• 20180903 Probenbesuch Eigenproduktion Altes Kino Mels
    Bereitwillig stellt sich die demente Grossmutter (Romy Forlin) den Fragen ihrer Enkelin.  (Nils Vollmar)

«Selbst wenn das alles erfunden wäre»

Traditionsgemäss startet das Alte Kino Mels mit einer Eigenproduktion in die Saison. Dieses Jahr ist es «Die Kunst des Interviews», eine tragische Komödie über eine demente Grossmutter. Gestern war Generalprobe, heute um 20.15 Uhr steigt die Premiere.
Mels. 

Zu einer lieblichen Musik – wie aus einer nostalgischen Seifenoper – flimmern auf der Leinwand am hinteren Bühnenrand alte Erinnerungen in Schwarz-Weiss vorbei; zu sehen sind Fotos von früher wie auch Menschen, die in Fotoalben blättern. Dazu erklingt der Refrain von «Als ich fortging» aus dem Jahr 1989.

«Wichtig ist, mit wem man sich einen Film anschaut»
Schnell ist die Idylle vorbei, als eine junge Frau (Chiara Meier) auf die Bühne stürmt und lautstark nach ihrer Mutter Paula (Lilian Meier) ruft. Voller Vorfreude auf ihr erstes richtiges Interview durchkreuzt Tochter Cecilia die Pläne der Mutter, die mit ihrem Ex-Mann verabredet ist. «Warum interviewst du nicht Oma?», schlägt Paula notgedrungen vor, denn jemand sollte ja «auf Oma aufpassen». Während Cecilia ihre Vorbehalte durchspielt, wen denn ein Interview mit einer demenzkranken Frau interessieren könnte, kommt Oma Rosa (Romy Forlin) ins Wohnzimmer und stellt sich etwas hilflos an die Wand. 
«Oma, möchtest du dich vielleicht setzen?», fragt Cecilia voller Hintergedanken. «Gerne», entgegnet die Grossmutter. «Was machst du da?», fragt sie verwundert, als Cecilia die Kamera aufstellt. «Ein Interview.» Erfreut über das Angebot verschwindet Rosa in ihr Zimmer und kommt nach wenigen Minuten mit rot geschminkten Lippen zurück. «Gut, dann fang an», fordert Rosa ihre Enkelin auf und wartet ungeduldig auf den Beginn des Interviews. Gefragt nach ihrem Lieblings­film, zählt Rosa ihre Favoriten auf: 
«Alle sind von Dick und Doof, wie zum Beispiel ‹Vom Winde verweht›», und fügt hinzu: «Wichtig ist, mit wem man sich ein Film anschaut.» Ausgehend von dieser Einstiegsfrage kommt Rosa auf die Geschichte ihrer heimlichen Liebe Adrian, mit dem sie (scheinbar) fünf Monate untergetaucht ist, während ihre Kinder dachten, sie wäre schwer verletzt im Spital. 

Während Cecilia ihre Grossmutter immer weiter ausfragt, kommt die Physiotherapeutin (Andrea Schlegel) dazwischen. Auch sie will ein paar Dinge von Rosa wissen. «Ist das ein Interview?», fragt sie verdutzt und trägt ihre Angaben inklusive Altersangabe von 45 Jahren in das Büchlein ein. Innert weniger Minuten ändert sich Rosas Gemütszustand von ruhig bis aggressiv und wieder zurück. «Sie müssen sich in Acht nehmen! Manchmal vergesse ich, wer vor mir steht», warnt sie ihre Therapeutin mit mahnendem Finger, um wenig später wieder höflich zu bitten: «Können Sie mir ein paar Fragen stellen?» So werden im Stück alle Interviewten auch zu Interviewern und umgekehrt. Dabei kommen allerlei Ungereimtheiten zutage und die gemeinsame Familienerzählung zerfällt immer mehr. Der Zuschauer wie auch die Darsteller fragen sich unweigerlich, was wahr ist und was nicht. Und am Ende weiss keiner mehr, was er vom anderen halten soll. Doch Cecilia relativiert die Brisanz der Geschichte mit den Worten: «Selbst wenn das alles erfunden wäre …» 
Ernstes Thema mit Humor aufgegriffen 
In der Melser Interpretation der tragikomischen Geschichte des spanischen Autors Joan Mayorga brilliert allen voran Romy Forlin als demenzkranke Grossmutter, die zahlreiche Aspekte der Krankheit glaubwürdig darstellt und damit – trotz der Tragik – für manche Lacher sorgt. 
Beispielsweise kommt es äusserst unterhaltsam herüber, der Grossmutter zuzusehen, wie sie krampfhaft überlegt, was sie zu Mittag gegessen hat und sich gleichzeitig über jemanden auslässt: «Wie sie wieder aussieht.» Ebenfalls humorvoll thematisiert wird ihre Selbstwahrnehmung, wenn sie einerseits ihr Alter mit 45 angibt, wenig später aber in scheinbar klaren Gedanken feststellt, dass sie kein Alzheimer habe, als sie das Formular «Physiotherapeutische Übungen bei Alzheimer» sieht. Das Älterwerden wie auch die damit einhergehende Vereinsamung werden ebenso aufgegriffen wie stillgeschwiegene Familiengeheimnisse und damit einhergehende Konflikte. Die vier Darstellerinnen – in Eigenregie durch Romy Forlin und Lilian Meier umgesetzt mit Unterstützung durch Volker Ranisch – schaffen es mit ihrem einfühlsamen Spiel als quirlige Enkelin, kaltherzige Mutter, verständnisvolle Therapeutin und als ungeduldige Grossmutter, das hochaktuelle Thema Demenz mit Humor aufzugreifen, ohne es ins Lächerliche zu ziehen. (mk)

Weitere Aufführungen: 7./8., 14./15., 21./22.9 im Alten Kino Mels. Vorverkauf www.alteskino.ch

07. Sep 2018 / 15:11
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