• Interview Fürst Hans Adam, Vaduz
    Fürst Hans-Adam II. feiert seinen 73. Geburtstag.  (Tatjana Schnalzger)

«Das Pensionsalter muss erhöht werden»

Wenn es nach Staatsoberhaupt Fürst Hans-Adam II. ginge, wäre man in seinem Alter noch erwerbstätig. Zu seinem 73. Geburstag haben wir mit ihm über das Älterwerden, die Alterspolitik und die Digitalisierung gesprochen.
Vaduz. 

Durchlaucht, herzlichen Glückwünsch zum 73. Geburtstag. Welche Gedanken gehen Ihnen bei dieser Zahl durch den Kopf?

Fürst Hans-Adam II.:Wenn ich zurückblicke, kann ich sagen, dass ich – bis jetzt – ein schönes Leben führen durfte. Ich konnte auch die meisten Aufgaben erfüllen, die mir wichtig waren. Ich musste nach dem Studium das fürstliche Vermögen reorganisieren und neu aufbauen. Dann kam die Aussenpolitik, das neue Hausgesetz, die Innenpolitik und zum Schluss die Verfassungsfrage. Danach konnte ich alle diese Aufgaben meinen drei Söhnen übergeben. Derzeit habe ich noch ein paar Projekte, die ich verfolge, und stehe da und dort noch beratend zur Verfügung.

Viele Menschen hadern mit dem Alter. Welche Vorteile hat für Sie das Alter?

Man hat viel Erfahrung gesammelt, viele interessante Leute kennengelernt und politische Entwicklungen aus der Nähe mitverfolgen können. Mit 18 Jahren wurde ich ins Weisse Haus eingeladen und habe Präsident Kennedy getroffen. Die Politik hat mich schon als Kind interessiert. Das hängt natürlich auch damit zusammen, wie ich aufgewachsen bin. Meine Grossmutter war eine Schwester von Erzherzog Franz Ferdinand und der Taufpate meines Vaters war Kaiser Franz Josef. Da hat man diskutiert, wie man dieses Kaiserreich hätte reformieren müssen und was da alles falsch gelaufen ist. Warum ist es zum Ersten und zum Zweiten Weltkrieg gekommen? Wie geht es weiter in der Zukunft? usw.

Und Sie gehören zu einer Generation, bei der es nur aufwärtsgegangen ist.

Ja, aber bis zum Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums drohte die Gefahr eines Dritten Weltkrieges. Das Vermögen unserer Familie war zudem konkursreif. Die Bank hätte man schliessen müssen, die war überschuldet. Ich habe dort gelernt, was «off balance sheet» heisst (Art der Finanzierung, die keine Auswirkungen auf die Struktur der Bilanz hat; Anm.) Ein Problem, welches sehr viel später viel grössere Banken und Staaten betroffen hat.

Und was ärgert Sie am Altwerden?

Da gibt es eigentlich nichts. Gesundheitlich geht es mir sehr gut. Ich freue mich, dass ich als Grossvater noch die Enkelgeneration miterleben kann. Ich habe sogar die Hoffnung, dass ich vielleicht noch Urenkel erleben kann, so wie dies mein Grossvater Wilczek mit unseren Kindern konnte.

Interview Fürst Hans Adam, Vaduz

Patrik Schädler im Gespräch mit Fürst Hans-Adam II.

Das passt sehr gut zu Ihrer Generation. Heute hört man oft, dass 70 das neue 50 ist. Oder kürzlich hörte ich die Aussage: «Früher ging man mit siebzig am Stock, heute geht man klettern.» Auch bei Ihnen hat man das Gefühl, dass Sie eher im «Unruhestand» sind.

Ja, das ist so. Als ich die Geschäfte meinen Söhnen übergeben konnte, hatte ich die Zeit, ein Buch zu schreiben, Diskussionen zu führen und Vorträge zu halten. Daneben habe ich noch ein paar andere Projekte, die mich sehr interessieren.

Wenn wir sehen, wie fit – körperlich und geistig – Menschen in Ihrem Alter heute sind, müssen wir dann als Gesellschaft in Bezug auf das Alter nicht umdenken?

Das Pensionsalter 65 wurde erstmals, soweit ich weiss, unter Bismarck im zweiten Deutschen Reich eingeführt. Damals entsprach dies der durchschnittlichen Lebenserwartung. Heute liegt diese je nach Staat zwischen 70 und 80. Tendenz eher gegen 80, in gewissen Staaten liegt sie schon darüber. Deshalb bin ich der Meinung, dass man das Pensionsalter auf 70 oder noch höher setzen könnte. Bisher hat man eher das Gegenteil gemacht und es von 65 auf 63 Jahre reduziert. Das können wir uns finanziell auf Dauer nicht leisten.

Ist dies überhaupt realistisch? Wir sind zwar länger fit, auf der anderen Seite haben wir eine rasante technische Entwicklung, in der schon jüngere Menschen an ihre Grenzen stossen. Zudem wird die Digitalisierung die Arbeitsprozesse enorm verändern und man kann nicht auf Erfahrungen zurückgreifen.

Die Zeiten sind einfach vorbei, als man mit einem erlernten Beruf durch das ganze Arbeitsleben kam. Ich musste ja selbst immer wieder umlernen und neu lernen – auch in unseren Betrieben. Es ist ein ständiges Lernen. Wir müssen unsere Mitarbeiter immer wieder in Weiterbildungskurse schicken und Betriebe jeweils umorganisieren. Das ständige Lernen ist somit für alle sehr entscheidend, und das hält ältere Menschen sowohl geistig wie körperlich fit.

