• Andrea Kaiser Kreuzer, Eschen
    Andrea Kaiser-Kreuzer spricht über die Themen, die sie gerade beschäftigen.  (Tatjana Schnalzger)

«Manchmal ist es sehr einsam»

Andrea Kaiser-Kreuzer ist Vizevorsteherin der Gemeinde Schellenberg und die einzige Frau im Gemeinderat. Sie setzt sich derzeit vor allem für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein – zum Beispiel beim Mittagstisch. Die Ängste der Bürger beschäftigen sie.
Schellenberg. 

Welches Thema beschäftigt Sie derzeit als Vizevorsteherin am meisten?
Andrea Kaiser-Kreuzer: Am meisten beschäftigt mich gerade der Mittagstisch und die Kinderbetreuung im Allgemeinen. Schellenberg ist die einzige Gemeinde, die keine vollumfängliche Tagesbetreuung für Kinder anbieten kann. Auch der Mittagstisch ist in den vergangenen Jahren nur zustande gekommen, wenn sich genug Kinder angemeldet haben. Das ist aber kein Zustand für berufstätige Eltern, die eine langfristige Lösung brauchen. Der Gemeinderat hat nun den Mittagstisch bis Ende 2018 gesichert, ab 2019 sind wir wieder im Subventionstopf der Kita und somit sollte einer Weiterführung nichts im Weg stehen.

Ist das ein Thema, das Sie auch privat selbst betrifft?
Inzwischen nicht mehr, weil meine Tochter 13 und mein Sohn 21 Jahre alt sind und beide auswärts essen. Aber in der Vergangenheit hätte auch ich eine Lösung suchen müssen, wenn ich nicht die Hilfe meiner Eltern gehabt hätte. Zudem hatte mein Mann einen Teilzeitjob, und so konnten wir das gut organisieren. 

Vor welchen Herausforderungen steht die Gemeinde?
Die Mobilfunkantenne ist gerade ein grosses Thema, das uns im Gemeinderat beschäftigt. Es gab immer wieder Reklamationen, weil der Empfang in gewissen Teilen Schellenbergs sehr schlecht ist. Die Gemeinde hat sich bereiterklärt, Hand zu bieten und zusammen mit einem Mobilfunkanbieter wurde ein geeigneter Standort in Vorderschellenberg gefunden. Nun haben sich aber Gegner mobilisiert, im Gemeinderat vorgesprochen und Unterschriften eingereicht. Die Menschen im Umkreis der Antenne haben Angst vor der Strahlung und diese Gesundheitsbedenken muss man sehr ernst nehmen.

Wie wird es also nun weitergehen?
Wir machen eine Einwohnerzufriedenheitsbefragung und haben nun beschlossen, das Thema Mobilfunk ebenfalls mit einfliessen zu lassen. Die Frage ist, was wir mit dem Resultat machen und wie gross die Zahl der Befürworter sein muss, damit die Mobilfunkantenne aufgestellt wird.

Oder im Umkehrschluss: Wie klein muss die Zahl der Gegner sein?
Diese müsste für mich wirklich verschwindend klein sein. Die Bedenken wiegen einfach schwer in meinen Augen. Mit wissenschaftlichen Argumenten kommt man nicht weit, weil es diese in beiden Richtungen gibt: Es gibt Studien, wonach Strahlen relativ bedenkenlos sind und Studien, deren Ergebnisse verheerend sind. 

Bei anderen Themen, wie zum Beispiel einem neuen Spielplatz in Hinterschellenberg, gibt es wahrscheinlich keine Kontroverse. Nein. Wir haben gerade in der letzten Gemeinderatssitzung beschlossen, dass wir das Projekt und den Kredit für einen Spielplatz Hinterschellenberg genehmigen. Einen Spielplatz im Vorderschellenberg gibt es bereits und in Mittelschellenberg gibt es einen beim ehemaligen Kindergarten. Durch das Kleinfussballfeld und den Skater-Platz gibt es dann überall in der Gemeinde eine Infrastruktur für Kinder. 

Wenn es darum geht, neue Projekte umzusetzen, dann sind vor allem landesweite Projekte – wie die Kletterhalle – zuletzt nicht sehr erfolgreich gewesen. Fehlt eine gewisse Solidarität unter den Gemeinden?
Ich finde es sehr problematisch, wenn 11 Gemeinden einem Projekt zustimmen müssen – egal, welches Projekt es ist. Jeder Gemeinderat ist anders gestrickt. Ich persönlich fand es sowohl beim Jubiläumsprojekt als auch bei der Kletterhalle sehr schade, dass es ein Nein gab von gewissen Gemeinderäten. Ich finde, man müsste solche Projekte anders angehen. Zum Beispiel, dass vor allem jene Gemeinde ein Mitspracherecht hat, in welcher ein Projekt verwirklicht werden soll. Das heisst dann aber natürlich auch, dass die Finanzierung anders geregelt werden müsste.

Was zeichnet die Gemeinde Schellenberg eigentlich aus?
Das besondere an Schellenberg ist, dass es eine aussergewöhnlich schöne Wohngemeinde ist. Wir haben eine traumhafte Sportanlage, einen vielgelobten Vita-Parcour, wunderschöne Wanderwege, Burgen und Aussichtsplätze. Wir haben eine sehr gute AdL-Schule (altersdurchmischtes Lernen) mit einem überaus engagierten Schulleiter und einem super Lehrerteam. Zudem haben wir Dorfbeitzen und Speiserestaurants, ein lebendiges Vereinsleben und einen weltoffenen und überaus beliebten Pfarrer. 

