• Ruggell, das Dorf, das keinen Meter über «Normal hoch» ist, war bei der Rheinüberflutung 1927 mittendrin.

Nicht nur Immigranten aus Russland und Sibirien

Asylsuchende russische Soldaten in deutschen Uniformen und die hier heimisch gewordene sibirische Schwertlilie – das ist Ruggell. Aber es gibt dort beileibe nicht nur geschichtliche und botanische Besonderheiten.
Ruggell. 

Natürlich ist es nur Zufall, dass sich in Ruggell auch das russische Honorarkonsulat befindet. Aber ein kleiner vorwiegend geschichtlicher Exkurs hat auch einige andere zu Recht als hervorhebenswert anzusehende Fakten vorzuweisen. Zunächst Ruggells Sehenswürdigkeiten: die Pfarrkirche St. Fridolin (1899), das Dorfmuseum Küefer-Martis-Huus und das Sumpfgebiet mit sehr reichhaltiger und seltener Flora und Fauna. An bekannteren Persönlichkeiten zu nenen sind Adolf Heeb, ehemaliger Radrennfahrer und Politiker, Klaus Tschütscher, Alt-Regierungschef (2009–2013) und Martin Büchel und Benjamin Büchel, beide Profi-Fussballspieler.

Ruggell ist trotz seines heute modernen Gemeindelebens immer sich selbst treu geblieben. Besucher aus anderen Gemeinden und ausländische Gäste schätzen aber auch etwas ganz anderes, das man nicht beschreiben, sondern nur erleben kann: die Natur, die zu jeder Jahreszeit durch Schönheit und Stille bezaubert und jeden, der sie zu Fuss erlebt, bereichert. Vor allem natürlich das Ruggeller Riet ist ein Magnet, es bildet zusammen mit dem Bangser Riet im angrenzenden Vorarlberg eine grossartige Torflandschaft: «Im Mai leuchten die blauen Blüten der sibirischen Schwertlilie. Im Schilf und Gehölz nisten seltene Vögel. Auch allerlei Insekten und harmlose Reptilien lieben die feuchten und unberührten Streuwiesen.» Das Ruggeller Riet ist die an Flora und Fauna reichhaltigste Naturfläche Liechtensteins, ein Flachmoor, das vor etwa 10 000 Jahren durch Verlandung von Hinterwässern des Rheins entstanden ist. Von europäischer Bedeutung ist der Kammfarn. 450 Gefässpflanzenarten, 72 Moos- und 216 Pilzarten kommen im Ruggeller Riet vor. Vom reichen Tierleben zeugen 146 Vogel- und 534 Schmetterlingsarten. Biber und Storch, die lange Zeit aus der Landschaft verschwunden waren, wurden hier wieder heimisch. Diese Idylle war wie manch andere in der Geschichte aber nicht immer ungefährdet: Am Sonntag, den 25. September 1927, bis in den folgenden Tag hinein, trat der Rhein in Liechtenstein an mehreren Stellen über die Ufer. Die Katastrophe im Rheintal traf die Menschen hart. Und Ruggell, das Dorf, das an keiner Stelle mehr als einen Meter über Normal hoch ist, war mitten drin. Die Ernte war vernichtet, die Böden mit einer Schicht von Sand und Kies bedeckt, Keller und Erdgeschosse verschlammt, die Strassen unpassierbar. Die Folgen dieses Unglücks waren vor allem im Raum Schaan-Ruggell, aber auch in Nofels bzw. Bangs wie im schweizerischen Rheintal zu spüren. In der «Heimatkunde» der Altgemeinde Altenstadt schrieb dazu Franz A. Schatzmann im August 1928 u. a.: «Mit Ausnahme zweier Häuser stand ganz Ruggell unter Wasser.» Im Bericht des Ordens der Anbeterinnen des Kostbaren Blutes in Schellenberg ist über die Tragödie vom 26. September 1927 u. a. zu lesen, dass die meisten Ruggeller Einwohner mit ihrer ganzen Habe nach Schellenberg kamen. Man liest, wie die Eisenbahnbrücke Schaan zerstört wurde, wie man um jedes Menschenleben kämpfte, wie gross die angerichteten Schäden waren und mehr. Die länderübergreifenden Gemeinsamkeiten in der Natur einerseits waren andererseits also auch Gemeinsamkeiten im Unglück. Mindestens 17 Überschwemmungen sind seit 1206 dokumentiert!

Katastrophen richten sich nicht danach, ob für deren Bekämpfung genügend Mittel vorhanden sind. Heute würde so etwas mit modernen Maschinen und technischen Möglichkeiten, aber auch finanziellen Mitteln eher weniger anhaltend und gravierend ausfallen. Heute hat man auch mehr Geld für kulturelle Zwecke, die auch zur Identitätswahrung beitragen sollen. So entstand auch 2002 aus einem leer stehenden alten Haus das Küefer-Martis-Huus als Museum und Kulturzentrum der Gemeinde Ruggell. Das Gebäude stammt aus dem 18. Jahrhundert und ist eines der seltenen Beispiele für repräsentative Barock-Bauernhäuser in unserer Region. Der Museumsteil befindet sich im renovierten und denkmalgeschützten Wohnhaus. Die Räume im Obergeschoss und Dachgeschoss sind in erster Linie für Ausstellungen zu unterschiedlichen regionalen Themen reserviert. Die Wohnstube mit Kachelofen, die alte Schlafkammer und die Küche mit dem alten Holzherd geben einen Eindruck von den ursprünglich typischen Wohnverhältnissen in der Region. Der Eintritt ist erfreulicherweise frei.

Von der Wohn- zur Esskultur: Das sogenannte Türkenausziehen verweist auf den Mais, der in Ruggell eine ebenso wichtige Rolle spielte wie der Torf. Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde im Ruggeller Ried noch Torf gestochen. Die quaderförmigen Briketts wurden zu kleinen Türmchen aufgeschichtet, bis Wind und Sonne sie getrocknet hatten. Dann wurden sie im Winter als Heizmaterial verfeuert. Daran erinnern die Original Ruggeller «Tuarbastolla», eine süsse Spezialität von Marco Oehri, denn das Wort «Tuarba» bezeichnet im Dialekt Torf. (vv)

 

09. Mai 2018 / 16:00
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