• Franz Probst, Leiter von SkillSonics, besuchte vor ein paar Wochen die Buhler India. Die junge Frau lässt sich zum «Multi Skilled Production Technician» ausbilden und befindet sich im zweiten Lehrjahr. (Bild: SkillSonics)

Das duale Bildungswesen exportieren

Das duale Bildungssystem in der Schweiz und Liechtenstein ist einzigartig und geniesst einen guten Ruf. Deshalb fuhrte SkillSonics mit Sitz in Zurich und Bangalore (Indien) 2012 das System in Indien erfolgreich ein. Bisher hat das Projekt 5000 Fachkräfte ausgebildet.

Herr Probst, wie kann man sich die Ausbildung von SkillSonics in Indien vorstellen?

Franz Probst: Im Rahmen der Swiss Vocational Education and Training Initiative India (SVETII) werden indische Lehrpersonen, Berufsbildner und Prufungsexperten von den Experten der SkillSonics ausgebildet. Unsere schweizer Kooperationspartner wie beispielsweise das Eidgenössische Hochschulinstitut fur Berufsbildung (EHB) bildeten diese Experten aus und zertifizierten sie. Sowohl die praktische als auch die theoretische Ausbildung der Lehrlinge erfolgt durch regionaleTrainer aus Indien.

Warum exportieren Sie den Ausbildungsweg ausgerechnet nach Indien?

Wir erhielten erste Anfragen von der Schweizer Industrie in Indien. Diese litt unter dem auch in Indien bestehenden Fachkräftemangel. Das regte den Bund und die schweizerisch-indische Handelskammer dazu an, ein Ausbildungsprojekt zu initialisieren.

Ist unser Ausbildungsweg in Indien offiziell anerkannt?

SkillSonics ist von den zuständigen Organisationen in Indien als Bildungsanbieterin anerkannt. Ihre Lehrgänge, die nach Schweizer Muster und mit Inhalten aus der Schweiz aufgebaut wurden, werden mit den indischen Standards abgeglichen. Dies fuhrt dazu, dass die meisten Lehrgänge neben einem von Swissmem anerkannten Abschluss auch zu Abschlussen fuhren, die in Indien anerkannt sind.

Wer kann in Indien eine Lehre besuchen?

Die Ausbildungslehrgänge stehen allen offen. Voraussetzung ist der Abschluss der Grundschule beziehungsweise das Bestehen eines Eintrittstests. Letztlich sind es die beteiligten Unternehmen und Lernzentren, die entscheiden, wen sie in die Lehrgänge aufnehmen.

Was fur Leute machen von diesem Angebot gebrauch?

Die Lernenden kommen aus verschiedenen Bevölkerungsschichten. Es sind sowohl Jugendliche, die in ländlichen Gebieten aufgewachsen sind als auch solche, die aus Städten stammen. Jungst sind die ersten Mädchen in Ausbildung.

Welche Berufe werden gelehrt?

SkillSonics bietet gegenwärtig vor allem technische Programme fur Leute in der Maschinenindustrie an. Im Vordergrund stehen gegenwärtig die Berufe des «Multi-Skilled Production Technician», der auf dem Schweizer Polymechaniker aufbaut, des «Maintenance Technician» und des «Service Technician». Insgesamt bietet SkillSonics uber 100 Ausbildungslehrgänge an – auch fur Fachkräfte, die sich weiterbilden wollen.

Dauert die Ausbildung auch um die drei Jahre wie in der Schweiz?

Die im Rahmen der SVETII angebotenen Ausbildungsprogramme dauern zwischen 1 bis 2 Jahren. Ein 3-jähriger Kurs ist in Vorbereitung.

Können die ausgebildeten Fachkräfte nach ihrem Abschluss in der Firma bleiben?

Die Erfahrung zeigt, dass die jungen Fachkräfte gerne beim Unternehmen bleiben, das sie ausgebildet hat. Voraussetzung ist naturlich, dass sie das Unternehmen auch will. Es gibt auch einzelne Ausbildungsbetriebe, welche mehr Lernende ausbilden als sie später brauchen werden.

Wie wird die Ausbildung finanziert? Können sich Leute aus der Unterschicht dies uberhaupt leisten?

Die Ausbildung wird uber die Unternehmen finanziert. Die Lernenden erhalten, wie bei uns, einen Lehrlingslohn. Zudem kommen die Unternehmen in gewissen Fällen auch fur ihre Aufenthalts- und Unterbringungskosten auf. Daher ist die Ausbildung auch fur Jugendliche aus armen Verhältnissen möglich und attraktiv.

Was fur Herausforderungen bringt das Projekt mit sich? Wie zeichnen sich die kulturellen und sprachlichen Differenzen wider?

Naturlich hat jedes internationale Projekt seine eigenen Herausforderungen. Bei den indischen Trainern mangelt es bisweilen an guten Englischkenntnissen oder am Willen, bei der Vermittlung praktischer Fähigkeiten selbst Hand anzulegen. Es braucht Geduld und viel Einsatz, solche Hurden zu uberwinden. SkillSonics verfugt uber ein hervorragendes Team in Indien und erfahrene Experten in der Schweiz. Daher lassen sich Schwierigkeiten kultureller und sprachlicher Art meistern.

Können Sie bereits einige Zahlen nennen, wie sich die Nachfrage und das Angebot entwickelt?

Die Nachfrage nach guten, auf die Bedurfnisse des indischen Arbeitsmarktes ausgebildeten Fachkräften ist riesig. Es wird geschätzt, dass bis 2022 uber 400 Millionen Menschen aus-und weitergebildet sowie umgeschult werden mussen, damit Indien seine Wachstumsziele erreichen kann. Zugleich ist das Angebot ungenugend, sowohl was staatliche als auch private Ausbildungsstätten anbelangt.

Ziehen Sie in Betracht, die Ausbildung in noch weitere Länder zu exportieren?

SkillSonics hat Anfragen und Interessenskundgebungen aus mehreren Ländern. Im Vordergrund stehen gegenwärtig Sudafrika und Brasilien. Die Erfahrung, die wir in Indien gemacht haben und das grosse Angebot an Ausbildungsprogrammen versetzen uns in die Lage, ähnliche Transferleistungen auch fur Unternehmen und Ausbildungszentren in anderen  Ländern zu lancieren. (ms)

01. Feb 2016 / 08:04
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
Lesertrend
Meistkommentiert
24. Mai 2018 / 13:29
Aktuell
18. Juni 2018 / 14:12
18. Juni 2018 / 13:41
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...
Wettbewerb
Schloss Vaduz
Zu gewinnen 1 Ravensburger Puzzle Schloss Vaduz
24.05.2018
Facebook
Top