•  (Tatjana Schnalzger)

Einer der geschichtsträchtigsten Orte

Historisch gesehen hat Liechtenstein ausserordentlich viel zu bieten. Aber Durchreisenden und Kurzaufenthaltern entgeht es in der Regel, sie sehen nur Bankenplatz, Industrie und ein wenig Landschaft. Beispiel: Bendern und Gamprin.

Die Geschichte der Gemeinden des Landes ist heute in einem bislang nie gekannten Ausmass erforscht und dokumentiert, und es kommen immer neue Erkenntnisse hinzu, da solche Arbeiten staatlich und von Gemeindeseite gefördert werden. Der Historische Verein und andere haben diesbezüglich schon Enormes geleistet. Der Benderer Kirchhügel zum Beispiel ist einer der geschichtsträchtigsten Orte des Landes. Vorbeigehende bemerken ausser einem alten Kirchengebäude nichts davon. 

Aber: 1. beinhalten die Mauern der Kirche noch heute Teile eines Gutshofes bzw. einer Kapelle aus karolingischer Zeit; 2. Unter der Kirche sind ausserdem die Grundmauern vorheriger Bauten zu begehen, dazu muss man sich allerdings anmelden; 3. Auf dem Platz vor der Kirche, die auf Fels steht, der seine Spuren durch das Schieben grosser Findlinge in der Eiszeit hinterlassen hat, schworen die Liechtensteiner einst ihrem Fürsten die Treue; 4. Unter dem Rasen befinden sich die Grundmauern eng nebeneinander gestandener Häuser des alten Benderns aus dem Mittelalter. 5. Unterhalb liegt die bekannte Marien- oder Lourdesgrotte, ein beliebter Wallfahrtsort. 
Alte Urkunden verraten Einiges über den Ort Bendern, der wie Gamprin schon zur Römerzeit Bedeutung hatte («Campus Rhenus») und an dessen Ausläufern am Rhein eine Fähre Dienst tat, als es noch keine Brücken gab. Davon zeugt auch eine Tafel am Rand der zum Kirchhügel hinaufführenden Strasse. A propos Rhein: Am Sonntag, 25. September 1927, bis in den folgenden Tag hinein, trat er in Liechtenstein und der Vorarlberger Nachbarschaft an mehreren Stellen über die Ufer. Die Katastrophe im Rheintal traf die Menschen auch in Bendern sehr hart. Und es war nicht die einzige Überschwemmung im Lauf der Jahrhunderte.

Aus historisch bewegten Zeiten stammende Gebäude
1963/65 wurde in Sichtweite der überdachten Holzbrücke eine neue Rheinbrücke zwischen Bendern und Haag gebaut. Über Generationen hinweg hatte die alte Brücke, die längst unter Denkmalschutz stand, den Menschen gute Dienste geleistet. Aber am 26. Juni 1974 brannte sie und stürzte bei den Sanierungsarbeiten ganz ein. Um ein gefährliches Anstauen des Rheins zu verhindern, bekam die Feuerwehr Gamprin vom Landesbauamt den Auftrag, die Rheinbrücke am 22. Juli 1974 kontrolliert abzubrennen. 

Erste Kirche von Bendern seit dem 5. Jahrhundert
Die Gründung der ersten Kirche von Bendern reicht wahrscheinlich in die Zeit der Christianisierung des Landes, also ins 5. Jahrhunder,t zurück. Dieses heute als Muttergottes-Wallfahrtskirche bezeichnete und seit damals natürlich stark veränderte Gotteshaus wird urkundlich erstmals 1045 in einem Königsdiplom Heinrichs III. erwähnt und gehörte samt Pfründen dem Frauenkloster Schänis. Der spätere Besitzer Ritter Rüdiger von Kimpach übergab 1194 die Kirche dem Stift St. Luzi. Dortige Prämonstratenser-Patres betreuten diese Aussenstation bis 1816. Seither amteten in Bendern Weltgeistliche. In den Jahren 1999/2000 wurde eine Gesamtrenovation durchgeführt.

