• Der bevorstehende Generationenwechsel in vielen Arztpraxen könnte die Digitalisierung derselben vorantreiben. (Symbolbild)
    Der bevorstehende Generationenwechsel in vielen Arztpraxen könnte die Digitalisierung derselben vorantreiben. (Symbolbild)  (KEYSTONE/ANTHONY ANEX)

Strukturen bremsen Ärzte bei Digitalisierung

Eine neue Studie verweist auf ein Paradoxon bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen: Ärzte stehen dieser grundsätzlich positiv gegenüber, nutzen die Möglichkeiten wegen alter Strukturen und der bestehenden Tarifierung jedoch kaum - trotz grossem Sparpotential.
Bern. 

Fast sechs von zehn Ärzten (58 Prozent) sind digitalen Gesundheitsangeboten wie Online-Terminvereinbarung, Fitnessapps oder neuen Informationsmöglichkeiten für Patienten gegenüber generell positiv oder sehr positiv eingestellt. 38 Prozent sind skeptisch oder gar sehr skeptisch. Dies zeigt eine am Donnerstag veröffentlichte Studie der Beratungsgesellschaft KPMG und der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH).

Die Digitalisierung in der Gesundheitsbranche hätte aber gemäss einer anderen Studie, welche die KPMG vor rund einem Jahr publizierte, grosses Sparpotential. Demnach könnten jährlich rund 300 Millionen Franken gespart werden, wenn der Patientenpfad von der Terminvereinbarung, über die Überweisung an ein Spital bis hin zur Instruktion der Spitex für die Nachbetreuung alles digital erfolgen würde.

Trotzdem nutzen Ärztinnen und Ärzte diese Angebote und Produkte gemäss der Studie kaum: Nur ein Drittel integriert solche gelegentlich oder oft in den Alltag, in der Regel im Bereich der Administration oder bei der Kommunikation mit dem Patienten. Zudem empfiehlt ebenfalls nur ein Drittel seinen Patienten, beispielsweise Apps zur Ess-Dokumentation oder zur Rauchentwöhnung zu nutzen. Patienten würden zudem selten selber nachfragen.

Mit Internetwissen zum Hausarzt

Gründe für diese Zurückhaltung gibt es mehrere. Einer davon ist die Tarifierung. Marc-André Giger, Mitautor der Studie, erklärte es im Gespräch mit Keystone-SDA folgendermassen: "Patienten kommen in die Praxis und haben sich vorab im Internet über ihre Symptome und möglichen Krankheiten informiert". Sie würden erwarten, dass ihnen der Hausarzt das angesammelte Wissen erklärt und einzuordnen hilft.

"Gespräche der Ärzte mit den Patienten gewinnen künftig an Bedeutung", hält Giger fest. Das Problem sei jedoch, dass diese Gespräche so wie andere neue, digitale Möglichkeiten im aktuellen Tarifsystem keine Entgeltung fänden. "Jetzt besteht die Möglichkeit, die Tarifierung den Realitäten und dem Alltag anzupassen und der Ärzteschaft entgegenzukommen", hält Giger in Anspielung auf die Diskussionen über das Tarifsystem Tarmed fest.

Yvonne Gilli, Ärztin und im Zentralvorstand des Ärzteverbands FMH mit den Themen Digitalisierung und eHealth betraut, weist im Gespräch auf eine weitere Hürde hin. "Derzeit führen digitale Anwendungen nicht selten zu einer höheren Administrativlast, weil gleiche Patientendaten immer wieder neu eingegeben werden müssen", erklärt sie. Diese Rahmenbedingungen müssten sich noch verbessern.

Grosse Transformation steht kurz bevor

Der bei der Digitalisierung wichtige Faktor des Alters schlägt sich auch im Gesundheitsbereich nieder. In der Studie zeigte über die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte über 55 Jahren eine negative Haltung, während diese bei den unter 40-Jährigen bei 74 Prozent positiv ist.

Im Gesundheitswesen kann dies einen grossen Einfluss haben, denn gemäss Gilli werden in den nächsten zehn Jahren drei Viertel der ambulanten Ärzte pensioniert. Es zeige sich, dass mit dem Generationenwechsel die Praxen digitalisiert würden und der notwendige Strukturwandel von selbst stattfinde.

Ärztinnen und Ärzte sorgen sich gemäss der Studie auch um die Sicherheit der Patienten. Sie befürchten, dass Patienten die Informationen falsch interpretieren oder sich gar zu einer gesundheitsschädlichen Selbstbehandlung animiert fühlen könnten. Auch der Datenschutz löst Bedenken aus.

An der Befragung nahmen 4570 Ärztinnen und Ärzte teil. Sie sind Mitglied der FMH. Ein Grossteil ist aus dem Bereich der Allgemeinen Inneren Medizin und einige arbeiten in der Psychiatrie und Pädiatrie. Rund zwei Drittel dieser Ärzte sind im ambulanten Bereich tätig, der andere Drittel im stationären Bereich. (sda)

06. Sep 2018 / 09:00
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