• Hubschrauber-Landung, Balzers
    Pilot Paul Campiche und sein treuer roter Gefährte R66.  (Tatjana Schnalzger)

Ein Dienstflug und Abenteuer zugleich

Auf dem Balzner Heliport hat sich kürzlich ein Stück Fluggeschichte ereignet. Der Robinson R66, der dort aufsetzte und künftig von der Valair AG betrieben wird, ist der erste Helikopter, der fliegenderweise von den USA nach Liechtenstein ausgeliefert wurde.
Balzers. 

Einen Hubschrauber nach Übersee auszuliefern ist für die Robinson Helicopter Company wohl eine ihrer leichtesten Übungen. Das US-amerikanische Unternehmen produziert immerhin den weltweit am meisten verkauften Kleinhelikopter. Da gehört so was zum Standardrepertoire: Testen, demontieren, in zwei Kisten verpacken und ab die Post zum Kunden, der die Maschine dann vor Ort wieder zusammenbaut.

«Wisst ihr überhaupt, was ihr da vorhabt?»
Dann und wann weiten sich aber auch im kalifornischen Torrance, wo die Firma ihren Sitz hat, die Augen noch ungläubig. «Eigentlich wäre es Robinson viel lieber gewesen, wir sehen von unserem Plan ab», erinnert sich Hansruedi Amrhein, Gründer und Inhaber des Helikopterdienstleisters Valair mit einem Lächeln. «‹Wisst ihr überhaupt, was ihr da vorhabt?›, haben sie uns gefragt.» Natürlich wussten sie es: Etwas, was in der Geschichte der Schweizer und Liechtensteiner Luftfahrt nie zuvor gemacht worden war. Statt als Fracht sollte der georderte R66 den Weg zu seinem Bestimmungsort Balzers selbst zurücklegen. Ein Privatkunde hatte die Valair angefragt, ob die Möglichkeit bestehe, sich im Zuge des geplanten Helikopterkaufs den Wunsch nach einem grossen Abenteuer zu erfüllen und den Stein so überhaupt erst ins Rollen gebracht.

Einen Stein, den die Robinson Helicopter Company dann doch nicht stoppen mochte. Also machte sich Valair-Chefmechaniker Arthur Hofer nach erfolgreicher Überzeugungsarbeit auf nach Kalifornien und präparierte die Maschine – ausgerüstet unter anderem mit dem neuesten Flight Display von Garmin, einem Radar-Höhenmeter und einem Zusatztank, der die Flugzeit um gut eineinhalb Stunden verlängert – bereit für den grossen Überflug. Am 28. Juli folgte ihm Paul Campiche nach. Die zuvor in Bern ausgestellten Zulassungspapiere sicher im Handgepäck verstaut. Mit seiner Erfahrung war der Chef-Fluglehrer der Valair als geeigneter Mann für die Aufgabe auserkoren worden, den Helikopter sicher in seine neue Heimat zu pilotieren

Erst dicht besiedelt, dann menschenleer
Drei Wochen später. «Willkommen in Balzers», ruft der zum Cockpit geeilte Hansruedi Am­rhein und schüttelt Paul Campiche die Hand. Über den beiden Männern schicken sich die Ro­torblätter an, ihre letzten Runden zu drehen. Sie haben sich die Pause redlich verdient. Nach rund 11 300 Kilometern, bewältigt in einer reinen Flugzeit von knapp 67 Stunden.

25 Jahre sitzt Campiche nun schon am Steuerknüppel. Ein Erlebnis wie das gerade zu Ende gegangene war aber auch dem Schweiz-Kanadier bislang nicht vergönnt. «Es war eine wunderschöne Reise. Wir haben unglaublich viel gesehen», erzählt er etwas später im Büro der Valair. Man glaubt es ihm aufs Wort. USA – Kanada – Grönland – Island – Färöer Inseln – Schottland – Frankreich – Schweiz – Liechtenstein. Da kommt einiges an Impressionen zusammen. Vor allem der Kontrast zwischen dicht besiedelten Flächen und endlosen Weiten ohne jegliches Anzeichen von Zivilisation hat sich ihm eingeprägt. «Das war ungemein eindrücklich.»

Und doch hielt sich der Genuss beim 61-Jährigen letztlich in Grenzen. «Es waren eben keine Ferien. Es war Arbeit», betont er. «Der Druck war ständig da. Ein wenig unter Strom stand ich immer.» Während des Fliegens sowieso. Aber auch am Boden. Sobald ein Etappenziel erreicht war, richtete sich der Blick bereits auf den nächsten Tag. «In erster Linie natürlich wegen des Wetters. Das hat letztlich unseren Zeitplan vorgegeben.» Der Aufenthalt auf Island etwa war ursprünglich auf zwei Tage angelegt gewesen. Angesichts einer aufziehenden Schlechtwetterfront entschied sich Campiche letztlich aber für eine vorzeige Abreise. «Ansonsten wären wir womöglich eine Woche lang festgesessen.»

Bloss keine falsche Entscheidung treffen
Bis Goose Bay in der kanadischen Provinz Neufundland und Labrador, die Campiche und sein Passagier am elften Tag erreichten, war die Planung stets auch etwas spontan. Die ausreichend vorhandenen Dörfer, Städte und damit auch Tankmöglichkeiten im zu überfliegenden Gebiet boten den beiden gewisse Freiheiten bei der Festlegung der Tagesabschnitte. Danach, erzählt der Pilot, habe sich das mit einem Schlag erledigt. Über menschenleeren Einöden oder dem weiten Meer geben die wenigen Siedlungen respektive Inseln die Route vor. «Bis Schottland hatten wir gar keine Wahlmöglichkeiten mehr.»

Die fehlenden Optionen erhöhten auch den Druck auf den Piloten nochmals. «Wenn du dich beispielsweise entscheidest, die gut 500 Kilometer über die Eiskappe auf Grönland zurückzulegen, muss das Wetter auch halten», erklärt Campiche. Steige das Radar-Altimeter aus irgendeinem Grund aus, sei eine gute Sicht essenziell. «Andernfalls hast du ein Problem. Dann fehlen dir die Referenzen. Du weisst nicht, wo du bist. Alles, was du siehst, ist unendliches Weiss.» Ähnliches gilt für längere Meerüberquerungen. Benzin für maximal 4,5 Stunden bedeutet, dass irgendwann der «Point of no return» erreicht ist. Kommt es danach zum Wetterumschwung, kann es ungemütlich werden.

Von derlei Problemen blieb der Robinson R66 auf seiner langen Reise nach Balzers glücklicherweise verschont. «Wir haben immer die richtigen Entscheidungen getroffen», sagt Paul Campiche. Seine Erfahrung habe ihm dabei mit Sicherheit sehr geholfen. Nun ist er wieder um eine reicher. Und was für eine! (bo)

Fotostrecke: Hubschrauber aus Amerika erreicht Balzers
Hubschrauber-Landung in Balzers
Hubschrauber-Landung in Balzers
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Hubschrauber-Landung in Balzers
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29. Aug 2018 / 14:21
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