Der Prämonstratenser-Orden blieb auf der Strecke
Steht man heute an diesem altehrwürdigen Ort, könnte man einmal daran denken, wie es den Menschen damals ergangen ist, weil zu jener Zeit keineswegs ruhige und gute Zeiten herrschten, es fanden, z. B., Kreuzzüge statt sowie ein französisch-englischer Krieg. Eine so ferne Zeit und Gesellschaft – und doch einmal Tatsache gewesen wie die Prämonstratenser-Mönche, die aus dem öffentlichen Bewusstsein in Liechtenstein verschwunden sind, obwohl sie hier einmal eine wichtige Rolle innegehabt haben. Vom Wirken der Prämonstratenser zeugen aber noch heute zwei Gebäude auf dem Benderer Kirchhügel: Das eine, kleinere, ist der ehemalige Pfarrstall, er wurde 1998 umfassend renoviert und baulich erweitert, dort hat das Liechtenstein-Institut sein Domizil. Die Herren von Bendern und später die Mönche von St. Luzi aus Chur stellten dort ihre Pferde ein, daher der Name Pfarrstall. Eine gewisse Zeit diente das Gebäude auch als Statthalterei. Das benachbarte Treppengiebelhaus wurde 1538/39 von den Prämonstratenser-Mönchen aus St. Luzi als Kloster erbaut. Sie betreuten die Pfarrei bis 1816. Dann diente das Haus als Wohnhaus des Pfarrers. 1977/78 wurde es renoviert und unter Denkmalschutz gestellt. In der Reformationszeit verlor der Prämonstratenser-Orden fast die Hälfte seiner Klöster, in der Zeit der Französischen Revolution wurde er fast völlig vernichtet und hat in der Schweiz heute nur noch in Sion ein Frauenkloster.

Dort soll es nicht mit rechten Dingen zugehen …
Eine alte Sage berichtet: «Im Benderer Pfarrhof findet sich ein Zimmer, in dem es nicht richtig ist, denn dort geistert der pflichtvergessene Pfarrer. In alter Zeit, als um Turm und Kirche herum noch alles voller Reben wuchs, war in Bendern ein Pfarrer, der die Jagd mehr liebte als Kreuz und Kirche. Einstmals wurde er zu einem Versehgang gerufen, er aber sagte: Ich muss noch zuerst den Hasen um den Wingert herumjagen! – und ging mit zwei Weidgesellen auf die Jagd. Als er von ihr zurückkehrte, war der Kranke bereits verschieden; der Pfarrer kam gerade um eine Viertelstunde zu spät. Nach dem Tode dieses Pfarrers hatte es dann im Pfarrhof und bei der Kirche Geister, und es geistert dort noch bis auf den heutigen Tag.»

Unsensibler Umgang mit der eigenen Geschichte?
Das Verhältnis Liechtensteins zu seiner jüngeren Geschichte ist in kultureller Hinsicht manchmal auch ambivalent. Nur so kann es gedeutet werden, wenn von den ohnehin wenigen Zeugnissen namhafter Künstler die letzten Spuren beseitigt wurden. Man denke nur an die Wandmalereien von Anton Ender in der einstigen Realschule Eschen, in Schaan an das Wirken des berühmten Autors Curt Goetz, an das Grab von Oskar Werner in Triesen oder das von Maurice Arnold de Forest, Graf von Bendern, auf dem Benderer Friedhof usw. Der Graf von Bendern z. B. (1879 – 1968) lebte u. a. auf Masescha und war ab 1935 diplomatischer Berater des Fürstenhauses. Er wurde 1936 durch Furst Franz I. in den Grafenstand erhoben und ist aufgrund seiner Förderung des Sports (Olympiateilnahme) und karitativer Einrichtungen in Liechtenstein in die Geschichte eingegangen. Auch überliess er dem Staat zehn Gemälde, die den Grundstock der staatlichen Kunstsammlung bildeten und hat vieles mehr bewirkt. Liechtenstein hat durch ihn enorm profitiert, sein Wirken trug Früchte bis heute, und während man sich, nicht zuletzt aufgrund Harald Wangers † Bemühen, an Rheinberger dankbar erinnert oder an Peter Kaiser oder Johann Georg Helbert, hat man Maurice Arnold de Forest, Graf von Bendern, und andere dem Vergessen überlassen.
Positiv zu vermerken ist in Land und Gemeinden andererseits das heute wieder wachsende Bewusstsein für die eigenen Wurzeln, aufgrund dessen auch manches erhaltenswerte Gebäude gerettet und zeitgemäss konserviert wurde. Hier ist auch der Einsatz des Historischen Vereins, der Landesarchäologie und des Amtes für Denkmalschutz als höchst schätzenswert zu nennen. (vv)

26. Jun 2018 / 09:00
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