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    Gemeinsam musizieren wäre nach der UNO-Behindertenrechtskonvention nicht mehr möglich. Bild: R. Schachenhofer/Archiv

Integrieren anstatt wegsperren

Rund 200 Staaten haben weltweit die UNO-Behindertenrechtskonvention bereits unterschrieben. Liechtenstein gehört nicht dazu. Die Krux: Die Bestimmungen der Konvention sind teilweise kaum umsetzbar – und führen zu ethischen Diskussionen.
Vaduz. 

«Liebe deine Mitmenschen, wie dich selbst» – Worte, die man besonders in der Weihnachtszeit oft liest und hört. Doch stösst diese Nächstenliebe auch schnell an Grenzen. Zum Beispiel dann, wenn die Behinderung von Menschen die Gesellschaft vor Herausforderungen stellt. Rebecca Marxer-Näscher, Elke Booms, Mario Gnägi wie auch das gesamte Mitarbeiter-Team vom HPZ stellen sich dieser Herausforderung täglich. Sie wissen, wie schnell die Gesellschaft bei einer Konfrontation überfordert ist. Zum Beispiel bei Konfrontationen, für welche schon ein Birkahof-Bewohner in der Vergangenheit gesorgt hat: Wie sich andere Menschen die Hand geben, umarmt der geistig beeinträchtigte junge Mann Menschen. Fremde Menschen, am liebsten Frauen.  Diese fühlen sich oftmals bedrängt, reagieren verängstigt, wissen mit der Situation nichts anzufangen. Wie auch die Mütter, die sich beispielsweise beim Besuch mit ihren Kindern im Vogelparadies verunsichert fühlen, wenn ein Mann laut johlend vor den Vogelkäfigen steht. Dass er sich einfach so sehr über den Anblick dieser Tiere freut, wissen Fremde nicht – wegen seiner geistigen Beeinträchtigung kann der junge Mann sich nicht artikulieren.

Wegweisende Konsequenzen

Alltagssituationen wie die beschriebene machen es schwer, die angestrebte Integration von Menschen mit Behinderung auch wirklich zu leben. Dieses Defizit fällt vor allem dann ins Gewicht, wenn die UNO Behindertenrechtskonvention ins Spiel kommt. Rund 200 Staaten weltweit haben diese Konvention bereits unterschrieben, Liechtenstein bislang noch nicht. Die Konvention ist nicht unumstritten – ihre Kernbestimmung ist die vollständige Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung. Klingt vernünftig, allerdings zieht diese Forderung wegweisende Konsequenzen nach sich. Weil Gleichberechtigung eine Sonderstellung ausklammert, müssten Sonderschulen abgeschafft werden, wie auch beschützte Werkstätten oder Wohngruppen. Denn gemäss dieser Konvention hat jeder Mensch – mit oder ohne Behinderung – beispielsweise das Anrecht auf eine eigene Wohnung. Wie der hpz-Geschäftsführer Mario Gnägi sagt, werde dies in Schweden auch genauso gelebt. «Allerdings sind dort die Hälfte aller Küchen dieser Wohnungen mit Brettern zugenagelt, weil es dann doch zu gefährlich wäre», weiss Gnägi. Und auch die Vereinsamung werde zu einem grossen Thema – die Menschen fristen teilweise ihr Dasein in ihren vier Wänden. Alleine und völlig abgekapselt.

Gute Ansätze, die verstärkt werden müssen

Die Schweiz hat die UNO-Behindertenrechtskonvention vor drei Jahren unterschrieben. Im Herbst ist ein sogenannter «Schattenbericht» veröffentlicht worden, in dem festgehalten wird, was überhaupt umsetzbar ist, beziehungsweise was unmöglich ist zu realisieren. Auch das Südtirol hat sich mit dieser Konvention befasst und vor Jahren sämtliche Sonderschulen abgeschafft – «nun werden diese wieder aufgebaut», weiss Mario Gnägi. Der Grat zwischen uneingeschränkter Integration ist also sehr schmal und würde ein Umdenken in der Bevölkerung voraussetzen. «Es gibt bereits viele gute Ansätze, wie gerade die vielen Aktivitäten imn diesem hpz-Jubiläumsjahr bewiesen haben», sagt Mario Gnägi.

Diese vorhandenen Bemühungen müssten verstärkt und weitergeführt werden. «Und dies in einer Zeit, in der die Zivilcourage kaum mehr gelebt wird», sagt Elke Booms, Abteilungsleiterin im Birkahof und Intensivbetreuerin. Ausnahmen aber lassen hoffen und so erzählt Geschäftsleitungsmitglied Rebecca Marxer Näscher von einem Vorfall im Bus: Ein Mann mit geistiger Behinderung war mit seinem Betreuer unterwegs. Im Bus wird er von einem Jugendlichen ausgelacht. Als eine junge Frau dies bemerkt hatte, wendete sie sich an den Jugendlichen mit den Worten: «Du Trottel, hast es wohl notwendig, über andere zu lachen!» Dem Jugendlichen verging der Spott sehr schnell. «Solche schönen Begegnungen haben wir immer wieder», sagt Rebecca Marxer-Näscher. Die Akzeptanz von Menschen mit einer Beeinträchtigung sei im Wesentlichen hoch – «und trotzdem gibt es immer wieder sehr herausfordernde Situationen», sagt sie. Mit Elke Booms und Mario Gnägi ist sie sich einig: «Sich den Herausforderungen zu stellen, das ist der ethisch richtige Weg.» Das heisst: Therapeutische und pädagogische Massnahmen einzusetzen anstatt Betroffene medikamentös ruhig zu stellen. Und das heisst auch: Integrieren anstatt wegzusperren. Das Bestreben nach einer Gleichstellung ist für alle drei natürlich unbestritten – «allerdings dürfen die Rechte und Pflichten nicht über einen Kamm geschert und müssen individuell ausgestaltet werden», ist Elke Booms überzeugt.  Verschiedene Organisationen in Liechtenstein werden die Unterzeichnung der Konvention im nächsten Jahr aufs Tapet bringen. Inwiefern Liechtenstein diese umsetzen würde, ist offen. Ein gesellschaftliches Umdenken kann ohnehin nicht schaden. (bfs)

25. Dez 2017 / 08:00
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