• Landesführungsraum, Vaduz
    Hier würde der Landesführungsstab im Krisenfall übernachten.  (Tatjana Schnalzger)

(K)ein Feldbett für den Regierungschef

Unter dem Landtagsgebäude befindet sich viel mehr als eine Parkgarage. Betriebsleiter Peter Frick führt durch die Betongänge unter dem Hohen Haus und zeigt, wo die Stabsstelle neben Feldbett und Hotdog-Maschine das Vorgehen im Katastrophenfall koordiniert.

 

Eines steht fest: Viele Menschen haben eine Faszination fürs Geheimnisvolle und  das Unberechenbare. Das gilt ebenso für Katastrophen. Was würde mit dem Land passieren, etwa bei Waldbrand, einem Terroranschlag, einer Pandemie oder noch schlimmer – bei einer atomaren Katastrophe. Diese Faszination gilt wohl auch mir. Umso gespannter bin ich , als Peter Frick, Leiter der Betriebsgruppe, einwilligte, mir den Landesführungsraum zu zeigen. Ich kann also den Ort besuchen, an dem im Fall einer gröberen Katastrophe die nächsten Schritte des Landesführungsstab koordiniert werden. An dieser Stelle muss gesagt werden, dass die Fantasie vielleicht etwas mit mir durch geht. Ein hochmoderner Kontrollraum – ähnlich einem Raumschiff – mit bunten Knöpfen und Instrumenten und Landeskarten an den Wänden  schwebt mir vor. Nun denn, eines vorweg: So geheimnisvoll wie man sich den Landesführungsraum vorstellt, ist er nicht. «Jeder kann an einer Führung teilnehmen», erklärt Frick gleich zu Beginn.

Innerhalb einer Stunde kann der Landesführungsraum in Betrieb genommen werden. Und bis zu 14 Tage kann  darin gelebt und gearbeitet werden. Doch wer würde im Ernstfall überhaupt hier arbeiten? «Der Landesführungsstab setzt sich aus sechs Mitgliedern und deren Stellvertreter zusammen. Vorsitzende ist Regierungsrätin Dominique Gantenbein, Polizeichef Jules Hoch und jeweils der Leiter des Amtes für Bevölkerungsschutz, des Amtes für Bau und Infrastruktur und des Amtes für Gesundheit und ein Verteter der Gemeinden», erklärt Peter Frick.

Fotostrecke: Landesführungsraum in Vaduz
Landesführungsraum in Vaduz
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Landesführungsraum in Vaduz

 Eintritt erst nach gründlicher Dusche
Der Eingang zum Landesführungsraum ist – wider erwarten – nicht geheim, noch verborgen.  Vielleicht dient das wiederum der Tarnung, denke ich mir. Der Weg führt durch den Eingang der Parkgarage des Landtagsgebäude und durch eine nun ja – stinknormale – Tür. Im Vorraum, ähnlich einem Keller  eines Wohnhauses, stehen zwei Fahrräder. Einziges Indiz, dass hinter den Mauern mehr steckt als eine simple Waschküche: Der verwinkelte Plan der an der Wand hängt und eine Gegensprechanlage, mit der man sich im Katatstrophenfall anmelden muss. «Im Ernstfall wird  hier eine Eingangskontrolle gemacht, die kontrollieren, wer  den Landesführugsraum betritt», erklärt Frick. Durch eine dicke Betontür hindurch geht es in den «Schleusenraum». Bei einer atomaren Katastrophe müsste die Luft nach Betreten durch Filteranlagen wieder von der atomaren Verschmutzung gereinigt, also «gespült» werden. Erst nach einer gründlichen Dusche und frisch eingekleidet, darf in diesem Fall der Landesführungsraum betreten werden – die verstrahlten Klamotten müssen draussen bleiben. Allein die Vorstellung an dieses Prozedere lässt mich erschaudern.

Unser Weg führt entlang kahler, weisser Betonwände. Bereits jetzt merke ich, dass im Landesführungsraum keine Wand gerade ist. Doch wieso ist der unterirdische Raum mit seinen rund 500 Quadratmetern so verwinkelt gebaut? «Im Fall einer Detonation sorgt der verwinkelte Bau für Stabilität », erklärt Frick. Selbst er muss hin und wieder einen Blick auf den kleinen, laminierten Plan in seiner Jackentasche werfen, um den Weg zu finden. Dem schmalen Korridor entlang geht es sogleich ins Herzstück des Landesführungsraum: Der Kontrollraum. Im grossen Sitzungstisch stehen zwei Computer und – wie erwartet – hängt ein grosser Bildschirm und eine riesige Landkarte hängt an der Wand. Zugegeben: Meine Erwartung vom Kontrollraum mit blinken Knöpfen und roten Hebeln trifft nicht ganz zu. Trotzdem ist es gut vorstellbar, dass Polizeichef Jules Hoch zusammen mit den anderen Stabsmitgliedern hier die Lage des Landes bespricht. Während der Stab das weitere Vorgehen im Katastrophenfall plant, sorgt die Betriebsgruppe dafür, dass im Hintergrund alles wie am Schnürchen läuft: «Wir sind weder Verein, noch ein Verband, sondern Gruppe des Amtes für Bevölkerungsschutz», erklärt Betriebsleiter Peter Frick. Die Arbeit der Betriebsgruppe könne grundsätzlich in drei Bereiche eingeteilt werden: Der Bereich «C-Lage» dient der Führungsunterstützung, der Logistikbereich dreht sich rund um die Versorgung des Führungsstabes und der gesamte Technik und der Bereich der  Telematik, rund um Funk, Telefon und Meldeläufer.

