• Portrait
    Bei Margrit Meiers Arbeit stehen die Kinder im Mittelpunkt.  (Daniel Schwendener)

Kindererziehung: kein Richtig oder Falsch

Für Margrit Meier sind Kinder eigenständige Menschen, die sich frei entfalten und entwicklen sollten. Im Verein Spielraum-Lebensraum betreut die «Pikler»-Pädagogin nicht nur die Kleinen, sondern berät auch deren Eltern in Erziehungsfragen.
Vaduz. 

Margrit Meier steht draussen im Garten. Heute spielt sie mit drei KiTa-Kindern im Schnee. Eingepackt in ihre Skihosen und dicken Winterjacken arbeiten Timea (4), Emilio und Valentin (3) gerade eifrig an einem Schneemann. Einer ist schon fertig.  Mit zwei Steinen als Augen und vielen Ästen als Haare auf dem Kopf. Die kleine Timea wirft einen Schneeball. Sie trifft Emilio am Kopf. Er weint. «Timea, wirft den Schnee auf den Baum oder auf die Hütte. Schau, der Emilio mag keinen Schnee auf dem Kopf», weist Margrit Meier das Mädchen mit ruhiger Stimme zurecht. Als der nächste Schneeball auf dem Baum haften bleibt, lacht Emilio wieder. 

Vormittags kümmert sich die  54-Jährige um die Kinder in der Tagesstätte. Am Nachmittag betreut sie die Eltern-Kind-Gruppe. «Kinder waren für mich schon immer wichtig», erzählt sie. Daher war für sie sehr früh klar, dass sie einen entsprechenden Beruf erlernen möchte. Als Kinder- und Säuglingspflegerin arbeitete sie in ihrem Traumberuf. Insgesamt fünf Jahre war sie nach ihrer Ausbildung im Spital auf der Säuglingsstation tätig. Danach leitete sie zwei Jahre eine Gruppe im Schulheim, bis sie selbst zum ersten Mal Mutter wurde. Für Margrit Meier war damals klar, dass sie zu Hause bleibt und ganz für ihre Kinder da ist. Als ihre Sprösslinge – ein Mädchen und zwei Jungen – etwas älter waren, kümmerte sie sich auch noch um ein paar Tageskinder.

Während die blonde Frau mit Emilio und Timea nach geeigneten Steinen für die Augen und die Nase des Schneemanns sucht, erzählt der kleine Valentin aufgeregt von dem Schneepflug, den er am Vortag gesehen hat: «Der hatte eine Schaufel, die war ganz schief. Damit konnte er keinen Schnee mehr wegschieben.» 

Kinder als eigenständige Menschen wahrnehmen

Margrit Meier ist eine Pikler-Pädagogin. «Emmi Pikler war eine ungarische Kinderärztin», erklärt sie. «Bei ihrer Arbeit hat sie festgestellt, dass es wichtig ist, dass sich Kinder frei und in ihrem eigenen Tempo entwickeln können.» Ein pädagogischer Ansatz, der bei der 54-Jährigen auf offene Ohren stiess. «Ich habe vor etwa zwölf Jahren das erste Mal von Emmi Pikler gehört. Ich habe sofort gespürt: Das ist das, was ich schon lange in mir habe. Das hat mich nicht mehr losgelassen.» 

Zu der Zeit waren die Erkenntnisse der Kinderärztin jedoch noch kaum bekannt. Es gab hauptsächlich in Österreich und Deutschland Seminare, die die Grabserin immer wieder besuchte. Als sie erfuhr, dass es eine Ausbildung zur Pikler-Pädagogin gibt, diese aber nur in Wien beziehungsweise Berlin angeboten wurde, war sie enttäuscht. «Wenn es nicht so weit weg gewesen wäre, hätte ich die Ausbildung sofort gemacht. Das hat mich so interessiert.» Glücklicherweise dauerte es nicht lange, bis die Dozentin auch in Zürich die Kurse anbot. Im Januar 2009 begann Margrit Meier endlich ihre Ausbildung. Fünf Jahre später machte sie ihren Abschluss. «Das ist das Tolle an dieser Ausbildung. Die kann jeder in seinem Tempo machen – ganz nach der Pikler-Philosophie», erzählt sie.

«Ich kann meine Jacke ganz allein ausziehen», sagt der kleine Valentin stolz und öffnet den Reissverschluss seines roten Anoraks. Unbeholfen wurstelt sich der Dreijährige aus den Ärmeln raus. Helfen lässt er sich nicht. Nur bei den Stiefelchen und der grünen Skihose braucht er etwas Hilfe. «Musst du noch auf das WC?», fragt sie. «Nein», antwortet er und saust in seiner Strumpfhose davon ins Spielzimmer, klettert auf die Rutsche und gleitet bäuchlings wieder hinunter. Timea arbeitet sich in der Zwischenzeit auf der Sprossenwand nach oben. «Einmal bin ich von ganz oben runter gesprungen», erzählt sie. Heute lässt sie sich aber von einigen Sprossen tiefer fallen und landet auf dem Po. Emilio steht etwas abseits und schaut dem Treiben zu. Er hat Hunger.

