• Herbert Hilbe

Sagenhaftes – Erzähltes – Geschriebenes

«Die ersten Siedlungsspuren finden sich beim Meierhof. Die den alten Dorfkern im Oberdorf dominierende Kapelle Sankt Mamertus ist zirka tausend Jahre alt. Zur Kapelle Santamerta gibt es ihrem Alter entsprechend viele Sagen», so der Sagenerzähler Herbert Hilbe.
Triesen. 

Seit 2001 ist Triesen mein Wohnort. Im nächsten Jahr ziehe ich in eine andere Gemeinde, also werden dann 18 Jahre Triesen hinter mir liegen. Manches könnte ich über Triesen und seine Einwohner erzählen. Positives, aber auch einiges an Negativem. Seit 17 Jahren sagt man mir, dass der «Rosibuab» der beste zugezogene Triesenberger war, er sei nach drei Monaten wieder an den Berg zurückgezogen. Ob das nun immer ernst gemeint ist? Oder einfach spasseshalber dahingesagt? Beim Triesner weiss man das nie genau.

Nebenbei: Der Gebrauch der männlichen Form wird bewusst verwendet. Ich kenne in Triesen fast nur Männer. Die wenigen Frauen, die ich kenne, haben mit dem Eindruck, den ich von meiner derzeitigen Wohngemeinde habe, nichts zu tun. Auch meine Bemühungen in der Sturm-und-Drang-Periode brachten trotz zahlreicher Besuche in der Fasnachtszeit nie eine Triesnerin in meine Nähe.

Triesen und Triesenberg. Wenn man allen heute noch bekannten und kolportierten Geschichten glauben darf, benötigte eine Beschreibung der Beziehung dieser beiden Gemeinden ein grosses Kapitel im Buch «Krieg und Frieden». Missgunst und Schlägereien schienen an der Tagesordnung zu sein. Eine Behauptung nach der anderen hat sich in den Sturköpfen der beiden Gemeinden festgesetzt. Dass der Grossteil der Behauptungen postfaktische Lügen sind und bleiben, sei am Rand erwähnt. So behaupten die Triesner heute noch, dass sie die Alp Alpelti zwar verkauft, aber nie das Kaufgeld erhalten hätten. Die Triesenberger wiederum werfen den Triesnern vor, dass deren Richter (heute: Vorsteher) unterhalb des Wanger-bärgs die Marksteine zugunsten der Triesner versetzt habe, und dass er nach seinem Tod noch lange mit einer Laterne in der Hand der Grenze entlang gegangen sei.

Weitere Gründe, vor allem zu wilden Schlägereien, waren Testosteron und Missgunst. Man gönnte einem anderen keine Frau aus der eigenen Gemeinde. Das Bockgeld war hoch, und oftmals musste ein Triesenberger mit mehr als nur einem blauen Auge wieder heimwärts gehen, wenn er zu einer schönen Triesnerin zur Stubati wollte. Aber auch einem Triesner, der in Triesenberg Stubati halten wollte, erging es nicht anders.

Die Trunksucht war in Triesen und in Triesenberg nicht unbekannt. Dennoch hielt man in Triesenberg die Triesner für Süffel – und selbstverständlich umgekehrt. Da habe ich als Triesenberger immer nur eine Antwort: Das sieht man am Lauf des Rheins, wie ihr Tag und Nacht am Wuhren wart.

Es gibt aber in jüngerer Zeit etwas, was die beiden Gemeinden stark verbindet: Fussball. Da hielten sie immer zusammen. Wie Pech und Schwefel. Mancher Triesner spielte in Triesenberg Fussball, nicht nur der damalige Triesner Vorsteher. (Ob es wirklich der Fussball war, oder aber die Samina, weiss bis heute noch niemand.)

