• Betreuung und Pflege, Balzers
    Gernot Jochum-Müller fand mit dem Zeitpolstermodell einen anderen Zugang zur Freiwilligenarbeit. Damit wird die «was bekomme ich dafür?»-Mentalität angesprochen.  (Tatjana Schnalzger)

Zeitvorsorge: Alternatives Denken ist angezeigt

Die Betreuung und Pflege, wertvoll und nahe am Menschen, war gestern Abend Thema des Referats vom Gründer des «Zeitgutschriftenmodells» Gernot Jochum-Müller. Er stellte zwei Konzepte vor, die einen anderen Ansatzpunkt als die Kosten haben.
Demografischer Wandel. 

Der demografische Wandel ist allgegenwärtig: Die Babyboomer treten bald ihre wohlverdiente Pension an und benötigen je länger je mehr Hilfe in der Betreuung und Pflege. Doch es gibt zu wenig junge Leute, die folgen und die älteren unterstützen können. So weit, so bekannt. Gernot Jochum-Müller, Experte für neue Zahlungssysteme und Sozialunternehmer, versucht, diesem Gesellschaftswandel mit alternativen Methoden entgegenzuwirken.  Denn so fasste es Lebenshilfe Balzers Geschäftsführer Heinz Schaffer zu Beginn des Referats von Jochum-Müller im Haus Gutenberg zusammen: «Steigende Kosten entsprechen häufig nicht dem gewünschten Effekt». So seien die zwei Projekte, die Jochum-Müller  präsentiere, Projekte, die die Lebensqualität aller Beteiligten erhöhe. Jochum-Müller ist der  Gründer des «Zeitgutschriftenmodells». Über das Modell wurde erst vergangene Woche aufgrund eines Postulats im Landtag diskutiert und es wurde schliesslich an die Regierung überwiesen.

Weitreichende Probleme und Folgen
«Wir müssen heute darüber nachdenken, wie wir morgen alt werden können», erklärte Jochum-Müller. Das Problem bei der Betreuung und Pflege heutzutage ist unter anderem die steigende Nachfrage an Betreuungsleistungen, der Personalmangel und auch die neue Rolle der Frauen, die die Chance haben, erwerbstätig zu sein. «Denn sie fehlen widerum in anderen ‹Beziehungen›, wie der Familie», erklärt Jochum-Müller. Die Folgen sind weitreichend: So steigen die Preise für Betreuungsleistungen und Freiwillige sind immer schwieriger zu finden. Aufjeden Fall gebe es in jenen Bereichen weniger Ehrenamtliche, wo sie dringend benötigt würden. Denn heute, so sagt Jochum-Müller, denken die Leute immer an das «was bekomme ich dafür?». Und an das «was bekomme ich dafür?» knüpft sein Zeitgutschriftenmodell, Zeitpolster genannt, an. Im Grundsatz unterscheidet es sich nicht von jenem aus St. Gallen, welches auch von Jochum-Müller entwickelt wurde. Es wird in irgendeiner Form eine Zeitgutschrift auf das Konto des Freiwilligen fliessen. Die Idee dazu kam dem Österreicher während seiner Tätigkeit in dem Verein «Talente Vorarlberg». «Jetzt stellte sich das Problem, was mit den älter gewordenen Mitgliedern passiert, die nichts mehr zurückgeben können und somit trotz jahrelanger Mitwirkung einfach gehen mussten und nichts zurückerhalten», führt der Experte aus. Er stellte sich die Frage, wie auch diese Personen im System behalten werden können. Jochum-Müller stiess auf das Zeitgutschriftenmodell.

In Anfangsphase wird in Solidarfond eingezahlt
Mit dem Projekt Zeitpolster oder eben in der Stadt St. Gallen Zeitvorsorgemodell genannt werden neue Rahmenbedingungen für Freiwillige geschaffen. Das System verbindet «Zeit geben» mit «gleich viel Zeit zu einem späteren Zeitpunkt zurückerhalten». Für Jochum-Müller ist klar, dass es eine hochprofessionelle Organisation im Hintergrund benötigt. In der Anfangsphase des Zeitpolstermodells bezahlt der Hilfesuchende für die Leistung des Freiwilligen acht Euro pro Stunde in einen Solidarfond. «Mit diesem Fonds geben wir den Freiwilligen eine Minimalabsicherung, denn sie wissen nicht, wie viel ihre Arbeit in ein paar Jahren wert ist», erklärt er. Der Freiwillige erhält die Stunden gutgeschrieben. Nach einiger Zeit bezahlt dann der Hilfesuchende die Arbeit mit seiner angesparten Zeit. Das Modell könne überall eingeführt werden, es benötige einfache eine Gruppe von drei bis vier Mitgliedern. Sie werden von der Organisation Zeitpolster unterstützt. Rückendeckung aus der Gemeinde benötige es nicht unbedingt, aber es wäre gewünscht, denn dadurch könne das Projekt schneller ins Laufen gebracht werden. So hätte eine Gemeinde in Tirol versprochen, dass sie den angesparten Betrag im Solidarfond verdoppeln würde, falls dieser benötigt wird. Das System kann auch für Kinderbetreuung angewendet werden, es muss nicht zwangsläufig an Betreuungen für Menschen in betagtem Alter gerichtet sein. Auch wird mit dem Zeitpolstersystem keine Pflege angeboten, sondern Leistungen, wie mit dem Hilfesuchenden einkaufen zu gehen.

Ambulante Pflege neuorganisiert
Das zweite Projekt, über welches der Österreicher referierte, nennt sich «Buurtzog». Eine niederländische Organisation für ambulante Pflege. Sie besteht aus kleinen Teams, die sich selbst organisieren und entscheiden können. In diesem Unternehmen gibt es keine Finanzchefs, die den Mitarbeitern vorgeben, wie viel sie ausgeben dürfen. «Die Teams erhalten ein Budget, nach dem sie eigenständig wirtschaften müssen und dürfen», erklärt er. Ein Team besteht aus höchstens 12 in der Pflege geschulten Mitarbeitern. Sie wechseln immer wieder ihre Stellungen innerhalb des Teams. Das seit 2007 bestehende «Buurtzog»-System weist verglichen mit anderen Organisationen weniger Kosten auf. Der Krankenstand des Personals ist bei vier statt bei sieben Prozent,  und auch die Kundenzufriedenheit ist deutlich höher. «Vertrauen statt Hierarchie ist das Grundprinzip des Modells und es trifft offensichtlich an. Ich wundere mich, weshalb wir noch nicht von solchen Firmen gelernt haben», so Jochum-Müller. (qus)

12. Sep 2018 / 05:00
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