Nach den Überzeugungen von Emmi Pikler, werden Kinder als eigenständige und vollwertige Menschen wahrgenommen. Es gehe darum, die Kinder eigenständig machen zu lassen und nicht stets zu führen.«Das darf man nicht falsch verstehen», klärt die blonde Pädagogin auf. «Das heisst nicht, dass die Kinder antiautoritär erzogen werden und tun dürfen, was sie wollen.» Vielmehr gehe es darum, den Kindern den Raum und die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie benötigen. «Die Kinder kennen ihre Grenzen sehr genau. Sie wissen, was sie brauchen und sollen ihre eigenen Erfahrungen und Entdeckungen machen können. Dann lernen sie am meisten.»

Auf Bedürfnisse achten

Während der kleine Emilio die Tische zurechtrückt, stellt Margrit Meier ein Tablett auf den Tisch. Verschiedene Cracker, Mandarinen und Äpfel gibt es zum Znüni. Emilio nimmt sich einen von den grossen Keksen und schenkt sich selbst ein Glas Wasser ein. «Möchtest du noch einen Apfel?», fragt die 54-Jährige. Der Junge nickt. Eine Mandarine möchte er auch. Die Pädagogin schneidet den Apfel in Stücke und schält die Mandarine. Auch Timea kommt in die Speiseecke, nimmt sich selbst je einen kleinen und einen grossen Cracker und setzt sich an den Tisch. Währenddessen versorgt Valentin noch seine LKWs in der Garage. Dann gesellt er sich ebenfalls zur Gruppe. Hunger hat er jedoch keinen. Er hat heute reichlich gefrühstückt. Ein Stück Apfel nimmt er sich trotzdem.

Margrit Meier ist als eines von vier Kindern auf einem Bauernhof aufgewachsen. Ihre Mutter hatte nicht viel Zeit für ihre Kinder. «Meine Mutter hat sich die Zeit aber während der Pflege , wie Anziehen, Essen geben usw. genommen. Dies ist auch bei der Piklerpädagogik ganz wichtig. Ungeteilte Aufmerksamkeit während den Pflegehandlungen. Das Kind ist danach emotional genährt und ist im Stande sich alleine zu beschäftigen und Entdeckungen und Erfahrungen zu machen», weiss sie. «Die Eltern haben das Gefühl, sie müssten ständig etwas mit dem Kind machen, sonst seien sie keine guten Eltern. Das ist nicht so.» Viel wichtiger sei es, die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen. Genauso wichtig, betont sie, sei es aber auch, die eigenen Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen. «Wenn es mich als Mutter glücklich macht, wieder zu arbeiten, dann sollte ich das auch tun. Denn wenn es mir gut geht, wenn ich zufriedener bin, dann kann ich dem Kind auch eine bessere Mutter sein», erklärt die Pädagogin. 

Auf die innere Stimme hören

Die Kinder sind fertig mit dem Essen. Margrit Meier reicht ihnen ein feuchtes Handtuch. Schnell wischen sie sich den Mund ab und säubern ihre Hände. Valentin steuert erneut auf die Rutsche zu. Timea und Emilio beginnen damit ein Eisenbahnnetz zu bauen. Allerdings muss vorher noch geklärt werden, an welcher Stelle die Brücke für die Fussgänger plaziert wird. «Das war lustig», hört man den kleinen Valentin im Hintergrund rufen und lachen. «Auf der Leiter kann man auch liegen.»

Margrit Meiers Aufgabe ist es nicht nur, die Kinder zu beobachten und in ihrer Entwicklung zu begleiten. Die Pikler-Pädagogin betreut – wie erwähnt – nachmittags die Eltern-Kind-Gruppe. Dann gibt sie ihr Wissen an die Erziehungsberechtigten weiter. «Die Art, wie man mit Menschen umgeht, ist das, was ich an meiner Arbeit so wichtig und schön finde», erklärt Margrit Meier Allerdings belehre sie die Erwachsenen nicht. Mit Ratschlägen hält sie sich bewusst zurück. «Das hatte ich als Mutter auch nicht gern», sagt sie. «So wie du deine Kinder erziehst, werden sie dir mal auf der Nase herumtanzen», das ist ein Satz, den sie sich früher oft anhören musste. Denn die Pädagogin hält nichts von Strafen. «Was bringt mir das? Das braucht es nicht. Kinder lernen Eigenverantwortung zu übernehmen.» Ihre Kinder hat Margrit Meier ganz intuitiv erzogen. Damals hatte  sie von Emmi Pikler noch nichts gehört. «Während meiner Ausbildung oder den Seminaren gab es schon manchmal Momente, in denen ich dachte: ‹Hätte ich das doch damals schon gewusst›», erzählt sie. Trotzdem könnte sie heute nicht sagen, was sie hätte anders machen sollen. «In der Kindererziehung gibt es kein Richtig oder Falsch», sagt sie. «Was das Richtige für das Kind und die Familie ist, muss jeder individuell für sich entscheiden. Da mische ich mich auch nicht ein. Das ist nicht meine Aufgabe.» (sms)

24. Jan 2016 / 13:28
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