• Marion Leal, Schaan
    Seit 13 Jahren berät die Psychoonkologin Marion Leal Personen mit der Diagnose «Krebs».  (Tatjana Schnalzger)

«Oft bedeuten die kleinen Fragen Grosses»

Täglich begegnet sie Leuten, die mit der Diagnose «Krebs» hadern. Marion Leal hört ihre Sorgen an und hilft, das Gefühl der Lebendigkeit nicht zu verlieren. Ihre eigene Fröhlichkeit verliert die Balznerin trotz all der schicksalhaften Begegnungen aber nicht.

Die Balznerin Marion Leal führt die Geschäftsstelle der Krebshilfe Liechtenstein, die am vergangenen Samstag das 30-jährige Jubiläum feierte. Die 50-Jährige erzählt über ihre langjährige Arbeit und wie sie mit all den Schicksalen, die ihr täglich begegnen, umgeht.

13 Jahre leiten Sie nun die Krebshilfe. Wie fühlen Sie sich nach dieser langen Zeit?
Marion Leal: In meinen ersten Beratungen merkte ich schnell, dass das meine Berufung ist. Mit der Zeit bin ich sicherer und vertrauter geworden und habe mir ein Netzwerk aus Partnern aufgebaut. Es gibt wohl nichts Schöneres, als seine Berufung ausleben zu dürfen. Aufzuhören kann ich mir im Moment nicht vorstellen.

Wie fühlt es sich an, Personen zu betreuen, deren Leben vielleicht am seidenen Faden hängt?
Genau wie die Geburt gehört auch der Tod zum Leben. Den Leuten eine gewisse Angst zu nehmen,  ihnen helfen trotz der Diagnose ihrer Lebendigkeit zu spüren und zu erleben und Sorgen und Nöte anzuhören ist etwas Wundervolles. Geht es in die letzte Lebensphase, kommen ganz andere Fragen auf, die ein Betroffener nicht immer mit Angehörigen besprechen kann oder will. Viele Leute vergessen aber, dass Krebs nicht zwingend das Ende des Lebens, sondern einfach ein mehr oder weniger langer Teil davon sein kann – das kommt einfach weniger zur Sprache.

Inwiefern unterstützen Sie die Patienten?
Das Ganze ist eine psychoonkologische Beratung. Heisst, ich unterstütze nicht nur psychologisch, sondern auch sozial. Ich kläre zum Beispiel Fragen zur Wiedereingliederung in den Beruf, Versicherungen, Krankenkasse, die existentielle Situation oder zu möglichen Therapien. Gespräche über das Dasein, die Zukunft oder über Sorgen und Ängste von Betroffenen und deren Angehörigen  gehören zur psychologischen Beratung. Meist sind es die kleinen Fragen, die für die Betroffenen Grosses bedeutend. Allein schon in die Krebshilfe zu kommen und sich beraten zu lassen, stellt für viele eine Hemmschwelle dar.

Sind es nur die Betroffenen selbst, die mit Ihnen Kontakt aufnehmen?
Es kommen auch viele Angehörige von Betroffenen zu mir, weil sie nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Oft sind es aber auch Arbeitgeber, die an meinem Tisch sitzen.

Ständig mit vielen Schicksalen konfrontiert zu sein, das zehrt doch sicher an einen. Wie gehen Sie damit um?
Klar berührt es mich, wenn Patienten sich an jeden Strohhalm klammern, nichts unversucht lassen und doch nimmt es ihnen immer mehr die Lebenssubstanz. Umso wichtiger ist es dann, einfach da zu sein und zu begleiten. Dadurch, dass ich diesen Weg mit den Betroffenen bewusst gehe, kann ich mich auch gut davon distanzieren.

Wie ist es für Sie, wenn ein Nachbar oder jemand aus dem Dorf zu ihnen in die Beratung kommt?
Kommt zum Beispiel jemand aus Balzers zu mir, sagen die Betroffenen oft: «Ich bin so froh, bist du hier». Es ist sicher ein Vorteil, wenn man sich kennt. Dann ist die Vertrautheit schon da und es ergeben sich nochmals andere Gespräche. In so einem kleinen Land kennt man sowieso bereits viele Leute und ihre Lebensgeschichten. Für mich selbst spielt es aber keine Rolle, ob ich die Person kenne. Es sind einfach Menschen mit der Diagnose «Krebs», die ich auf ihrem Weg begleite.

Welche Eigenschaften helfen Ihnen bei Ihrer Arbeit?
Es ist die eigene Lebensgeschichte, die einen geprägt hat – dadurch stehe ich sicher mit beiden Beinen am Boden und kann mit meinen Erlebnissen umgehen. Dass meine Eltern, die wirklich grossartig waren,  beide sehr früh verstorben sind, war sicher eine Lebensschule. Dadurch kann ich mich manchmal besser  in Betroffene und Angehörige hineinversetzen. Durch meine bodenstäsndige und mit Humor gesegnete Familie, die mir wichtige Grundwerte beigebracht hat, trage ich sicher auch viel Humor und Fröhlichkeit in mir.

Was hilft Ihnen, das alles zu verschaffen?
Ich achte ganz gut auf mich selbst, spüre mich selbst und tue mir Gutes. Für mich ist die Natur, das Paradies vor der Haustüre, etwas vom Schönsten. Aber auch die Ruhe, soziale Kontakte, Sport und gutes Essen sind ganz wichtig für mich. Jetzt freue ich mich, dass die Töffsaison mit meinem Mann wieder angefangen hat. Ich mache aber nichts exzessiv, ich brauche keinen Kick – für mich ist es ganz wichtig, dass alles stets ein Genuss ist.

13 Jahre sind eine lange Zeit. Haben sich die Patienten mit der Zeit verändert?
Die Diagnose Krebs ist immer noch die gleiche und die Sorgen und Ängste der Betroffenen auch. Heute sind aber die Leute viel aufgeklärter und forscher. Früher akzeptierten die Betroffenen alles, was der Arzt sagte. Heute haken sie nach und sind sich ihrem Recht bewusst, erfahren zu dürfen, was denn nun alles geschieht.  Sind die Betroffenen unsicher, holen Sie sich Zweitmeinungen ein – und das betrifft nicht nur die Ärzte, sondern auch andere Institutionen. 

Können Sie eine Bilanz ziehen?
Heute sehe ich uns als eine Institution, die sich einen guten Namen erarbeitet hat. In all den Jahren haben wir eine ganz eigene Philosophie erarbeitet. Wir sind gewachsen und haben uns hier etabliert. Ich bin dankbar für unser grosses Netzwerk an Partnern, wie Spitäler oder Hospize, mit denen wir regelmässig in Kontakt stehen. Natürlich hoffe ich, dass das auch  in Zukunft so bleibt. Gross ändern wird sich nicht viel – und das ist auch gar nicht nötig. Wir haben Bestand und bleiben authentisch. (rar)

23. Apr 2018 / 05:00
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