Sie sind auch Schulrats­präsidentin. Derzeit sind vor allem die Blockzeiten Gesprächsthema, die in Schellenberg eingeführt wurden. 
Ja, die Schüler können am Morgen bereits ab 7.30 Uhr ins Klassenzimmer, wo die Lehrperson sie erwartet. Nun wollen wir die Blockzeiten ausbauen und auch am Nachmittag anbieten. Wir sind dahingehend bereits in Kontakt mit dem Schulamt. Die Eltern wären dadurch deutlich flexibler, wenn sie zum Bespiel am Morgen früher arbeiten müssen und auch ein Grossteil bestimmter Nachmittage wäre gedeckt. Die Idee wäre, dass Kinder auch am Nachmittag betreut werden und die Hausaufgaben in der Schule machen können. 

Haben Sie sich das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf besonders auf die Fahne geschrieben? 
Ja, das ist sicher so. Ich bin die einzige Frau im Gemeinderat und dieses Thema liegt mir besonders am Herzen. Als ich damals zu Hause gesagt habe, dass ich die Zweitweg-Matura mache, hiess es: «Wozu brauchst du einen Matura-Abschluss?» Meine Eltern haben mich dann trotzdem unterstützt, und ich bin froh, dass ich ihn gemacht habe. Heute ermöglichen wir unseren Töchtern jede Ausbildung, lassen sie studieren und Karriere machen. Sie werden gute Berufe ergreifen und viele von ihnen werden ins Berufsleben einsteigen, auch neben einer Familie. Daher ist es wichtig, gute Tagesstrukturen für Kinder anzubieten und auch für Gleichberechtigung zu kämpfen.

Sehen Sie konkret Handlungsbedarf?
Ja, auf jeden Fall. Die Situation heute hat gelinde gesagt Verbesserungspotenzial. Ein erster Schritt wäre, dass die Anzahl Frauen in der Politik einen Gleichstand mit den Männern erreicht. Wir Frauen brauchen eine starke Stimme in der Politik, um für unsere Anliegen zu kämpfen. Ich war anfangs total gegen eine Quote, weil ich immer dachte, ich möchte doch nicht in einem Gremium sitzen, nur weil ich einer Quote entspreche. Unterdessen sehe ich das anders. Meiner Meinung nach wäre eine Quote ein «Anschubser», den es zu Beginn brauchen würde und irgendwann wäre es Normalität, dass Frauen politische Ämter innehaben. Wahrscheinlich wäre es mit einer Quote auch einfacher, Frauen für die Politik zu finden. Wieso soll ich mich aufstellen lassen, wenn ich praktisch keine Chance habe, gewählt zu werden? 

Wie war dies bei Ihnen selbst – mussten Sie den ganzen Mut zusammen­nehmen?
Ich habe nicht beim ersten Mal Ja gesagt, als ich gefragt wurde, ob ich mich für den Gemeinderat aufstellen lasse. Meine Tochter war damals noch klein. Ich komme aber aus einer politisch sehr engagierten Familie: Mein Onkel war Regierungschef, es gab Vorsteher, Regierungsräte und Gemeinderäte sowie Landtagsabgeordnete. Ich bin mit der Politik aufgewachsen, auch mein Vater war immer sehr engagiert. Als ich dann vier Jahre später wieder gefragt wurde, habe ich Ja gesagt. 

Wie ist es, als einzige Frau im Gemeinderat zu sein? 
Manchmal ist es sehr einsam. Eine Frau beleuchtet Themen von einer anderen Seite und sieht Dinge von einem anderen Standpunkt aus – dadurch streite ich dann manchmal alleine. Ich führe seit 15 Jahren selbstständig ein Geschäft, wodurch ich mir sicher viel Standhaftigkeit und Durchsetzungskraft angeeignet habe, was mir natürlich hilft in dieser Position.

Sie sind selbstständig. Warum sind Sie mit Ihrer Firma Soll und Haben in Eschen und nicht in Schellenberg?  
Schellenberg ist eben eine typische Wohngemeinde. Als wir vor 15 Jahren gebaut haben, habe ich mir kurz überlegt, ob ich mein Büro daheim im Haus einplanen soll. Aber Schellenberg ist abgelegen. Bei mir spazieren Kunden mit ihren Buchhaltungen den ganzen Tag rein und wieder raus. Ich habe auch Kunden aus Vaduz und es ist nochmals ein Unterschied, ob sie nach Eschen oder Schellenberg fahren. 

Welches Projekt würden Sie als Vizevorsteherin gerne noch angehen? 
Bei der Arbeitsgruppe «Mittagstisch» sind wir eine Gruppe von fünf Müttern. Unser Wunsch wäre natürlich eine Kita ins Leben zu rufen, was aber sicher nicht einfach ist. Wir bleiben auf jeden Fall am Ball und haben vor, im Herbst eine Informationsveranstaltung zum Thema «Tagesmütter» zu veranstalten. 

Das Interview führte Dorothea Alber.

 

07. Apr 2018 / 12:00
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