• Cyndie Allemann
    Cyndie Allemann  (pd)

«Frauen müssen sich mehr beweisen als Männer»

Sie ist schön, sie ist prominent und sie wirbelt die Rennszene auf. Cyndie Allemann, die sympathische Westschweizerin, fährt mit ihrer kalkuliert-aggressiven Art ihren männlichen Kollegen um die Ohren. In ihrer bereits 22 Jahre dauernden Karriere als Rennfahrerin hat sie fast alle grossen Kart- und Auto- rennen dieser Welt bestritten – vom 24-Stunden-Rennen in Le Mans bis hin zum Super GT in Japan. Mit «autowinter» sprach die 29-Jährige Über ihr schnellstes Rennen, ihr Leben als Frau in einer Mannerdomäne und ihre Erfahrungen als TV-Moderatorin.
Vaduz. 

Cyndie, was war dein schnellstes Rennen, das du je gefahren bist?
Cyndie Allemann: Das war das Indy-Lights-Rennen in Indianapolis. Ich gab Vollgas und fuhr im Durchschnitt fast 300 km/h. Das war unglaublich schnell.

Und wie ist das Gefühl, mit dieser Geschwindigkeit um die Kurven zu driften?
Es ist ein eigenartiges Gefühl. Man muss sich erst an die Geschwindigkeit gewöhnen – vor allem auch die Augen. Es braucht drei bis vier Runden, bis man sich damit vertraut gemacht hat. Eindrücklich sind die Überholmanöver. Wenn man bei dieser Geschwindigkeit plötzlich zwei, drei Autos neben sich hat, muss man richtig reagieren können. Da ist volle Konzentration angesagt.

Du bist praktisch in den Rennsport hineingeboren. Dein Vater war bereits im Kartsport erfolgreich. Wie muss man sich deine Kindheit vorstellen? Warst du immer auf Rennplätzen unterwegs?
Genau. Mein Papa fuhr seit seiner Jugend Gokart. Und mein zwei Jahre älterer Bruder hat mit 5 Jahren damit angefangen. Das bedeutete, dass ich mich bereits mit 3 Jahren immer auf irgendwelchen Rennplätzen aufhielt. Mit 7 Jahren habe ich dann selbst angefangen, Gokart zu fahren – mit der Unterstützung meiner ganzen Familie. Mein Vater war der Mechaniker meines Bruders und meine Mutter die Mechanikerin von mir. Fahrtechnisch haben mich mein Vater und mein Bruder gecoacht.

Ein echter Familienbetrieb also.
Genau (lacht). Es machte allen Spass. Wir hatten kein grosses Budget und mussten sowieso alles selber machen. Auf diese Weise lief es perfekt.

Du hast mit 7 Jahren mit dem Kartsport begonnen. Wann bist du dein erstes Rennen gefahren?
Rennen sind erst für Kinder ab 8 Jahren erlaubt, somit musste ich mich ein Jahr gedulden. Bei meinem ersten Rennen war ich allerdings superlangsam, eine richtige kleine Schnecke. Mein Bruder hat mich ganze zwei Runden überrundet. Ausserdem hatte ich gleich am Start einen Unfall. Ein anderer Fahrer ist über mich drübergefahren. Das war nicht so toll. Trotzdem hatte ich grossen Spass. Meine Eltern sagten mir damals: Du fährst, solange es dir Freude macht – aber mit der professionellen Rennfahrerei wird es bei dir nichts.

Da haben sie sich offensichtlich getäuscht. Wann hast du den berühmten Knopf aufgetan?
Es war wirklich wie ein On-off-Knopf, der plötzlich umgeschalten wurde. Nach dem 5. Gokart-Rennen in der Schweizer Meisterschaft verstand ich mit einem Mal, wie es ging. Von diesem Moment an war ich bei jedem Rennen immer unter den Top 5. Niemand konnte verstehen, was der ausschlaggebende Grund dafür war. Ich war einfach wie eine ganz andere Fahrerin. Deshalb sage ich auch immer: Ich bin das beste Beispiel dafür, dass man am Anfang nicht mit Gewissheit weiss, ob jemand Talent hat oder nicht. Vielleicht brauchen Mädchen auch einfach etwas länger, bis sie den Dreh raushaben, aber dann läuft es.

Cyndie Allemann

Cyndie Allemann

Mit 16 Jahren bist du als professionelle Kartfahrerin nach Italien gegangen. Für wie lange?
Ich fuhr dort eine Saison als Profifahrerin für ein Werksteam und war auch an der Gokart-Entwicklung beteiligt. Danach wollte ich jedoch zurück in die Schweiz, um weiter zu studieren. Es reichte mir nicht, nur Gokart zu fahren. Mir fehlte die Kopfarbeit. So beendete ich in der Schweiz die Handelsschule und machte dann Matura.

Hättest du dir auch vorstellen können, in die Wirtschaftswelt einzusteigen?
Das wollte ich ursprünglich – bis mich mein Sponsor nach Amerika schickte. Damit war es vorbei mit diesem Plan.