«Damals war die Idee, parallel zum Bau des neuen Landtagsgebäude mit dem Landesführungsraum, eine Gruppe aus Freiwilligen aufzubauen, die die Infrastruktur des Raumes bewirtschaften und im Bedarfsfall auch Auffahren und unterhalten können», erklärt Frick. Aktuell seien dies 21 Mitglieder im Alter  zwischen 25 und 60 Jahren. Wie so oft, wenn es um Freiwilligenarbeit geht, hat auch die Betriebsgruppe Nachwuchsprobleme: «Der Aufwand ist recht gross, mit all den Weiterbildungen und Übungen», meint Frick.  Dennoch seien ausnahmslos alle Mitglieder mit vollem Herzblut dabei. So auch Dominic Oehri, der die Führung begleitet.

15 000 Liter Wasser, aber nichts zu Essen
Peter Frick führt uns  zu einem der wichtigsten Punkte im Landesführungsraum: Dem Notstromaggregat.
12 000 Liter Diesel und ein riesiger Motor sorgen während 14 Tagen für Strom. Aber was, wenn die Katastrophe länger als zwei Wochen andauert? «Ein wenig Reserve gibt es schon. Ist aber klar, dass der Aufenthalt im LFR länger  dauert, muss der Diesel rationiert werden», erklärt Peter Frick.
Rationiert wird im Fall eines längeren Einsatzes auch das Wasser im Tank: 15 000 Liter sind in einem riesigen Tank, verborgen hinter einer dicken Betonwand, komplett lichtfrei gespeichert.  «Das Wasser wird alle fünf Jahre ausgetauscht, dann wird der Tank gereinigt und neu aufgefüllt – obwohl es eigentlich gar nicht verderben kann», erklärt Dominic Oehri. Also Wasser, so scheint es, hat es allemal genug.

Und wie steht es  mit Lebensmittelvorräten? Ausser ein paar Packungen Spaghetti und ein wenig Kaffee gibt es im Vorratsraum – hinter dessen Wänden sich auch der Wassertank befindet – nicht viel Nahrhaftes. «Lebensmittelvorräte legen wir keine an. Im Fall einer Katastrophe kann das Essen von nahegelegenen Filialen oder Grosshändlern bezogen werden», erklärt Peter Frick. Die vollausgestattete Küche aus poliertem Stahl weckt bei mir Erinnerungen an eine Mensaküche. Lässt sich bloss hoffen, dass die Verköstigung für die Stabsmitglieder besser ist, als in einer Mensa. «Hier kocht unsere gute Seele Editta – sie ist ebenfalls Mitglied der Betriebsgruppe. Sie hat jegliche Finessen beim Essen drauf – schliesslich ist gutes Essen wichtig, wenn man über Tage im tristen Landesführungsraum festsitzt», sagt Peter Frick lachend «Alle unsere Mitglieder ergänzen sich mit ihren Talenten perfekt», meint Dominic Oehri. Nebst all den professionellen Küchengeräten steht auf der Küchenzeile aber noch eine Hotdog-Maschine: «Nach einer Übung gibt es jeweils Hotdogs für unsere Mitglieder», erklärt Dominic Oehri schmunzelnd.


Notfalls auch Unterschlupf für Bevölkerung
Gleich neben der Küche befinden sich die Schlafsäle: Es gibt einen grösseren für die Männer und einen kleineren für die Frauen.  21  blau-weiss karierte Kissenbezüge stechen im Raum, der kaum grösser ist als ein Wohnzimmer, heraus. Erinnert mich  ein wenig ans Skilager in der Primarschule, denke ich mir. Auf doppelstöckigen-Feldbettern sollen hier im Extremfall die Stabsmitglieder, zugedeckt mit kratzigen Militärdecken, schlafen. Keineswegs eine prickelnde Vorstellung. Wobei: «Die Matratzen sind übrigens sehr bequem – die haben wir getestet», erklärt Dominic Oehri. Die Sanitär-Anlagen – auch dort ist alles verwinkelt gebaut – erscheinen für 21 Mann winzig. Nun ja, vielleicht ist Duschen im Katastrophenfall wohl auch zweitrangig. Ablenkung vom tristen Dasein im Landesführungsraum gibt es hier nicht – einzig ein Radio, eingebaut in eine Gegensprechanlage,  sorgt beim tristen Aufenthalt im Landesführungsraum für etwas Unterhaltung.

