«Handelskrieg kann den Aufschwung in Asien nicht aufhalten»

Handelskrieg, China-Besuch der Bundesrätin Doris Leuthard und Ängste vor dem chinesischen Drachen: Asien rückt in der Wahrnehmung Europas immer mehr in den Fokus. Shasha Li Mafli spricht über falsche Bilder und die neue europäische Konkurrenz.

Frau Li Mafli, Sie versuchen, Menschen von Investitionen in den asiatischen Markt zu überzeugen. Warum?
Shasha Li Mafli: Asien ist momentan einer der spannensten Flecken auf dieser Erde. Das Wachstum und die Dynamik ist extrem. Schauen Sie sich beispielsweise Bilder von Schanghai in den 80er-Jahren an und vergleichen Sie es mit heute. Sie werden es nicht wiederkennen. Kennen Sie das Gebiet Pudong in Schanghai?

Nein.
Früher gab es dort viel Fläche und einzelne kleine Häuser. Heute, vierzig Jahre später, steht ein Hochhaus neben dem nächsten. Und es werden täglich neue gebaut. Das Gebiet floriert. Und solche Beispiele findet man nicht nur in Schanghai, sondern überall in Asien. Solche Bilder zeigen wir auch unseren Kunden, denn nichts symbolisiert den Begriff des Wachstums besser.

Trotzdem sind europäische Anleger im Gesamten noch relativ zurückhaltend, was Investitionen in Asien angeht.
Ja, das ist leider so. Wir arbeiten daran, dies zu ändern.

Woran liegt es denn? Ist es die Angst oder einfach Unerfahrenheit?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Auf der einen Seite denken viele westliche Anleger noch immer, dass es sich bei den asiatischen Staaten um Schwellenländer handelt und bei den Märkten um «Emerging Markets» im Anfangsstadium mit einem entsprechend hohen Risiko. Das hält viele fern. Dabei wird das Wachstum in verschiedenen Märkten von einheimischen Anlegern getragen. Auch das Risiko hat sich in den letzten Jahren deutlich verringert. Aber leider wollen viele Europäer diese Entwicklungen nicht bemerken. Vielleicht ist Asien aber für viele Europäer auch einfach noch zu weit weg.

Dazu kommt, dass sich die Börsenentwicklung ja auch in der westlichen Welt sehen lassen kann. Für gute Renditen muss man nicht um die halbe Welt ...
Das ist mit Sicherheit auch ein Faktor, weshalb die Investitionen nach Asien in den letzten Jahren etwas nachgelassen haben. Ausserdem haben viele noch Erinnerungen an die Kurseinbrüche im chinesischen Aktienmarkt 2015 und Anfang 2016. Nur präsentiert sich heute die Situation ganz anders als damals. In den asiatischen Märkten sind auf lange Sicht viel höhere Renditen zu erwarten als in den USA oder Europa.

Aber schaut man sich die aktuelle Entwicklung an, spricht das ja nicht nur für Investitionen. Denken wir etwa an den Handelskrieg ...
Ja, das stimmt. Wenn wir allerdings nur das beachten würden, wäre das eine sehr kurzsichtige Betrachtung. Aber die Entwicklungen – all die Strafzölle, um nur ein Beispiel zu nennen – bereiten auch unseren Kunden Sorgen. Die asiatischen Märkte sind sehr stark exportorientiert, aber auch sehr flexibel. Deshalb glaube ich nicht, dass der Handelskrieg den Aufschwung mittelfristig aufhalten kann.

Doch die Zeiten sind unsicher. Neben dem Handelskrieg gibt nun die Türkei zu reden. Auch politische Risiken nehmen, zumindest in der allgemeinen Wahrnehmung, stetig zu. Da lässt man das Geld als Anleger doch besser in einem sicheren Hafen wie der Schweiz oder Liechtenstein.
Wir haben es bereits angesprochen: Die Menschen im Westen bewerten asiatische Anlagemöglichkeiten immer noch als hochriskant. Das mag für einzelne Branchen oder Regionen auch zutreffen. Wenn man aber die Risiken für die verschiedenen Regionen bewertet, merkt man schnell, dass sich die Bewertung auch im Preis niederschlägt. Wer ein relativ überschaubares Risiko eingeht, kann in Asien überdurchschnittliche Renditen erzielen. Auf lange Zeit wird sich das, und davon bin ich überzeugt, auszahlen. In Asien gibt es bereits heute robuste Märkte, gerade verglichen mit anderen Emerging Markets. China ist beispielsweise sicher besser und sicherer aufgestellt als die Türkei oder Argentinien.

Dann ist es also, um auf die Frage von vorhin zurückzukommen, doch die Angst, die Anleger aus Asien fernhält?
Nicht nur. Ich pauschalisiere nun etwas, um es zu verdeutlichen: Die meisten Europäer sehen in Asien bloss den billigen Produktionsstandort. Dabei wird übersehen, welche Innovationen derzeit in Asien stattfinden. Erst jüngst wurde in der Presse darüber berichtet, dass sich Schweizer Technologiefirmen immer noch an Sillicon Valley orientieren, sich aber stattdessen besser gen Osten orientieren sollten. Wenn heute beispielsweise eine Konferenz zu künstlicher Intelligenz organisiert wird, so klären die Verantwortlichen in jedem Fall ab, ob an diesem Tag kein chinesischer Feiertag ist. Denn was zu diesem Thema aus China kommt, ist absolut «State of the Art» und darf nicht vergessen werden. Lassen Sie mich dazu eine These aufstellen.