Sind wir als Gesellschaft aber schon so weit?

Die Gesellschaft passt sich immer an. Wir waren einst Jäger und Sammler, dann kam die Agrarrevolution und da mussten sich die Menschen anpassen – auch körperlich. Der Übergang in das Industriezeitalter erforderte ebenfalls eine Anpassung. Dann ging es von den Fabriken in den Dienstleistungssektor, der hat sich seither auch ständig verändert. Seitdem wir in Afrika von den Bäumen heruntergestiegen sind, mussten wir uns ständig einem neuen Umfeld anpassen. Deshalb ist das Menschengeschlecht so viel erfolgreicher als die verschiedenen Affengeschlechter, die uns genetisch am nächsten stehen, aber immer noch im Urwald auf den Bäumen sitzen.

Für Sie ist also die Digitalisierung eine Evolution und keine Revolution?

Es ist ein Evolutionsprozess. Wir haben uns angepasst und damit neue Lebensräume erschlossen. Die Menschheit hat sich immer dadurch ausgezeichnet, dass sie sehr anpassungsfähig war.

Sie sehen also nicht, dass es in der Arbeitswelt viele Opfer durch die Digitalisierung gibt?

Wenn ich mir anschaue, wie offen die Jugendlichen – ja schon die Kinder – heute mit diesen neuen Möglichkeiten umgehen, mache ich mir keine grossen Sorgen.

Mit dem Alter steigt die Gefahr, auf Pflege angewiesen zu sein. Ihr Sohn hat in der Thronrede die Diskussion über die Finanzierung der Alterspflege neu angestossen.  Die Rede ist von einer neuen Spar- oder Versicherungspflicht. Heute stellen aber für viele schon die Krankenkassenprämien ein finanzielles Problem dar. Sehen Sie hier nicht die Gefahr, dass der Bogen überspannt wird?

Die Finanzierung der Alterspflege könnten wir mit einem Federstrich lösen, wenn wir das Pensionsalter auf 70 oder 75 erhöhen. Dann hätten wir auch genug Mittel für die Finanzierung der Alterspflege.

Finanziell wäre damit das Problem gelöst. Für die nachfolgende Generation hat aber die Arbeit in ihrer Lebensplanung nicht mehr den gleichen Stellenwert.  Man will neben der Arbeit ja auch noch etwas vom Leben haben.

Wenn wir das Pensionsalter auf 75 erhöhen, dann kann man auch einfacher die Wochenarbeitszeit von 42 auf 40 Stunden reduzieren. Es gibt viele Staaten, welche längere Ferienzeiten haben als wir. Auch dies wäre eine Ausgleichsmöglichkeit.

Welche weiteren Handlungsfelder sehen Sie im Bereich der Alterspolitik?

Hier sehe ich wirklich nur die Erhöhung des Pensionsalters und ständige Weiterbildung. Ansonsten sind wir in Liechtenstein sehr gut aufgestellt.

Zum Schluss: Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?

Ich wünsche mir, dass es für uns in Liechtenstein, aber auch in Europa sowie im Rest der Welt weiterhin positiv weitergeht. Nach zwei Weltkriegen konnte ein dritter Weltkrieg vermieden werden, und der allgemeine Wohlstand hat weltweit zugenommen.Etwas Sorge bereitet mir noch die islamische Welt. Sie hat es bisher nicht geschafft, sich der modernen Welt anzupassen – weder politisch noch wirtschaftlich. Der Reichtum dort beruht, soweit vorhanden, weitgehend auf dem Abbau von Bodenschätzen, und das ist nicht nachhaltig. Ich habe versucht zu analysieren, weshalb die moderne Welt auf der Grundlage des Christentums entstanden ist und nicht auf der Grundlage des Islams, obwohl die islamische Welt im frühen Mittelalter der christlichen Welt in fast allen Bereichen überlegen war. Dafür gibt es sicher mehrere Gründe, aber ein Grund liegt sicher in der Religion. Ich habe mir die Zeit genommen, sowohl den Koran zu lesen wie auch das Alte und Neue Testament. Das Christentum kennt eine klare Trennung von Staat und Kirche. Christus hat gesagt: «Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gebührt und Gott, was Gott gebührt.» Christus wurde sogar vom Staat hingerichtet und die Christen lange Zeit verfolgt. Das Gegengewicht zu den Monarchen waren dann die Päpste und die Bischöfe. Zwar hat man sich nicht immer an diese Trennung gehalten, sie hat aber doch die christliche Welt geprägt. Das hat mehr Freiräume geschaffen, sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Der Koran ist dagegen sehr viel mehr eine Staats- und Wirtschaftslehre, wie z. B. mit dem Zinsverbot. Für die damalige Zeit sehr fortschrittlich, was auch den Anfangserfolg erklärt, aber das hat andererseits die weitere Entwicklung von Staat und Wirtschaft im Vergleich zur christlichen Welt eher behindert als gefördert.

Interview: Patrik Schädler

 

14. Feb 2018 / 10:14
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1 KOMMENTAR
70-75 Arbeiten,dann braucht man keine Alterspflege mehr
Die Idee ist voll super, kommt nur nicht von einer Person die aufn Bau schafft, da schafft man locker 70-75 Jahre.Das ist wohl wieder eine Idee für den Joke des Jahres.Wenn man nichts körperlich arbeiten muss, oder nicht braucht kann man leicht darüber reden, aber bitte mal zeigen wie das geht, und dann ist das Ziel gleich direkt von der Firma auf Friedhof, denn das spart die ganze Pension.Wünsche trotzdem alles gute zum Geburtstag.
lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet 14.02.2018 Antworten Melden

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