Und wann kam der Umstieg vom Gokart auf das Auto?
Das ergab sich eigentlich automatisch durch meine Resultate in Gokart-Rennen. Mit 13 Jahren wurde ich Europameis-terin. 117 Fahrer waren damals am Start, die 34 besten traten dann im Finale gegeneinander an. Und da habe ich als einzige Frau gewonnen. Dieser Sieg war ein Sprungbrett in meiner Karriere als Profirennfahrerin. Als ich 17 Jahre alt war, suchten die grossen Autohersteller nach neuen Talenten und ich erhielt einen Vertrag, der es mir erlaubte, Autorennen zu fahren.

Mittlerweile hast du an allen grossen Rennen der Welt teilgenommen – den Indy Lights in den USA, dem 24-Stunden-Rennen von Le Mans sowie dem Super GT in Japan. Was war dein persönliches Highlight?
Le Mans war schon etwas ganz Besonderes. Die Atmosphäre ist einzigartig. Man spürt regelrecht die Begeisterung der Zuschauer und ihre Leidenschaft für Autos. Es macht extrem Spass, hier mitzufahren.

Nimmt man während des Rennens selbst die Zuschauer überhaupt bewusst wahr?
Ja. Es hat mich wirklich beeindruckt, wie uns die Leute in Le Mans anspornten. Viel mehr als an allen anderen Rennen, an denen ich bisher teilgenommen habe.

Wie viel Training braucht die Vorbereitung auf so ein 24-Stunden-Rennen?
Die Vorbereitung ist hart, denn man braucht extreme Kondition. Wir teilen uns zwar die 24 Stunden zwischen drei Fahrern auf. Aber trotzdem sitzt man ungefähr 2,5 bis 3 Stunden am Stück im Auto. Und dort kann es unheimlich warm werden, mit Höchsttemperaturen von bis zu 50 Grad. Da musst du enorm fit sein. Für die Vorbereitung habe ich an vielen Sportlagern teilgenommen, wobei der Fokus auf Ausdauerübungen lag.

Was macht mehr Spass – Kart- oder Autorennen?
Meine Leidenschaft gehört dem Gokart-Sport. Deshalb haben mein Bruder und ich auch die Spirit Karting AG gegründet – ein Gokart-Geschäft und ein Racing-Team in Wohlen. Dort versuchen wir, unser Wissen an die jüngere – und weniger junge – Generation weiterzugeben. Diese Arbeit mache ich wirklich sehr gerne.

Was genau macht den Reiz der Gokarts aus?
Ich mag am Gokart-Sport besonders, dass er für alle Leute erreichbar ist. Ein Gokart kostet kein Vermögen und fast jeder kann sich einen leisten. Auch der Unterhalt ist günstig. Das absolut Coolste an Gokarts ist aber, dass man auf der Rennstrecke die Gegner schieben kann. Oder anders formuliert: Man kann aggressiver fahren und macht nichts kaputt – im Gegensatz zu Rennautos. Wenn man sich da berührt, ist der Schaden sofort gross und die Reparatur kostet viel Geld.

Wo liegt deine grösste Stärke auf der Rennstrecke?
Ich denke, dass ich eine aggressive Fahrerin bin. Ich kenne keine Angst und bin speziell bei Überholmanövern sehr mutig und stark. Natürlich kann das auch eine Schwäche sein.

Du sagst, du hast nie Angst auf der Rennstrecke. Auch nach einem Unfall nicht?
Über Unfälle spreche ich nicht gerne. Bisher habe ich immer sehr viel Glück gehabt. Nur einmal hatte ich einen richtig heftigen Unfall, bei dem ich schon die Sterne gesehen habe. Aber ich bin wieder aufgestanden. Es war das einzige Mal, dass ich danach ein mulmiges Gefühl hatte, wieder in ein Rennauto zu steigen. Ich zitterte richtig. Aber solche Momente muss man überwinden und sich zwingen, weiterzufahren.

Wie ist es, sich als Frau in dieser Männerdomäne behaupten zu müssen? Ein steter Kampf? Oder manchmal sogar ein Vorteil?
Es kann ein Vorteil sein, weil man als Frau natürlich deutlich in der Unterzahl ist und so den Leuten besser im Gedächtnis bleibt. Allerdings hat es auch seine Nachteile, denn wenn dich alle kennen, stehst du mehr unter Druck. Kaum machst du einen Fehler, kommt der Kommentar: Klar, sie ist ja auch ein Mädel. Da muss man im Kopf schon sehr stark sein. Mit 17 oder 18 Jahren ist man darauf nicht vorbereitet, und wenn dann das Selbstbewusstsein noch nicht so gefestigt ist, kann es als junge Frau schwierig werden.

Denkst du, dass sich Frauen in diesem Sport mehr beweisen müssen als Männer?
Dieses Gefühl habe ich. Noch heute muss ich immer wieder beweisen, dass ich schnell bin. Jedesmal, wenn du als Frau in ein neues Team kommst, stellen sich die Leute Fragen wie: Kann sie wirklich fahren? Ist sie gut? Spürt sie, was das Auto macht? Kennt sie sich überhaupt mit Motoren aus? Ein Mann beweist ein Mal, dass er schnell ist. Dann ist es erledigt. (ne)

Was Cyndie Allemann über das Thema Eifersucht in der Beziehung sagt, wie sie zu ihrer Moderatorinnen-Karriere kam und ob sie schon einmal eine echte TV-Panne erlebte, lesen Sie im «autowinter»-Magazin vom 27. Oktober 2015

27. Okt 2015 / 06:00
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