• Josef Beck in Triesenberg
    Josef Beck steht mit seinem Holzgehstock, den er von seiner Mutter geerbt hat, vor seiner Haustüre in Triesenberg (oben).  (Daniel Schwendener)

Triesenberg als treuste Weggefährtin

Josef Beck, «dr Hag-Olga-Buab», ist der älteste Triesenberger, fast 97 Jahre ist er alt. Genauso lang lebt er auch schon in der Hagstrasse 2, ehemals im Hag 21 in der Gemeinde. Im Tal wohnen wollte er nie, denn sein Dialekt ist ihm heilig.
Triesenberg. 

Die Haustüre in der Hagstrasse 2 – früher im Hag 21  –, nicht weit von der Triesenberger Kirche entfernt, ist sperrangelweit geöffnet. Es ist ein heisser Sommertag. Der älteste Bewohner der Gemeinde steht auf dem Absatz der Türe. Seine stahlblauen Augen mustern die Besucher vom Tal. Josef Beck, «dr Hag-Olga-Buab», grüsst, dreht sich auf dem Absatz um und läuft in Richtung Küche. Die Haustüre bleibt offen. Gleich nach der Türe hängt eine alte Luftaufnahme von Triesenberg an der Wand, er bleibt stehen: «Dafür habe ich 
100 Franken bezahlt, das war damals sehr viel Geld, heute hat es nicht mehr so viel wert.» Er läuft weiter. Kurz vor der Küche führt eine Treppe zur Dusche hinauf, an der Wand hängen schwarz-weisse Porträts. «Meine sieben Kinder», erklärt er stolz, zeigt mit dem Finger auf das jeweilige Bild und nennt den Namen des Kindes. In der Küche angelangt, setzt er sich auf den Holzstuhl am Kopf des Tisches. Alles ist aufgeräumt und sauber. «Mein Schwiegersohn Bruno kocht mittags für mich. Meine Kinder, Schwiegerkinder und Enkelkinder besuchen mich abwechselnd und kochen dann am Wochenende für mich. Auch die Familienhilfe kommt vorbei», erklärt er. Er atmet tief ein und aus und hustet. Heute sei er beim Doktor gewesen, eine Sommergrippe sei es keine, aber halt eine Erkältung. «Je älter ich werde, umso ‹minder› wird es, aber das kann man nicht aufhalten, so ist das Leben», sagt er. 