Aber was, wenn – salopp formuliert – Regierungschef Adrian Hasler nun  bei einer Katastrophe anklopft und um einen Schlafplatz bittet? Wird er dann auch einquartiert oder draussen stehengelassen? «Grundsätzlich ist der Landesführungsraum den Stabsmitgliedern vorbehalten. Er dient der Planung und der Kontrolle, und nicht dem Zivilschutz», erklärt Peter Frick. Dennoch hätte man im Katastrophenfall wohl Nachsicht und würde – sofern es der Platz zulässt – auch der Zivilbevölkerung Einlass gewähren.

Radio L live aus dem Landesführungsraum
Peter Frick führt uns aus dem Schlafsaal heraus und hinein in einem Raum mit grossen, olivegrünen Tanks. Wie spät es ist oder wie viel Zeit ich mittlerweile in den Räumem mit den dicken Betonwänden verbracht habe, kann ich ohne Blick auf die Uhr nicht sagen. Es stellt sich heraus: Die grünen Tanks sind eigentlich Luftfilter. Hier wird die verschmutzte, im schlimmsten Fall verstrahlte Luft, gereinigt. «Geht der Strom aus, muss der Filter mit einer Handkurbel angetrieben werden», erklärt Peter Frick. 
Hinter den Filtern ist eine Luke in der Betonwand, kaum grösser als ein Fenster. «Hier müssen wir jetzt durch klettern – ich hoffe, du hast keine Platzangst», meint Dominic Oehri scherzend. Zum Scherzen ist mir eigentlich gerade nicht zu Mute. Ein Weg, gerade so breit wie meine Schultern, führt zur Notantenne und zum Notausgang. Gitter und eine lange Leiter  versperren mir den Blick bis ganz nach oben – es fühlt sich ein wenig an, wie auf der anderen Seite eines Schachtes. «Ein Panzerdeckel wird bei Bedarf mit Luftdruck nach oben geschossen, sodass der Weg nicht durch Getrümmer behindert wird. Dann wird die  rund 16 Meter lange Antenne hochgeschoben. Das ist elementar für die Kommunikation», sagt der Betriebsleiter.
Eine Antenne allein zur Kommunikation reicht aber nicht – funkfähige Geräte und sogar ein kleines Radio-Studio gewährleistet die Kommunikation nach aussen. Der Kommunikationsraum, ist umgeben  von einem «faradayschen Käfig» aus schwerem Eisen – so kann selbst der elektromagnetische Impuls einer Atombombe der Kommunikation nichts anhaben. Diverse Funkgeräte, PCs und Server gibt es im schmalen Raum. In einem weiteren Raum ist ein ganz rudimentäres Radio-Studio eingerichtet. Einzig eine Mischpult, zwei winzige Bildschirme und ein Mikrofon gibt es im knapp ein  Quadratmeter grossen Kämmerlein. «Radio L sendet einmal monatlich von hier aus, um die Funktion zu testen», erklärt Peter Frick. Gut möglich also, dass im Katastrophenfall die Stimme von Jürgen Kindle aus dem Radio ertönt. «Er ist ebenfalls Mitglied unserer Betriebsgruppe», ergänzt Dominic Oehri.

Am Staatsfeiertag als Polizeiwache genutzt
Als letztes führt Peter Frick uns in den Hotline-Raum. «Im Fall einer Katastrophe müssen die Leute immer eine Ansprechperson haben. Deshalb kümmern sich hier speziell ausgebildete Personen um die Anliegen der Bevölkerung», so Frick. Im Einsatz ist die Telefonzentrale auch beim Staatsfeiertag  – dem einzigen Anlass, wo der Landesführungsraum ausserhalb einer Übung hochgefahren wird. «Dann stehen hier zig Funkgeräte der Landespolizei», erklärt Dominic Oehri. Jegliche Vorfälle am Staatsfeiertag werden von der Polizei im Landesführungsraum behandelt. «So können die Notrufzentralen ausserhalb entlastet werden», erklärt Frick. Doch als Polizeiwache  fungiert der Landesführungsraum hingegen nicht – Zivilisten dürfen nicht hinein. Es lohnt sich also nicht, einen über den Durst zu trinken oder sich zu prügeln – nur um die Gemäuer einmal von innen zu sehen. Wer doch einmal einen Augenschein vom mysteriösen Landesführungsraum nehmen möchten, kann sich bei Peter Frick einfach für eine Führung anmelden. (rar)

12. Jul 2018 / 08:00
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