Eine der sagenreichsten Gemeinden im Land
Pech und Schwefel wurde eben genannt. Damit sind wir bei den Sagen. Auf die bekannte Sage vom Untergang von Triesen gehe ich nicht näher ein. Sie ist bekannt und beruht wahrscheinlich auf einem wirklichen Bergsturz. Dafür gibt es Indizien. Triesen gehört, zusammen mit Balzers, Triesenberg und Schaan, zu den sagenreichsten Gemeinden Liechtensteins.

Die erste hier erwähnte, weniger bekannte Sage zeigt, wie missgünstig die Triesner waren. «Die Pest forderte in Triesen sehr viele Opfer, Triesenberg dagegen blieb von ihr verschont. Einige Triesner wünschten sich darum, dass Triesenberg auch von der Seuche heimgesucht würde. Sie fingen einen in Triesenberg entlaufenen Hund ein, zogen ihm das Hemd eines gerade verstorbenen Pesttoten an und trieben ihn hinauf in Richtung Triesenberg. Der Hund rannte bergwärts, doch bereits beim Hennawibliboda fiel er tot um. Der Versuch war den Triesnern misslungen.»

*****
Gemeinsam ist den beiden Gemeinden das Lawenatobel, kurz einfach «das Tobel» genannt, und die Sagen dazu. Entstanden sind diese Sagen in der Zeit der Hexenverfolgungen im 16. Jahrhundert. Ins Tobel mussten – der Sage nach – nach ihrem Tod solche Menschen, die jemanden der Hexerei bezichtigt hatten. Zu Beginn wurden sie ins Badtobel verbannt, doch den Triesnern war dieses zu nah am Dorf. Sie forderten einen Geistlichen auf, die sogenannten Tobelhocker weiter weg zu verbannen, und seitdem sind sie im Lawenatobel. Den Tag verbrachten die Tobelhocker mit Kartenspielen. Nur in der Walpurgisnacht feierten sie ausgelassen und der Lärm ist bis in die Alp Lawena zu hören. Den Jungfrauen im Tobel war es erlaubt, an Fronleichnam im Welda Bongert zu tanzen. Der Fluch, der auf diesen Denunzianten lag, soll nach der 9. Generation aufgelöst worden sein, behauptet man. In der Gemeinde Triesen wird teilweise heute noch daran geglaubt, noch vor wenigen Jahrzehnten war dieser Glaube noch fest in der Bevölkerung verwurzelt und führte nicht selten zu einer vorgerichtlichen Vermittlung oder einer blutigen Nase.

*****
Dass den Tobelhockern auch später besondere Kräfte zugetraut wurden, zeigt die Sage vom Hirten auf Guscha. «Ein junger Triesner war Hirt auf Guscha. Einer der Maienfelder Bauern hatte eine sehr schöne Tochter, und zwischen dem Hirten und dem Mädchen entstand eine innige Liebe. Der Maienfelder Bauer war gegen diese Verbindung, denn der Triesner stammte aus einer Tobelhockerfamilie und war Katholik. Er verbot den beiden Verliebten zu heiraten. Der Triesner war erbost und schwor dem Maienfelder, dass er dies noch bereuen werde, und ging zurück nach Triesen. Bei der Abfahrt von Guscha stürzte die schönste und wertvollste Kuh des Maienfelders über einen Felsen und starb.»

Die Triesner Sagen sind sehr vielfältig und gerade deshalb auch äusserst unterhaltsam. Es lohnt sich, sie zu lesen, über sie nachzudenken und sie weiterzuerzählen. Was auffällt: In Triesen finden sich keine Sagen vom Nachtvolk. (Herbert Hilbe)

Triesner Sagen: Zu lesen und zu hören (im Buchhandel und in Bibliotheken):
Liechtensteiner Sagen, 2011: van Eck Verlag, Triesen (vergriffen)
Sagenwelt Liechtenstein, 2017: van Eck Verlag, Triesen
«Wia ma bi üüs red»: Eine Tonsammlung der liechtensteinischen Ortsmundarten. Triesen, 1998. 

06. Jun 2018 / 06:00
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