Beck besass nie ein eigenes Auto
Sein ganzes Leben lang wohnt «dr Hag-Olga-Buab» in diesem Haus; seit er am 9. November 1921 auf die Welt kam, bis heute, 96-jährig. Ob er auch im Tal hätte wohnen wollen? «Nein, nein, nein», sagt er. «Ich wollte meinen Dialekt behalten.» Und das hat er. Josef Beck redet nicht lange um den heissen Brei. Er erzählt vom Triesenberg von früher. Als er 1921 im Haus im Hag, heute in der Hagstrasse geboren wurde, vernetzten die Liechtensteinischen Kraftwerke (LKW) gerade das Bergdorf. «Früher konnte nur die Kirche beleuchtet werden», sagt Beck. Nur wenige Monate später – es war im Februar des Jahres 1922 – starb sein Vater. Ein Schicksalsschlag. Seine Mama musste ihn und seine ältere Schwester alleine grossziehen. Um die Familie über Wasser zu halten, hat sie für fremde Leute genäht. Damit seien sie mit «Ach und Krach» durchgekommen. Seine Mutter war ihm Zeit seines Lebens eine Stütze. Sie findet sich nicht nur in seinem Hausnamen wieder – «dr Hag-Olga-Buab»: «Hag» die Abkürzung für den Strassennamen, in der er wohnte, und «Olga» für seine Mama –, sondern unterstützte ihn in allen Lebenslagen. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1967 half sie Josef Beck und seiner Frau tatkräftig bei der Erziehung der Kinder.
Beck erinnert sich an jedes Datum , jede Hausnummer. Gut ist ihm noch im Gedächntis geblieben wie die Kirche, die 1797 gebaut wurde – er wusste es, ohne lange zu überlegen – im Jahr 1938 abgerissen wurde. «Mit der Hilfe von Rössern schleppten sie die grauen Steine von Masescha und die roten von Rotenboden für die neue Kirche an», erzählt er. Die Steine wurden dann mit Beton befestigt und so die Mauern hochgezogen. Während die Kirche sich im Bau befand, erlaubte sich der damals 17-jährige Beck einen Spass und kletterte mit Kollegen bis zum Holzgerüst des Daches hinauf. Seine Mundwinkel ziehen sich nach oben. «Oben angelangt, hat jemand von uns ein Foto gemacht und wir haben noch ein bisschen geturnt.» Der Glaube hat für den alten Herrn bis heute einen festen Bestandteil im Leben. Ab und an besucht ihn der Pfarrer zu Hause. Dann sprechen sie über dieses und jenes.  
In die Schule ging er – wie jedes Kind – nicht gerne. «Ich war kein guter Schüler, bin halt durchgekommen.» So erzählt er nicht viel darüber. Eine Begegnung, die ihm beim Wort Schule in den Sinn kommt, spielte sich auf dem Nachhauseweg ab: «Auf dem Platz vor der alten Schule (heute befindet sich dort das Altersheim) stand das erste Auto, das ich in Triesenberg gesehen habe. Ich glaube, es war von Doktor Batliner.» Welche Automarke es war, kann Beck nicht sagen. «Autos waren und sind mir fremd», erklärt er. Denn selbst besass er  nie eines, er hätte auch nie eines gebraucht. Alle Wege legte er entweder zu Fuss oder mit dem Postauto zurück. Aber auch das Busfahren verkniff sich der heute 
96-Jährige oft, es kostete ja etwas. 

Kaufte sich ein Kalb und wurde Landwirt
Mit 16 Jahren war er fertig mit der Schule. Beck kaufte sich ein Kalb und wurde Landwirt. Eine Lehre brauchte es damals nicht. Einen eigenen Hof besass der Triesenberger auch nicht. Trotzdem funktionierte es mehr oder weniger. Mit der Zeit hatte er drei Kühe. Die konnte er im Stall beim Erlenhof unterstellen, zudem pachtete er einen Boden in Triesenberg. Landwirt zu sein, war aber alles andere als einfach. Seine Mutter, Schwester und Tanten mussten ihm oft helfen, beispielsweise beim Heuen. «Ich habe einmal ein Gut in Guflina gepachtet. Lange Zeit konnte ich wegen des Wetters nicht heuen, als das Gras endlich geschnitten werden konnte, gab es schliesslich so viel Heu, dass mir zwei Tanten helfen mussten.» Sie haben die «Burdali» gefasst und mir auf den Rücken gebunden. «Burdali» ist ein Haufen Heu, der mit einem Seil zusammengebunden und auf den Schultern zum nächsten Stall getragen wurde. Trugen sie die Landwirte fort, waren nur noch die Beine sichtbar. Sie wogen rund 40 bis 50 Kilogramm. An jenem Tag hat Beck 30 «Burdali» getragen, normalerweise waren es zehn. 
Er schaut auf das Bild über der Eckbank. Es ist eingerahmt in einen silbrigen Rahmen. Ein Porträt seiner Frau. Ihre weissen Haare sind zu einem «Trodel» – ein Dutt aus zwei Zöpfen – zusammengesteckt. «Am 12. Oktober 1950 haben wir geheiratet», erzählt er. Richtig kennengelernt hätten sich die beiden auf der «Stubati». Heutzutage würde man das Date nennen. Er besuchte sie oft in ihrem Elternhaus in Triesenberg, sass mit ihr in die Stube und sie unterhielten sich. Zusammenleben durften sie damals erst nach der Heirat. «Ansonsten wäre die Polizei gekommen, die Kirche hatte die Macht und die verbot es uns.» Dass sie sich kennengelernt hätten, sei ein Zufall gewesen, dahinter hätte aber seiner Ansicht nach eine höhere Macht gesteckt. Sie war die Liebe seines Lebens. «Ich glaube, wir haben einfach zusammengehört.» 56 Jahre verbrachten sie zusammen, bis sie 2006 im Vaduzer Landesspital verstarb. «Im Zimmer 201 ist sie gestorben, die ganze Familie war  dort», sagt er und schaut zum Bild hinüber: «Es hat sich viel verändert, seit sie nicht mehr da ist, sie fehlt mir. Aber das kann man sich nicht aussuchen, irgendwann muss jeder gehen.» «Und mitnehmen kann man zum Glück auch nichts, sonst würde ja kein Haus mehr stehen», schmunzelt er. 
Nach der Heirat sind die sieben Kinder gekommen. Das erste im Jahr 1951. Ob er immer sieben haben wollte? «Es ist einfach so gekommen, früher konnte man das nicht planen, heutzutage mit der Pille für die Frauen ist das anders», sagt Beck. Die Kinder seien ihm aber stets eine Freude gewesen. Leider verstarb eines seiner Kinder schon, bevor er gehen konnte. «Mein Kind ‹Rosi› ist schon mit 48 Jahren gestorben», sagt er. Auch an ihre Zimmernummer im Krankenhaus in Vaduz kann er sich erinnern. 

