präsenz, gemeinsame Gespräche und die auch dazugehörenden Auseinandersetzungen sind aus psychologischer Sicht wichtig, wenn auch oft sehr anstrengend. Manchmal sind Jugendliche beim Thema Berufswahl einem Elternteil gegenüber offener als dem anderen, manchmal können auch weitere Personen aus der Verwandtschaft oder Bekanntschaft beigezogen werden. Gerade bei grösseren Konflikten mit dem eigenen Kind lohnt es sich, einen Paten, eine Tante, einen Bekannten oder vielleicht auch ältere Geschwister einzubeziehen. Diese können die Jugendlichen ebenfalls unterstützen, sind idealerweise auch in einem Berufsfeld tätig, für das sich der Jugendliche/die Jugendliche interessiert.

Was, wenn die Eltern den Berufswunsch ihres Kindes ungeeignet finden?
Eltern sollen auch «unpassende» Berufswünsche ernst nehmen. Wichtig ist dabei die Frage, was dem Kind an diesem Beruf gefällt. Dem Kind soll geholfen werden, die mit dem Wunschberuf verbundenen Erwartungen zu erkennen. Vielfältige Informationen, schnuppern an mehreren Stellen – gerade auch für dieselbe Berufsrichtung (also beispielsweise in mehreren Friseursalons)– sind wichtig. (osa)

11. Sep 2014 / 08:52
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