Bitte.
Statt über die Risiken von Investments beispielsweise in China zu sprechen, müsste die Frage doch eher lauten: Wie hoch ist das Risiko, wenn man nicht in China investiert? Man sollte doch dort sein Geld anlegen, wo sich in den nächsten Jahren wohl am meisten tun wird. Und das wird definitiv in Ländern wie China sein.

Woran machen Sie das fest?
Naja, schauen Sie sich beispielsweise Nestlé an. Die haben jahrelang einen guten Job gemacht und machen es noch immer. Doch ein grösseres Wachstum von 2 Prozent liegt einfach nicht mehr drin. In Asien wachsen die Unternehmen viel schneller.

Doch wird das so bleiben?
Davon bin ich überzeugt. Viele der Unternehmen und Produkte aus China, um beim Beispiel zu bleiben, sind hierzulande oder in den USA noch gar nicht bekannt. Denn zuerst versuchen solche Firmen, den chinesischen Markt zu erobern. Da reden wir immerhin von der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt mit 1,3 Milliarden Menschen. Wenn solche Firmen dann zu expandieren beginnen, verleiht das neue Wachstumsschübe. Und da stellt sich die Frage, die ich bereits vorher in den Raum gestellt habe: Kann ich es mir tatsächlich leisten, in der zweitgrössten Volkswirtschaft – und wahrscheinlich bald grössten Volkswirtschaft – keine Anlagen zu haben? Die Antwort dürfte wohl ein Nein sein. Das haben nun auch hiesige Finanzinstitute erkannt. Die LGT ist dafür ein gutes Beispiel.

Inwiefern?
Sie haben das Wealth Management in Asien ständig ausgebaut und erwirtschaften heute ansehnliche Gewinne in diesen Ländern. Bei anderen Banken ist es genau das gleiche Bild. Aber auch Techfirmen oder Industrieuunternehmen – alle zieht es nach Asien. Und warum? Weil dort der Konsument ist. Die Hälfte der Weltbevölkerung wohnt in Asien. Aber es weshalb ist der Anleger nicht dort? Das ist die Frage.

Wo erwarten Sie in den nächsten Jahren das grösste Wachstum?
China bleibt sicher sehr spannend. Die Innovation floriert, aber auch die Konsumenten werden immer zahlungskräftiger. Das Land hat eine schnell wachsende Mittelklasse, die nun auch ihren Lebensstandard «upgraden» will und entsprechend konsumiert. Die Anzahl chinesischer Touristen wächst auf der ganzen Welt. In den nächsten 10 bis 15 Jahren werden 300 bis 400 Millionen Chinesen erwartet, welche in diese Mittelklasse aufsteigen werden. Das wird nicht nur die chinesische Wirtschaft zu spüren bekommen, sondern die ganze Region.

Was ist mit anderen Ländern?
Länder wie Indien oder Indonesien sind in der Entwicklung noch klar hinter China zurück. Die Infrastruktur ist, positiv ausgedrückt, noch ausbaufähig. Doch wir reden hier vom zweit- und viertgrössten Land der Welt, wenn man die Bevölkerung betrachtet. Setzt dort die Industrialiserung in den nächsten Jahren dann einmal zur Gänze ein, gibt es kein Halten mehr. Vietnam ist ein anderes, ganz spannendes Land. Sie starteten mit praktisch nichts. Unterdessen ist es eines der schnellstwachsenden Länder der Welt. Der Wachstum ist getrieben von ausländischen Investoren, die Unternehmen aufbauen.

In Europa wird ja das Wachstum in Asien nicht nur positiv gesehen. Viele fürchten sich vor weiteren Übernahmen, Bundesrätin Doris Leuthard warnte erst diese Woche vor einem «Ausverkauf» nach China.
Chinesische Firmen und Unternehmer haben in den letzten 20, 30 Jahren viel Vermögen aufgebaut. Dieses wollen sie natürlich auch wieder investieren. Natürlich gibt es immer wieder die Sorge, Chinesen würden die ganze Welt aufkaufen wollen. Doch gerade für kleinere und mittlere Schweizer Firmen kann so eine Übernahme auch eine riesige Chance sein, denn so bekommen sie einen Fuss in einen riesigen Markt. Eine gewisse Sorge ist berechtigt, doch man sollte die Chancen nicht vergessen. Am Ende ist es aber eine unternehmerische Entscheidung.

Der Konkurrenzdruck für hiesige Unternehmen wird weiter wachsen?
Ja, das wird er. Schweizer Unternehmen können sich nicht ausruhen, weil sie mit den Innovationen aus Asien mithalten müssen. Im Gegenteil, die Konkurrenz aus Asien kommt auch immer mehr nach Europa. China hat begonnen, Züge zu bauen und wird diese dann exportieren. Und wie in anderen Branchen auch, sind die Chinesen einfach günstiger. Das wird auch Europa und die USA zu spüren bekommen. Darauf müssen sich die heimischen Firmen heute vorbereiten.
 

mit Shasha Li Mafli sprach Stephan Agnolazza-Hoop

20. Aug 2018 / 13:15
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