Als Landwirt zu wenig Geld verdient
In die Ferien ging die Familie nicht. Erst später habe seine Frau das mit den Wochenendreisen «angereist». Mit Marxer-Touren sind sie dann unter anderem einmal ins Burgenland gefahren. «Das hat schon gepasst, ich bin halt meiner Frau zuliebe mitgekommen», sagt er.   
In den 1970er-Jahren hörte  Beck mit der Landwirtschaft auf. «Der Beruf hat auch finanziell zu wenig gebracht.» Danach arbeitete er für das Land Liechtenstein. Dort war er für die Strassenarbeit zuständig. Im Sommer richtete er die Kiesstrassen in Valorsch, in Waldboden und in der Valüna. Und im Winter sass er als Beifahrer auf dem Pflug oder räumte die Strassen. Dieser Beruf habe ihm gefallen: «Man musste arbeiten, aber wurde nicht getrieben.» Als Strassenarbeiter war er bis zu seiner Pensionierung tätig. 
Neben der Arbeit gab es für Beck die Harmoniemusik. In der Triesenberger Musik spielte er das Tenorhorn – ganze 58 Jahre lang. Das sei eine lange Zeit gewesen, «man ist halt dort geblieben», meint er. Auch weil der Übungsraum nicht weit von seinem Zuhause entfernt war. Eine Arbeit, die der 96-Jährige als «schön» bezeichnet, war das Holzen. «Ich bin in den Wald gelaufen und habe Holz gesammelt. Das hab ich für mich gebraucht oder für die Bauern Pfähle daraus hergestellt.» Die Pfähle hat er verkauft. Aber das sei «nebenher gegangen». 

Sein Lieblingsbuch ist die Familienchronik
Josef Beck blickt zum Fotografen, schaut ihn an und fragt: «Du gehörst doch ‹Hega Schnider›?» Eine Diskussion startet. 15 Minuten lang. Von wo die Leute kommen interessiert den ältesten Triesenberger. Sein Lieblingsbuch ist die Triesenberger Familienchronologie. Ein Verzeichnis der Familienstammbäume seit dem 
17. Jahrhundert. Jetzt, da er alleine zu Hause wohnt, holt er die Chronik öfters hervor. Seine Hauptbeschäftigung ist aber das Studieren. Er sitze in der Stube oder auf dem Bänkchen vor der Haustüre und grüble über etwas. Ab und zu schaltet er im Fernseher den Gemeindekanal Triesenberg ein und sieht fern. Um viertel nach neun geht er ins Bett. 
Ob er 100 Jahre alt werden möchte? «Ja, wenn man’s wird, wird man’s, aber es sind noch drei Jahre und in einem Jahr kann sich viel verändern», sagt er und erzählt noch einmal von dem Jahr, als die Elektrizität im Triesenberg installiert wurde. (qus)

 

24. Aug 2018 / 11:18
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